Der Bohrarbeiter und die Philosophie

Boberow (Mecklenburg), 12. Juni 1964

„Leute, wir müssen die drei beschädigten Meißel an den Straßenrand holen“, schimpfte Bohrmeister Boge, hüpfte wie Rumpelstilzchen um seine drei Bohrarbeiter herum und fügte dann als Erklärung noch hinzu, „in einer halben Stunde kommt der Transport und da sollen – da müssen! – die mit, verdammt!“

Der dreiunddreißigjährige Erwin Schmiedefeld, dünn wie eine Bohnenstange, mindesten einen Meter neunzig groß, drahtig und zäh runzelte seine braun gebrannte Stirn und schüttelte verständnislos seinen Kopf. „Wieso fährst du die Dinger nicht mit der Planierraupe hierher?“

Der Bohrleiter fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. „Mensch, das hätte ich doch längst gemacht, Erwin, aber die ist kaputt und die Reparatur dauert zu lange. Verdammte Scheiße!“

Der bullige, muskelbepackte, gegenüber Schmiedefeld zwei Köpfe kleinere Fritz Krause brummte, „dann müssen sie eben erst morgen weggebracht werden.“

„Auf keinen Fall!“, regte sich Boge wieder auf, „wir haben keinen Ersatz mehr. Die müssen heute mit, damit sie schnell repariert werden können.“

In die eingetretene Stille hinein fragte Thomas Prost, „wo liegen denn die Meißel?“

Boge zeigte mit der ausgestreckten rechten Hand über eine aufgewühlte Sandwüste zur anderen Seite der Bohranlage schräg vorbei an dem fünfundvierzig Meter hohen Turm. „Das sind mindestens zweihundert Meter.“

„Und“, Prost hob kurz seine Arme an, „wie schwer ist so ein Meißel?“

Während Schmiedefeld und Krause stirnrunzelnd ihren Kurzzeit-Kollegen ansahen, erklärte Boge gleichmütig. „Na ja, der Tiefbohrmeißel mit seinen drei Rollen aus Hartstahl, die in einem Rohr zusammengeführt werden, wird so seine eineinhalb Zentner wiegen.“

Prost überlegte kurz.

„Das sind also fünfundsiebzig Kilogramm. Die bringt ein achtzig Kilogramm schwerer Sportsmann zur Hochstrecke. – Aber – der Weg ist natürlich ganz schön lang.“

Prosts Kollegen Krause und Schmiedefeld brachen in schallendes Gelächter aus, in das Boge mit eintaktete, als er begriffen hatte, was der zukünftige Student der Verfahrenstechnik da gerade von sich gegeben hatte.

Thomas Prost war am 30. 4. 1964, nach zwei Jahren und acht Monaten Dienstzeit, ehrenvoll aus den Reihen der NVA mit dem Dienstgrad Unteroffizier entlassen worden. Sein Studium der Verfahrenstechnik an der TH in Merseburg begann aber erst am 1. September. Deshalb fackelte er nicht lange und sah sich, zur sinnvollen Überbrückung dieser Zeit, nach einer Arbeit um. Als ihm sein Vater von den Erdölbohrarbeiten erzählte, bewarb er sich sofort bei der Firma als Kraftfahrer. Dort wurde ihm mitgeteilt, dass eine Arbeit als Kraftfahrer nicht möglich wäre, ihm aber ein Job als Bohrarbeiter angeboten werden kann, sagte er sofort zu. Prost liebte schwere Arbeiten, das war schon während seiner Kindheit in einem kleinen altmärkischen Dorf so gewesen. Bei der Armee hatte er sich aus eigenem Antrieb fit gehalten, sonst wäre er dort dick und fett geworden. Prost war deshalb heute immer noch gut in Form und seine Worte keineswegs nur so daher gesprochen. Er wartete geduldig bis seine Kollegen aufgehört hatten zu lachen.

„Erwin, wenn ich mit dem ersten Meißel hundert Meter geschafft habe, kümmerst du dich dann um den Zweiten?“

Schmiedefeld überlegte. Er konnte den schlaksigen Jüngling von Anfang an gut leiden, weil der richtig derb zupacken konnte, einem eher die Arbeit wegnahm, als sie einem zuschob und man konnte kluge Gespräche mit ihm führen. Er verzog das Gesicht zu einem kleinen Lächeln, weil er sich an ihre philosophischen Gespräche der letzten Tage erinnerte. Vor Beginn einer Frühschicht hatte Thomas Prost zu ihm gesagt, „weißt du Erwin wie ungeschickt ich mich am Anfang hier auf dem Bohrturm angestellt habe?“ er drehte den Kopf zu seinem Kollegen, sah dass der ihm aufmerksam zuhörte und fuhr lächelnd fort, „ich habe anfangs zehnmal so viel Kraft gebraucht, als ich das jetzt muss. Damals war ich zum Feierabend total geschafft, jetzt komme ich nicht mal mehr ins Schwitzen,“ wieder sah er seinem Kumpel Erwin in die Augen, aber der lauschte nach wie vor seinen Worten, „jetzt kenne ich alle Handgriffe, benutze sie effektiv, genau mit der richtigen Kraftaufwendung. Ist doch interessant, Erwin? Oder?“

„‘Das Umschlagen von Quantität in Qualität‘,“ antwortete der trocken, so dass Prost verblüfft schwieg.

„Erstes dialektisches Grundgesetz,“ fügte Erwin grinsend hinzu. Schmiedefeld machte dieses Gespräche Spaß. Der Junge hörte einem richtig zu, antwortete kurz, präzise und er besaß Humor. Menschen ohne Humor strengten Erwin zu sehr an. Behauptete er zumindest von sich.

„Na mach’ mal, Thomas,“ sagte Schmiedefeld, „dann sehen wir weiter.“

Sie gingen beide in die vom Bohrleiter gezeigte Richtung. Als Thomas sich zu dem ersten Meißel hinunter beugte, um fürs Tragen den besten Griff zu finden, bemerkte er, dass auch Krause mitgekommen war. Prost griff in die Aushöhlungen, in denen sich die wie Kegelräder geformten Kreisel befanden, hob den Meißel kurz an und setzt ihn wieder ab.

„Na, wohl doch zu schwer, du Angeber?“ Krause grinste breit.

Prost ließ sich nicht stören, griff erneut zu, hob den Meißel jetzt noch ein Stück höher, sodass er genug Bewegungsfreiheit für seine Beine hatte, sein Schoß konnte auf die Art ein wenig beim Tragen helfen.  Der junge Mann watschelte ziemlich zügig  los. Krause sah ihm mit verbissenem Gesicht hinterher, während Erwin lächelte.

Als Schmiedefeld sah, dass sein Freund nicht so schnell schlappmachen würde, beugte er sich zum zweiten Meißel nach unten, hob ihn an und – watschelte – genau wie Prost, nur dass das bei Erwin noch komischer aussah, hinter seinem Kollegen hinterher. Aber komisch oder nicht, das war Erwin egal und außerdem hatten sie ja sowieso nur einen Zuschauer, den Bohrleiter. Der drückte die Fäuste fest zusammen, als könnte er auf diese Art beim Tragen mithelfen. Er hoffte inständig, dass die Männer die Strecke tatsächlich schaffen würden.

Erwin dachte trotz der Anstrengung erneut an das interessante Gespräch mit seinem jungen Freund. Nach Schichtende hatten die beiden ihre Debatte über Dialektik fortgesetzt.

„Woher weißt du das Erwin?“ fragte Prost seinen sympathischen Kollegen.

Schmiedefeld schwieg. Bis zu diesem Gespräch über Philosophie mit Prost, wusste niemand, dass er nach seinem Abi auf der ABF 1953, danach zwei Jahre in Halle an der MLU Philosophie studiert hatte.

„Ich sehe, Thomas, dass du noch andere Fragen auf der Zunge hast. Spuck sie aus.“

„Aber dann klärst du mich auf?“

„Über Sex rede ich auch gerne, obwohl…“

„Wieso Sex?“ stellte Prost sich dumm.

„Rousseau, Diderot und Madam Pompadou. Ja, ja, das 18. Jahrhundert, die Epoche der Aufklärung, war auch sehr interessant.“

„Na gut Herr Professor, hast du auch ein Beispiel für den Kampf und die Einheit der Widersprüche?“

„Du hast es doch selbst schon gesagt. Denk nach.“

„Du meinst,“ Prost zögerte, „du meinst meine Veränderung hier bei Euch?“

„Genau Scholar,“ erneut grinste er, „Bewegung ist die notwendige Triebkraft für Veränderung, Entwicklung. Ein Wesen ist in jedem Augenblick dasselbe und doch ein anderes.“

Erwin ergötzte sich an seinem, aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommenden Kollegen und Freund.

Genau auf der Mitte des Weges ließ Prost den Meißel fallen und streckte sich. Kurz hinter ihm traf Schmiedefeld ein, warf seinen Meißel ebenso in den Sand und schnaufte.

„Du bist eine kaputte Type, Prost, aber“, er zeigte mit der Hand zurück, „du hast Erfolg.“

Tatsächlich hatte sich Krause den dritten Meißel geschnappt und kam nun auf sie zu. Seinen Gang mit dem Meißel konnte man schon fast Laufen nennen. Der bullige Kerl machte das noch besser als die zwei vor ihm.

Krause schmiss seinen Meißel ebenfalls hin und schnauzte, „Prost, du bist ein Arschloch! – Aber stark. – Das hätte ich nicht gedacht.“

Dieses Lob ging Thomas tief unter die Haut, aber er sagte nichts, sondern stellte sich wieder vor seinen Meißel, ging in die Knie, hob das schwere Teil wieder an – ihm war so, als wäre es leichter geworden – und watschelte weiter. Erwin folgte ihm, seinen Gedankengang fortsetzend, auf dem Fuße.

„Hast du etwa auch studiert Erwin?“ Prosts Blick zu Schmiedefeld unterstrich seine Fragestellung. „Warum verheimlichst du das? Und überhaupt, warum arbeitest du dann hier?“

„Ich habe nur zwei Jahre Philosophie an der Uni Halle studiert.“ Schmiedefeld machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das ist alles.“

„Dann hast du Abitur?“

„ABF, auch in Halle.“

„Warum hast du aufgehört?“

„Willst du das wirklich wissen?“

„Ja unbedingt.“

„Mann, ich weiß es doch selber nicht.“

Die beiden schwiegen.

„Was ist jetzt mit dem 3. Dialektischen Grundgesetz,“ unterbrach Prost die Stille, „die Negation der Negation?“

„Das ist doch am einfachsten, Thomas.“

„Ich finde das am verworrensten.“

„Du liebst doch Mathe, hast du mir erzählt. Du musst nur richtig nachdenken, dann siehst du, wie einfach das ist.“

Prost grübelte ein zwei Minuten schweigend, bevor er weitersprach. „Ein positive Zahl wird negativ, wenn ich sie mit einer negativen multipliziere. – Ja, ist das die Negation?“

Schmiedefeld schwieg grinsend.

„Oh, ich glaube, jetzt geht mir ein Licht auf, denn wenn ich die negative Zahl nun mit einer weiteren negativen multipliziere, wird das Ergebnis positiv.“ Über Prosts Gesicht lief ein erstauntes, etwas ungläubiges grinsen. „Das ist dann wohl die Negation der Negation Erwin? Minus mal Minus ergibt Plus?“

„Das Verschwinden der alten Qualität, also Negation, ist verbunden mit ihrem Wiederauferstehen, der doppelten Negation, in einer neuen Qualität.“

Als sich Prost mit seinem Meißel dem Straßenrand näherte, fuhr dort der LKW vor und er ließ seinen Meißel dicht am Fahrzeug, zu Boden gleiten. Nur wenig später trafen auch Schmiedefeld und Krause ein, die sich genauso erleichtert von ihrer Last befreiten.

Boge tanzte freudig um die drei herum. „Mensch Leute, das ist ja wunderbar. Damit habt ihr einen Verzug beim Vortrieb der Bohrung verhindert.“

„Quatsch nicht so viel, Boge, rück lieber mit `ner Prämie raus“, brummte Krause und Schmiedefeld fügte grinsend hinzu, „die Idee solltest zu festhalten, Bohrleiter.“

Boge lachte. „Da braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Natürlich kriegt ihr eine Prämie. Aber außerdem gibt es ja Bohr-Geld pro Meter Tiefe, und da wir nun nicht in Verzug kommen werden, gibt es auch mehr von dieser Prämie.“

Die Aktion der drei sprach sich schnell unter den Kollegen der anderen Schichten der Bohranlage herum und der angehende Student merkte von diesem Tage an, dass er sich den Respekt der 18 Bohrarbeiter erworben hatte.

 

Tod

Tod

von Anni Kloß *)

Das Leben wurde schwerer.
Kleine Hilfen mussten sein.
Die Not des Augenblicks
Gebärt Gedanken für kleine Tricks.
An die – er – vorher nicht denkt.
Das Leben wird eingeschränkt.

Manche Menschen wissen nicht,
wie wichtig es ist, dass sie einfach da sind.

Die Sonne scheint heller.
Welch merkwürdiges Licht.
Im Kopf summt ein Propeller.
Und doch stört er mich nicht.

Manche Menschen wissen nicht,
wie gut es tut, sie nur zu sehen.

Ein Ton trifft das Herz.
Für den Toten unhörbar.
Verbunden mit Schmerz
Wirkt er zerstörbar.

Manche Menschen wissen nicht,
wie wohltuend ihre Nähe ist.

Die Hoffnung stirbt nie
Und doch endet auch sie.
Mit den Grenzen fürs Leben,
Die die Kriterien vorgeben.

Manche Menschen wissen nicht,
wie tröstlich ihr gütiges Lächeln wirkt.

Die Kennzeichen sind erkennbar,
Nur wenig beeinflussbar.
Im letzten Augenblick – unumstößlich.
Für die Zurückbleibenden – untröstlich.

Manche Menschen wissen nicht,
dass sie ein Geschenk des Himmels sind.

Nicht mehr ruft, nicht mehr flüstert die Natur.

Manche Menschen wissen nicht,
wie viel ärmer wir ohne sie sind.

*) mit Unterstützung von Paul Celan und Ingeborg Bachmann

Alte Liebe 2020

Alte Liebe 2020

oder

Nicht alles ist verschuldet durch Corona

„Du hast mir doch mal erzählt, dass ihr jeden Tag am Nachmittag in der Umgebung von Bennstedt spazieren geht?“

„Genau. Seit der Corona Geschichte, fahren wir mit dem Auto nur noch zum Einkaufen.“

„Immer dasselbe, wird das nicht langweilig?“

„Langweilig? Von wegen Ingrid, ich könnte dir da eine Geschichte erzählen…“

„Erzähl Henni, das klingt, ja fast… würde ich sagen… mysteriös?“

„Mysteriös? Nein, dann wohl eher prickelnd, erotisch, sexy,“ sie machte eine kleine Pause, bevor sie nachdenklich hinzufügte, „möglicherweise verursacht durch Corona?“

Henriette Fabienne Möller saß, schön auf den vorgeschriebenen Abstand bedacht, mit ihrer Freundin Ingrid im Frisörsalon, der gerade wieder öffnen durfte. Beide, immer noch sehr gut aussehenden Frauen, waren Mitte siebzig, die eine groß und schlank, die andere kleiner mit ausgeprägten weiblichen Formen. Der Andrang, einen Termin für eine Haarpflege zu bekommen, war natürlich groß. Zwei Frisörinnen, die ältere, offensichtlich die Chefin und ein blutjunge, vermutlich eine Auszubildende, arbeiten gerade an je einer Kundin ebenfalls unterschiedlichen Alters. Trotz des Abstandes war für die zwei Wartenden Zeit und die Möglichkeit sich zu unterhalten, sie mussten nur etwas lauter sprechen. Doch das schien die anderen nicht zu stören.

„Mach‘s nicht so spannend, erzähl schon.“ Ingrid wandte ihren Kopf neugierig auffordernd ihrer Freundin zu.

„Es begann beim alltäglichen, gemütlichen Frühstück, während dem wir auch meistens den Tagesablauf ein wenig planten.“

„Sag mal Moritz, welches Ziel setzen wir uns heute für unseren Spaziergang?“

„Hmm…ich weiß nicht Max, sag du.“

Das ergraute Ehepaar Henriette Fabienne Möller und Max Balladu saßen gemütlich beim Frühstück. Der Mann Max hatte, als ambitionierter Amateurliterat, seiner Frau, der Wennichmallusthabmalerin aus dem mit dem Buchpreis Leipzig 2020 ausgezeichneten Buch ‚Stern 111‘ von Lutz Seiler ein Kapitel vorgelesen. Sie hatten ein wenig darüber diskutiert, während gleichzeitig beide die letzten Schlucke ihres Frühstückskaffes schlürften.

„Weißt du Moritz,“ der Mann benutzte den vor nun schon fünfzig Jahren erfundenen Kosenamen für seine Frau, „der Seiler versetzt unsereinen in nostalgische Stimmung, es erinnert mich an unser Leben in der DDR. Wie wäre es mit einem Nostalgie Spaziergang?“

Nachdenklich sah die Frau zu ihm, trank noch einen Schluck Kaffee, wollte etwas sagen, verwarf es  wieder und schwieg. Balladu legte seine Beine hoch auf den anderen Küchenstuhl, griff zu seiner Kaffeetasse, ein zweihundertzwanzig Milliliter Pott, den er vor zwanzig Jahren aus Baton Rouge Bundesstaat Louisiana von einer Dienstreise mitgebracht hatte, trank genüsslich seinen gezuckerten und mit Sahne verfeinerten Kaffee, dachte ebenfalls nach, sagte dann, „haben wir hier schon alle Wege, die wir mit Max gelaufen sind erledigt?“ Max war ihr Golden Retriever, der bereits im Jahr 2015 gestorben war, dem sie allerdings immer noch nachtrauerten.

„Ich weiß nicht…“ die Frau brach ab, schwieg erneut, doch nach einer Minute fuhr sie fort, „was hältst du davon,“ sie kicherte vor sich hin, so dass der Mann neugierig skeptisch zu seiner Frau sah, „ob wir die Stelle wiederfinden,“ sie kicherte erneut, „wo wir uns im Freien geliebt haben?“

„Wow, mein Weib kann Ideen haben!“ Der Mann stellte seine Tasse auf den Tisch., dachte nach, „aber das ist nur richtig gut, wenn wir dann da auch wieder Sex machen.“

„Ich denke schon, wenn wir die Stelle finden und sie immer noch so schön geschützt und unzugänglich ist…dann lieben wir uns ganz materialistisch.“

„Schöner Antrieb und – tatsächlich – eine brillante Idee. Selbstverständlich machen wir das.“ Max lächelte seiner Frau anerkennend zu.

Die beiden tranken den letzten Schluck Kaffee, standen vom Tisch auf, die Frau ging ins Wohnzimmer zu ihren Rätselheften, sie hatte das Frühstück vorbereitet, während der Mann den Tisch abräumte, das Geschirr in die Spülmaschine stapelte, den Tisch abwischte, das Licht in der Küche losch, in den geräumigen Keller strebte, wo sich im ehemaligen Kinderzimmer sein Schreibtisch mit dem Laptop befand auf dem er nun versuchte mit neuer Triebkraft seine Romanideen umzusetzen.

„Hier in der Nähe müsste es sein,“ sagte Max nachdem die Beiden etwa eine halbe Stunde marschiert waren. Der Wanderweg führte hier direkt in einen schmalen, langsam abfallenden, grün bewachsenen Einschnitt im Gelände zurück ins Dorf. Max streckte seinem rechten Arm aus und wies über eine grüne nach vorne hin langsam abfallende Ebene zu einem langgezogenem Buschwerk hin, das sich auf der linken Seite des mit etwa zehn Zentimeter großen Sprösslingen irgendeiner Getreidesorte bewachsenen Feldes über zweiundert Meter erstreckte bis hin zur dann abrupt zwanzig Meter steil abfallenden Schlucht zur Straße nach Langenbogen, was sie aber von hier nicht sehen konnten.

„Ja, das denke ich auch, aber,“ sie zeigte auf den linken Rand des von Max beschriebenen Buschwerks, „ich denke das Fleckchen muss gleich hier vorne irgendwo sein.“

„Ich kann mich noch gut erinnern,“ Max zeigte erneut über das Feld zum Ende des Buschwerks auf dessen rechte Seite, „das muss ziemlich nahe an der Schlucht zur Straße liegen. Denn von da aus…“

„Ich bin sicher,“ unterbrach die Frau, „dass die schöne Stelle, wo wir uns geliebt haben, gleich hier vorn sein muss, dicht neben dem immer steiler werdenden Rand das absteigenden Wanderweges.“

„Das Beste wird sein,“ versuchte Balladu eine Lösung zu finden, „wenn jeder nach seinen Vorstellungen dieses Plätzchen sucht. – Wir treffen uns dann ja dort?“

„Gute Idee Max.“ Die Frau winkte ihrem Mann zu, schwenkte nach links, ging ein paar Meter über das Feld und verschwand im Buschwerk. Balladu sah ihr nicht hinterher, denn er war sich sicher, dass er am anderen Ende des Buschwerks die besagte Stelle finden würde. Er schritt in einer breiten Spur, die für die Pflege und Bearbeitung des Feldes von den Traktoren geschaffen worden waren, zügig voran. Tatsächlich entdeckte er kurz vor der Schlucht einen Wildpfad, der ihn durchs Buschwerk führen und an den gesuchten Platz bringen könnte.

„Wieso erzählst du nicht weiter?“ fragte Ingrid verwundert.

Genau in dem Moment merkten die Freundinnen, dass ungewöhnliche Stille im Frisörladen eingetreten war. Offensichtlich hatten auch die vier anderen im Raum befindlichen Frauen auf die Pointe der Story gewartet.

„Kann man denn in so einem Alter noch bumsen?!“ platzte die blutjunge Frisörin in die Stille hinein.

„Hanna!“ ermahnte die Chefin vorwurfsvoll ihre junge Angestellte, wandte sich dann den beiden Freundinnen zu, „bitte endschuldigen sie, wir vier haben schon seit den einleitenden Worten ‚prickelnde erotische Story‘ zugehört.“

„Und ob,“ sagte Henni mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht, „den zweiten Frühling gibt es wirklich und das ist nicht nur ein kurzes Aufflackern.“

„Ja, aber warum,“ die Kundin mit den Lockenwicklern im Haar drehte sich etwas zu den anderen Frauen um, „haben sie dann aufgehört zu erzählen?“

„Genau Henni, wie war es? Wie ging es weiter?“

„Wunderbar,“ antwortete die nur und wartete lächelnd ab.

„Das heißt… ihr habt es getan…?“

„Es zu tun war ja unser Ziel. Die Fähigkeit dazu war vorhanden und zu Hause erprobt. Nur,“ wieder machte sie eine bedeutungsvolle Pause, „uns dort im Freien sexuell zu lieben konnten wir dennoch nicht.“

„Hat er keinen hoch gekriegt,“ platzte wieder die junge heraus.

„Hanna!“ mahnte erneut die Chefin.

„Nein, das war wirklich nicht das Problem.“

„Was dann?“ hakte die Freundin nach.

„Wir haben uns,“ erneut machte sie ein Kunstpause, „nicht gefunden.“

„Wie nicht gefunden?“ fragten gleich mehrere.

„Wir haben uns erst zu Hause wiedergesehen.“

„Was?“ „Wieso denn?“ Die fünf Zuhörerinnen sahen verständnislos zur Erzählerin.

„Ganz einfach. Wir haben uns – dort – verfehlt. Jeder hatte den Platz aus seiner Erinnerung gesucht und nach seiner eigenen Meinung, wiedergefunden. Aber eben jeder einen anderen.“

Hanna lachte schallend. Die älteren schmunzelten weise, die jüngeren lächelten verhalten mit träumerischem Blick.

„Halt!“ rief die Jüngste, weil die Chefin schon wieder zur Tagesordnung übergehen wollte, „das haben sie doch nachgeholt? Oder?“

„Kluges Mädchen,“ antwortete lächelnd die Erzählerin, „selbstverständlich!“

Wie die Männer ticken.

Wie die Männer ticken.

Verfasst von Anni Kloß und Max Balladu

„Weißt du Max,“ wandte sich Amateurmalerin Henriette Fabienne Möller an ihren Mann Max Balladu den Amateurautor mehrerer Bücher, „die neue Mikrowelle verstehe ich nicht.“

„Zeig mir mal die Beschreibung Moritz.“

Die gut proportionierte, schön anzusehende Frau hörte diese Anrede, sie stammte noch aus der Zeit ihres Kennenlernens vor vielen Jahren, gern, denn sie wirkte auf sie sehr freundlich, fast liebevoll. Inzwischen nutzte sie diesen Namen in Verbindung mit ihren Initialen auch als Pseudonym ‚H. F. Moritz‘ für ihre Bilder, die zum Teil auf den Covern der Balladu-Bücher prangten und, zumindest ab und zu, für das Lektorat mancher Romane des Mannes. Das schon fortgeschrittene Lebensalter hatte der Möller – fast – nichts anhaben können. Sie drückte lächelnd dem beinahe gleichaltrigen, schlanken und immer noch sportlich wirkenden Mann, eine kleine A5 Broschüre in die Hand. Weiter still vor sich hinlächelnd sah sie zu, wie der Ingeniör i. R., wie er sich selber betitelte, zu lesen begann.

Genau damit fingen die Unterscheide zwischen den Beiden schon an. Während die Frau einfach drauflos probierte, das heißt in diesem Falle einen Knopf nach dem anderen drückte, immer von einem Piep begleitet, bis sie entnervt aufgab, weil das Gerät nun keinen Ton mehr von sich gab, machte der Mann sich immer erst geduldig über die Anleitung her und erst dann, wenn er glaubte das System erkannt zu haben, begann er damit die Knöpfe zu drücken.

Balladu betrachtete die 9 untereinander liegenden Fingerkuppen großen, sich kaum vom Untergrund abhebenden Druckknöpfe. Eigentlich waren das nur kleine Dellen in einer glatt-glänzenden Oberfläche. Er sah noch einmal kurz ins Buch, dann drückte er einen Knopf und die kleine, aber gut sichtbare digitale Anzeige, direkt oberhalb der Druckknöpfe, leuchtete auf und zeigte vier durch einen Doppelpunkt getrennte rote Nullen.

Eine Weile hatte die Frau noch geduldig daneben gestanden, doch dann wurde ihr das zu langweilig und sie verließ die Küche, um sich anderen Aufgaben zu widmen. Es hat ihr zwar auf der Zuge gelegen, dem Mann Ratschläge zu erteilen, aber dann hätte er sie ja doch nur kurz und knapp abgewiesen. Das war ihr schon so oft passiert und manchmal konnte das auch weh tun, obwohl sie genau wusste, dass es von ihm nie böse gemeint war. Im Prinzip hatte er wohl auch Recht, denn zu unterschiedlich waren ihrer beider Herangehensweisen. Natürlich wusste sie das längst, hielt sie aber oft nicht davon ab, es dennoch zu tun, sich einzumischen. Die zweite Abweisung des Mannes hörte sich dann auch entsprechend aggressiver an und das gefiel ihr ganz und gar nicht. Da in dem kleinen Reihenhäuschen alle Räume, von Kellerflur bis in die erste Etage, gleichmäßig beheizt wurden, standen fast immer alle Türen offen. So hörte sie also, wie es plötzlich aus der Küche wieder piepte. Sie verharrte mit ihrer Arbeit, lauschte, doch es hörte nicht auf, unrhythmisch zu piepen. Langsam ging die Möller zurück in die Küche, sah ihren Mann jetzt kopfschüttelnd vor dem Gerät stehen, abwechselnd ins Buch und dann auf die Knöpfe der Mikrowelle sehend. Nach kurzer Zeit, die Frau stand jetzt direkt neben ihm, sah sie, dass auf der Anzeige irgendwelche Zahlen standen. Er drückte noch einen Knopf und nun zeigte die Anzeige wieder 00:00.

„Vielleicht solltest du zuerst die Zeit einstellen?“ schlug die Möller vor.

„Ich weiß zumindest, was die Knöpfe bedeuten. Siehst du hier,“ er zeigte auf den obersten Knopf direkt unterhalb der digitalen Anzeige, „damit stellt man die Leistung von P100-P10 ein. Darunter folgt die Auswahl der Garart, also Grillen, Mikrowelle oder Kombinationen. Dann folgt mit Convection,“ er zeigte auf den dritten Knopf von oben, „eine Temperatureinstellung. Was das genau bedeutet habe ich noch nicht verstanden. Es muss etwas mit vorwärmen auf eine bestimmte Temperatur zu tun haben. Der nächste Knopf dient der Einstellung des Gewichts des Gargutes. Mit dem Fünften, das scheint mir wieder wichtig, kann man Uhrzeit und  Kochzeit einstellen,“ er sah seine Frau kurz an, bevor er den Kopf drückte – piep. Die erste Zahl in der Anzeige blinkte. „Da,“ er sah auf die Uhr, „zehn Uhr dreißig,“ Balladu fuhr mit dem Finger über den direkt darunter liegenden Knopf hinweg, mit der Bemerkung, „Achtung! Der 6. Taster bedeutet ‚Stopp/Clear‘, meint somit auch löschen und dann muss du wieder von vorne anfangen. Also sollte ich jetzt auf den Siebenten drücken, der mit  einem Pfeil nach oben, leider kaum sichtbar, gekennzeichnet ist.“ Es piepte, die erste Zahl erhöhte sich mit jedem weiteren  Piep von 1 bis auf 10. Max drückte wieder auf den Fünften mit der Beschriftung ‚Clock‘, die erste Zahl blieb bei 10 stehen und die zweite begann zu blinken. Der Mann drückte erneut, jetzt aber dauerhaft auf den fast unsichtbaren Pfeilkopf nach oben, die Zahlen liefen schnell von Null über die dreißig hinweg. „Oh, 34, das war zu weit, aber kein Problem,“ er drückte den mit einem ebenso unsichtbaren Pfeilkopf nach unten gekennzeichneten Knopf, also den 8., nun wieder langsam, so dass nach vier Piepsern die 30 blinkte und er den Vorgang durch erneute Betätigung der fünften Taste abschloss. „Das ist einfach, aber Achtung vor der Taste Nr. 6! … doch lass uns erst einmal weitermachen,“ er zeigte auf den 9. und letzten Knopf, „da steht ‚Start/+30sec/confirm‘, klingt umständlich, aber es besagt wohl, dass damit sowohl der Kochvorgang gestartet als auch die anderen notwendigen Daten nach deren Eingabe, bestätigt werden müssen, denn confirm heißt so viel wie bestätigen.“

„Die alte war viel einfacher.“

„Da stimme ich dir zu, Moritz, aber wir schaffen das auch mit diesem, an sich ja sehr guten Gerät.“

„Ja, ja, das wollte ich ja auch haben, weil innen alles aus Edelstahl und nicht aus Keramik ist,“ sie sah eine Bemerkung erwartend zu ihrem Mann, doch als der schwieg, fuhr sie fort, „die Keramik ist zu schnell von der Wandung abgesprungen und dann…“

„…korrodiert das Gehäuse. Wir werden schon klarkommen, wir lernen das. Wollen wir zusammen nochmal alles durchgehen?“

„Lass mich es nochmal allein versuchen, Ja?“

„Na klar. Mach das. Ich setze mich an den Computer und überlege, wie wir die Knöppe besser kennzeichnen könnten.“

Als Balladu um halb zwei mit einem A4-Zettel in der Hand wieder aus dem Keller, wo sich sein Arbeitsraum, in dem ehemaligen Kinderzimmer ihres längst erwachsenen und bereits vor Jahren ausgezogenen Sohnes, befand, saß die Frau im Wohnzimmer auf ihrem Stammplatz links neben der Tür in der Ecke und löste Kreuzworträtsel, eine ihrer Lieblingstätigkeiten. „Na, weißt du jetzt Bescheid, Moritz?“

„Ich hab‘ aufgegeben. Das ist alles zu verwirrend.“

„Verstehe. Außerdem funktionieren die Druckknöpfe nicht besonders gut. Erst muss man sie ertasten und dann sehr kräftig drücken. Trifft man nicht genau den Kopf, dann piepts auch nicht.“ Während er das sagte schwenkte er sein Blatt Papier hin und her.

„Was hast du da?“

„Ach ja,“ sagte Balladu, als ob er das Blatt bereits vergessen hatte, „das ist eine Skizze mit allen Knöpfen und einer genauen Bezeichnung mit roter Umrandung für die wichtigsten, die anderen schwarz. Vielleicht sollten wir an die Knöpfe entsprechende Zahlen ankleben?“ Er legte der Frau das Papier auf den Tisch. „Was meinst du?“

Die Möller betrachtete das Bild nur kurz, „ist immer noch zu kompliziert – finde ich.“

Balladu dachte schweigend nach.

„Vielleicht nur die roten Zahlen?“ fügte die Frau hinzu.

„Gute Idee. Ich denke, dass wir ohnehin nur drei Tasten brauchen. Zumindest am häufigsten brauchen.“

„Drei Tasten!“ konstatierte die Frau, „das könnte mir gefallen.“

„Hast du etwas zum Ankleben? Etiketten oder so? Dann mach ich das.“

„Gib mir Deine Skizze, ich finde was und dann mache ich das.“

„Gut. Wir sollten vielleicht unterschiedliche Farben wählen. Das wichtigste wäre, die Taste 6 ‚Stopp/Clear‘ rot zu kennzeichnen und die andern vielleicht grün?“

„Ich denk darüber nach und mache das.“

Sie absolvierten wie jeden Tag ihren Spaziergang, danach widmete sich zu Hause wieder jeder seinem eigenen Hobby. Balladu ging zurück in den Keller, nicht ohne vorher sein Abendbrot vorprogrammiert in die Röhre geschoben zu haben, während die Möller sich ins Wohnzimmer zu ihren Rätseln setzte. Aus ‚Diät‘ Gründen verzichtete sie auf ein Abendbrot.

Als um 18 Uhr die Bratröhre in der Küche zu piepen begann, stand Balladu auf, speicherte seine Arbeit, inzwischen machte er das aus Sicherheitsgründen mindestens zehnmal am Tag, ging die Treppe nach oben, um sein Abendessen aus der Röhre zu holen. Als erstes warf er aber doch kurz einen Blick auf die Mikrowelle, stutze, ging näher und … lachte schallend los. Es dauerte nur Sekunden, da stürzte seine Frau in die Küche, „was ist los? Ist was passiert?“

„Und ob meine liebes Weib,“ er zeigte auf die Mikrowelle, „das ist der Beweis!“

„Was denn für ein Beweis? Gefällt dir das nicht mit den zwei roten und dem einen grünen Punkt?“

„Doch, doch, das hast du wunderbar gemacht!“ Dennoch lachte der Mann weiter.

„Aber worüber lachst du denn dann?“

„Über eine Erkenntnis mein Moritz, eine Erkenntnis über die sich schon viele Männer den Kopf zerbrochen haben.“

„Ja und, was soll das denn sein?“

„Wie Frauen ticken!“

„Aber was hat das mit unserer Mikrowelle zu tun?“

„Sie mal Frau,“ wieder zeigte er auf die Pünktchen, die sie angebracht hatte, „du hast die beiden Knöpfe Zeit und Start rot gekennzeichnet und die Stopptaste grün. Ich hätte es genau umgedreht gemacht, verstehst du?“

Die Möller sah zur Mikrowelle, dachte angestrengt nach, sah zurück auf ihren Mann, „na gut, mein Mann, aber dann kann ich dir jetzt genauso gut sagen, dass ich endlich verstanden habe,“ sie machte eine kleine Pause, sie sah, dass ihr Mann voller Aufmerksamkeit war und fuhr fort, „wie die Männer ticken.“

„Volltreffer!“ stimmte Balladu zu und beide lachten aus vollem, und für den Moment zufriedenem, Herzen.

Nachbemerkung:

Die erste Fassung dieser Geschichte hatte mein Freund Balladu verfasst. Bei ihm sollte der Titel heißen ‚Wie Frauen ticken‘, aber dann fand er, dass dieser Name sofort die Feministinnen auf den Plan rufen könnte und reichte den Entwurf an mich weiter. Das fand ich auch gut, denn es liegt ja auf der Hand, dass das Thema logischer Weise aus beiden Richtungen betrachtet werden kann. Und ich denke sogar, betrachtet werden muss. Auf gar keinen Fall sollte mit der Überschrift weder die Frau noch der Mann zum Sündenbock gemacht oder ganz und gar hintergangen werden. Deshalb ist obige Geschichte das Werk von Mann und Frau.

Wie gut, wenn Mann und Frau auch ‚nur‘ Freunde sein können.

Corona – Information

Die zuverlässigste Information erhält man wohl über die Webseite:

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/nCoV.html

Deshalb und weil sich die Zahlen seit 23.3. nicht mehr änderten, haben wir am 30.3. die Statistik auf der Seitenleiste entfernt!

Dieser Beitrag wurde am 19. März 2020 in Allgemein veröffentlicht.

Das Armband

Die Uhr fiel krachend zu Boden, der Gehäusedeckel flog ab, rollte über die Fliesen der Küche und blieb scheppernd in einer Ecke liegen. „Scheiße!“ Max Balladu bückte sich, fasste das, aus seiner Halterung gesprungene Ende des Armbands, erhob sich nachdenklich das Uhrwerk betrachtend, drehte das Objekt um und sah, dass die Clock stehen geblieben war. „So ein Mist,“ schimpfte Balladu laut, „ausgerechnet jetzt,“ fügte er leiser hinzu. Gerade hatte er damit begonnen, alle Zutaten zum Backen eines Streuselkuchens auf dem Tisch zusammenzustellen.

„Was ist passiert?“ Henni Moritz kam, vorsichtig um die Ecke sehend, in die Küche. Eigentlich hieß die mit Balladu verheiratete Frau Henriette Fabienne Moritz, aber alle Freunde und Verwandten nannten sie Henni, nur ihr Mann sagte fast ausschließlich Moritz zu ihr, was aus seinem Mund anerkennend, fast zärtlich klang.

„Wat denn schon, das Scheißarmband ist wieder kaputt, Henriette.“ Er starte unverändert auf Uhr und Armband.

‚Mann ist sauer,‘ dachte sie folgerichtig, denn Henriette sagte er nur, wenn er sich ärgerte – über sie. Aber was hatte sie mit seiner Uhr zu tun? „Weißt du was, du kannst die achtzig Euro aus dem Wohnzimmerschrank holen, die ich da für eventuelle Notfälle zurückgelegt habe.“ Sie beobachtete ihren Mann, aber der bastelte nur schweigend irgendetwas an dem Armband herum. „Kauf dir endlich eine neue Uhr!“ Nach kurzem Abwarten fragte sie nach, „hast du mich gehört Max?“

„Ich vergreif mich doch nicht an deinem Notgroschen.“

Damit war der Fall für ihn erledigt. Balladu legte die Uhr mitsamt dem nur noch einseitig befestigten Armband seitlich auf den Tisch und widmete sich wieder der Backvorbereitung.

„Hier hast du die achtzig Euro Max,“ sagte die Frau nachdem sie aus dem Wohnzimmer zurückkam. Doch der Mann nahm keine Notiz von ihr und dem Geld- Also legte sie es einfach neben das Armband.

Nachdem der Kuchen fertig war, ging der Mann zu seinem Arbeitsplatz im Keller. Die Moritz warf nur einen kurzen Blick in die Küche. Das Geld war weg.

Um 13 Uhr 30 schritt Balladu die Treppe wieder nach oben, weil die zwei um diese Zeit regelmäßig zu einem Nachmittagsspaziergang aufbrachen. Oben angekommen brummte er, „ich habe das Geld eingesteckt, aber ob ich davon eine Uhr kaufe, wage ich zu bezweifeln.“

Das Ehepaar fuhr meistens mit dem Auto an bestimmte Orte, die ihnen gefielen und gingen dort dann spazieren. Gern besuchten sie in diesem Zusammenhang auch die diversen Einkaufszentren von Halle, wenn vielleicht irgendeine kleine Beschaffung notwendig sein sollte oder einfach nur das Wetter sehr schlecht war. Das Ziel legten sie fast immer erst kurz bevor sie aufbrachen fest. „Und, fahren wir zum Neustadtcenter?“

„Du sollst dein Geld für dich verwenden Moritz. Jetzt will ich das Armband im Geschäft nur wieder an der Uhr anbringen lassen.“

„Dachte ich mir schon, aber das Geld behältst du trotzdem,“ wehrte die Frau sofort ab, weil der Mann Anstalten machte seine Geldbörse aus der Tasche zu ziehen.

„Na gut. Ich behalte es erst einmal.“ Er schob das Portemonnaie wieder in die Tasche zurück. „Eigentlich würde ich viel lieber eine Uhr mit Digitalanzeige haben, aber  da finde ich im Internet nur einen einzigen Typ, der auch mit Funk und Solar ausgerüstet ist.“

„Und warum kaufst du die nicht?“

„Die Anzeige ist zu klein.“

Schweigend verließen sie das Haus, stiegen ins Auto, fuhren auf einen Parkplatz nicht zu weit entfernt vom Neustadtcentrum. Zwar wollten die zwei immer noch ein bisschen laufen, aber je älter sie wurden umso besser mussten sie ihre Kräfte einteilen.

„Ich geh am besten allein rein,“ sagte der Mann, als sie vor dem Uhr- und Juwelierladen angekommen waren.

„Sieh dir wenigstens die anderen Uhren an,“ konnte die Frau sich nicht verkneifen zu bemerken. Max verschwand wortlos im Geschäft.

„Wow,“ der Mann kam nach zehn Minuten aus dem Laden, „das junge Weib hat mich besoffen gequatscht,“ söhnte der Mann, „aber weitergeholfen hat sie mir dadurch nicht.“

„Willst du damit sagen, dass das Armband immer noch …“

„Neun Neunzig,“ unterbrach Balladu grinsend und zeigte auf die wieder kurz über seinem Handgelenk befindliche Uhr.

„So teuer dieses Mal?“

„Sie hat einen neuen Splint zur Befestigung des Armbands eingesetzt, weil der andere, alte, nichts taugen würde. – Sagte die Quasselstrippe.“

„Wie oft hast du dieses Armband schon befestigen lassen? Zehnmal, zwanzigmal?“

„Quatsch! Aber vier-fünfmal waren es wohl schon. Auch oben an der Ostsee.“

„Warum löst sich das Armband überhaupt?“

„Es ist noch ein bisschen zu lang. Deshalb rutscht es manchmal, zum Beispiel wenn ich mich bücke, über das Handgelenk. Belaste ich dann das Gelenk indem ich es beuge, steigt der Druck auf das Armband und dann gibt die schwächste Stelle nach. Das ist in der Regel der Splint zur Befestigung am Uhrgehäuse.“ Nach kurzem Nachdenken fügte er noch hinzu, „ich sollte es vielleicht doch noch etwas kürzen lassen.“

„Ich verstehe dich nicht Max. Warum sträubst du dich so eine neue Uhr zu kaufen? Vielleicht gleich mit einem Lederarmband.“

„Zu teuer,“ war die schnelle Antwort. Das klang wie ‚Howgh, ich habe gesprochen!‘ Die Moritz ließ den Mann zufrieden.

„Schlecht ist nur,“ fing plötzlich Balladu von allein wieder an, „dass diese Frau,“ er zeigte kurz mit dem Daumen der rechten Hand über seine Schulter, „nicht auch die losen Buchstaben unter dem Uhrglas herausgeholt hat. Das heißt, dass die Zeiger ab und zu erneut festhängen können.“

„Und dann?“

„Muss ich die Uhr neu starten. Zum Glück  weiß ich ja jetzt, nach langem Suchen, recherchieren und probieren,“ Balladu klopfte mit dem Zeigefinger der rechten Hand an seinen Kopf, „was ich bei dieser Watch für einen Neustart tun muss, also ist das kein Problem mehr.“

Der Mann sah zum Laden zurück. „Aber es nervt mich trotzdem.“

„Sag ich doch, kauf dir …“

„Nein!“ Das Nein klang strenger, als der Mann es gewollt hatte, aber er merkte es nicht. „Das mach ich allein – das mit den gelösten Buchstaben und Zahlen,“ dieses Mal klopfte er aufs Uhrglas, „mach ich selber.“

Die Frau schwieg, der barsche Ton hatte ihr weh getan.

Die Rückfahrt verlief schweigend, obwohl sich beide wieder besonnen hatten. Kaum zu Hause angekommen, machte Balladu sich bereits im Wohnzimmer ans Werk. Er setzte sich in seinen Fernsehsessel. Offensichtlich wollte er die Sache schnell hinter sich bringen, obwohl er keine Bedienungsanleitung mehr besaß. Eigentlich wusste er selbst, dass unüberlegtes, unplanmäßiges Handeln meistens in die Hose ging. Das begann bereits damit, dass er nicht wusste, auf welcher Seite die Uhr geöffnet werden musste. Deshalb wog er die zwei Möglichkeiten gegeneinander ab: 1. von vorn über das Uhrglas oder 2. von hinten über den Deckel. Entschlossen setzte er sein Taschenmesser unterhalb des Glases in der kaum sichtbaren Ritze an, drückte energisch und – Zack! – flog die Uhr auf den Teppich. Der einzige Effekt, den dieser Gewaltakt gebracht hatte, war, dass das Armband erneut aus der Halterung gerissen worden war. Allerdings dieses Mal auf der anderen Seite. Schweigend, voller Zorn über sich selbst, stand der Mann auf und stapfte in den Keller, wo er seinen eigentlichen Arbeitsplatz hatte, bestehend aus einem kleinen Tisch und – mit einer kleinen Lücke zum Hindurchgehen dazwischen – einem einfachen Schreibtisch in etwas derselben Größe. Während auf dem einem der Laptop stand, diente der andere der Erledigung von Aufgaben, für die der Mann mehr Platz benötigte, zum Beispiel für die jetzt notwendige Bastelei.

In dem Moment, als die Uhr im Wohnzimmer zu Boden geflogen war, wusste Balladu – abgesehen von seiner Unbesonnenheit – was er falsch gemacht hatte, er würde genau über die andere Seite, also über den Deckel, an das Ziffernblatt herankommen. Innerhalb von fünf Minuten lagen drei ziemlich kleine, goldglänzende Buchstaben und zwei Zahlen auf dem Schreibtisch und die Uhr war wieder montiert. Nur das Armband musste also erneut vom Mechaniker mit dem Halterungsbolzen befestigt werden. ‚Das sind also noch einmal drei Euro, mit einer Verkürzung vielleicht vier,‘ dachte der Mann und ‚aber dann brauche ich keine neue Uhr.‘ Dieses Chronometer, ausgerüstet mit Funk und Solar, war jetzt etwa fünf Jahre alt und bis auf die Probleme mit dem Armband, hatte das Gerät selbst sehr gut funktioniert. Nach der Kürzung saß das Armband fest an seinem linken Unterarm. Ab sofort sollte dieses Problem Armband und Uhr erledigt sein.

Oder etwa nicht?

Balladu setzte sich an den Computer, begann zu schreiben und – verschrieb sich sofort. Das Uhrarmband klemmte am Rand des Laptops fest. Früher brauchte er das lockere Armband nur weiter am Arm hochschieben und schon konnte er weiterarbeiten. Das ging nicht mehr. Als sich der Vorgang erneut wiederholte, ahnte er, dass wohl doch ein neues Armband fällig war. ‚Aber auf keinen Fall eine neue Uhr!‘ dachte der Mann. Bereits bei seinen Recherchen im Internet zu einer neuen Uhr oder wenigstens einem Armband, bei dem er den Umfang so verstellen konnte, dass es sowohl fest als auch etwas lockerer am Handgelenk anliegen konnte, hatte Balladu entdeckt, dass es ein einfaches Handwerkszeug gab, das aussah wie ein Schraubenzieher, aber mit einer u-förmigen Einbuchtung in der sogenannten Klinge. Dem Mann leuchtete sofort ein, dass – vermutlich – damit die Stege viel einfacher anzubringen seien. Entschlossen bestellte Balladu ein braunes Lederarmband mit passenden Stegen und dieses spezielle Uhrwerkzeug im Internet. Nach drei Tage hielt er beides in den Händen. Nach weiteren fünfzehn Minuten konnte er sich zum ersten Mal die Uhr mit dem neuen Armband anlegen.

War jetzt auch diese Problem endlich vom Tisch?

Am Abend des nächsten Tages wusste er es. Der Fall war erledigt.

Aber was machte er nun mit den 80 Euro? Irgendwas Gutes für seinen Moritz, aber was?

Doch das ist eine andere Geschichte.

 

Dieser Beitrag wurde am 8. Februar 2020 in Allgemein veröffentlicht.

Start in das Jahr 2020

Gefühlte Gedanken

Anni Kloß

Jene Zeiten: Oh wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war die eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.  

Ich möchte Tränen um dich weinen
Wie sie das Weh vom Herzen drängt;
Mein Leben hing so sehr an deinem,
Ich fühl’s, allein in diese Welt gezwängt.
Mein Leib, von dir, die lebenden Reste,
Ich läg mit dir, gemeinsam auf der grüner Flur.
Und nah, nah bei dir das Beste,
Unter meinem Herzen – nur!

Ich schweig mit mir, wie alle Glocken schweigen!
In die Mulde meiner Stummheit
leg ein Wort
und zieh Wälder groß zu beiden Seiten,
dass du, mein Mund, mein Herz
ganz im Schatten bleiben.

Frei nach:
Rilke, Die Liebende
Annette von Droste-Hülshoff, Die tote Lerche
Bachmann, Psalm, 4

 

Ein gutes, aktives, erfolgreiches und gesundheitlich stabiles Jahr 2020

wünschen

Max Balladu und Anni Kloß

 

Apps, der Automat

Eine kleine Geburtstagsgeschichte

Frau Henni ging in den Keller, um Zwiebeln und Kartoffeln für das Mittagessen zu holen. Sie nutzte diese Gelegenheit dazu, ins ehemalige Zimmer ihres jüngsten Sohnes zu gehen, das sich die beiden Alten, Henni und Herwig, als Studierzimmer eingerichtet hatten, um auf dem Bildschirm ihres PCs die Emails zu checken und zu beantworten oder auf Skype Videos und Bilder ihrer Söhne und Enkel anzusehen und zu kommentieren. Heute fühlte sie sich außerdem verpflichtet ihren Mann mit einer Erinnerung auf den Wecker zu fallen, denn dessen Schwester Helga hatte heute Geburtstag. Henni hörte schon die Antwort, ‚Henriette,‘ das sagte er immer, wenn er mich ärgern wollte, ‚das weiß ich doch! Du nervst.‘ Scheinbar  gab er alle seine… und ihre Termine in den Laptop ein und der alarmierte immer rechtzeitig, – behauptete er. Na ja, sie, für sich persönlich, traute der Technik nur sehr begrenzt. Oft genug hatte sie es schon erlebt, dass durch irgendwelche Fehler schlagartig alle diese Daten verschwunden waren, ja und dann? Die Software wäre zwar immer besser geworden, sagt mein Mann, aber er gab auch zu, dass die oft nur kleinen Veränderungen durch neue Updates, die zwar die Programme zuverlässiger als früher machten, aber andererseits auch ihm, dem Ingeniör, immer häufiger Schwierigkeiten bereiteten, weil er nicht gleich kapierte, wie die Änderung zu handhaben sei, ohne einen Fehler zu machen.  Genau, einen Fehler und – weg war das Adressbuch oder eben die Geburtstage. Also erinnerte sie ihn sozusagen prophylaktisch.

„Wann willst du denn deine Schwester anrufen?“

„Gut, dass du fragst, mein PC hat auch schon gepiept,“ er sah lächelnd zur Frau auf, „wollen wir gleich anrufen?“

„Wie spät ist es denn? Du weißt …“

„… gleich neun, das müsste doch gehen?“

„Ja, ja Helga ist sicher aufgestanden und Hans stört das Klingeln nicht.“

Helga, die drei Jahre ältere, selbstbewusste, couragierte Schwester, eine promovierte Zahnärztin im Ruhestand, lebte mit ihrem Mann Hans, einen Gymnasiallehrer für Mathe und Physik nach wie vor in der kleinen idyllischen Provinzstadt Osterburg. Ja, mit seiner Schwester hatte Herwig immer etwas Besonderes  verbunden und er glaubte nicht nur, weil sie verwandt miteinander waren. Mit ihr konnte er sich sowohl sehr gut unterhalten als auch streiten, fruchtbringend streiten. Allerdings war das wohl vor allen Dingen Helgas Diplomatie zu danken. Die Schwester konnte sich viel besser beherrschen als ihr jüngerer Bruder. Weshalb der Bruder ihr schon ab und zu herzloses Verhalten vorgeworfen hatte, indem er ihr dann ‚herzlose Sandra‘ an den Kopf warf. Das ist der Name einer Figur, die aus den Geschichten herrührte, die ihre Mutter den beiden Kindern im Bett erzählt oder vorgelesen hatte.

„Gut,“ Herwig griff zum Telefon, „rutschen wir ein bisschen zusammen, dann kann ich den Hörer hier,“ er zeigte auf die Ecke seines Schreibtisches, „ablegen und laut stellen.“

Der Mann wählte die Nummer aus dem internen Telefonbuch, drückte zweimal auf den grünen Knopf, beide hörten die schnelle Reihenfolge der Laute, als die Zahlen eingelesen wurden und wenig später das Besetztzeichen, ein schnell aufeinanderfolgendes, „piep, piep, piep…“

„Scheiße besetzt.“ Er wartete ein paar Sekunden, wählte dann erneut und … jetzt, mit größeren Abständen, piep – piep, das Rufzeichen. Schneller als erwartet hörten sie eine fremde Stimme:

„Hier ist der private Telefonautomat Apps von Hans und Helga Meinecke. Bitte sagen sie nach dem nächsten Piep ihren Namen – Piep.“

In die Stille hinein und etwas vom Telefon abgewandt fragte Herwig, „sag mal, haben wir uns verwählt?“

„Aber der Name hat sich doch wie Hans und Helga Meinecke angehört?“ flüsterte die Frau.

„Das habe ich nicht verstanden, bitte wiederholen sie.“

„Mensch, Max Balladu, verdammt,“ knurrte der Mann laut in Richtung Telefon.

„Mensch Max Balladu verdammt,“ reagierte der Automat, „wenn die Angelegenheit

  • beide betrifft, drücken sie die           1
  • Nur für Hans wählen sie die             2
  • Nur für Helga wählen sie die            3“

Herwig drückte hastig die 2. „Mist! Verdrückt!“

Der Automat spulte weiter sein Programm ab

  • „Wollen sie Hans eine Nachricht hinterlassen drücken sie die      1
  • Für eine Anfrage die                                                                                2
  • Für ein Gespräch drücken sie die                                                         3“

„Gottverflucht, wie kann ich mich denn korrigieren, ohne das Gespräch…“

„Mensch Max Balladu verdammt drücken sie eine Zahl zwischen 1 und 3“

quatschte der Automat dazwischen.

Herwig drückte zornig die 1.

„Sie haben 20 Sekunden Zeit, Piep.“

„Mensch ich wollte doch nur…“

„… du kannst doch zu Hans nicht einfach Mensch…“

„… na Helga hat doch – ich habe mich vertippt, entschuldige Pit.“

„Danke für die Nachricht Mensch Max Balladu verdammt.“

Noch bevor Herwig das Gespräch beenden konnte, piepte es wieder in der Leitung, der Automat hatte die Verbindung bereits unterbrochen.

„Was sagst du dazu Weib?“ Herwig starrte seine Frau an, aber die erwiderte nur verständnislos seinen Blick. „Das hätte ich meiner Schwester gar nicht zugetraut. – Aber – Interessant.“

„Gibt es denn solche Apparate inzwischen tatsächlich?“ Die Frau glaubte immer noch im falschen Film zu sein.

„Programmiertechnisch ist das überhaupt kein Problem. Der Name des Automaten heißt vermutlich nicht zufällig Apps, denn eine App besteht ja mehr oder weniger aus kleinen Programmen.“ Herwig starrte auf den Hörer, „aber ist das auch nützlich? – Egal, ich will wissen, was Apps noch drauf hat.“ Herwig drückte die Wahlwiederholung, schaltete durch nochmaliges Drücken wieder den Lautsprecher an, behielt aber das Mobilteil in der Hand.

Dieses Mal nannte er schnell seinen richtigen Namen, Herwig Flessel, drückte bei der ersten Abfrage die 3 für Helga und dann die Taste 2 für eine Anfrage.

„Frau Hedwig Flessel,“ sagte der Automat, „wenn sie eine Fremde sind

  • drücken sie die             1

wenn du eine Verwandte bist

  • drücke die                         2

wenn du eine Freundin bist

  • drücke die                         3“

Herwig drückte die 1.

„Sie haben für ihre Anfrage an Frau Dr. Helga Meinecke 20 Sekunden Zeit. Sprechen sie nach dem Piepton. – Piep.“

„Hier ist nochmal der Mensch Max Balladu ohne verdammt. Ich rufe nur an, weil ich weiß, dass sie, Frau Doktor, mein Buch ‚Ein Mensch 08-15? gelesen haben. Da der Titel ein Fragezeichen enthält, würde ich gern wissen, wie sie persönlich diese Frage beantworten. Danke im Voraus.“

„Danke für die Anfrage an Frau Dr. Helga Meinecke.“ Piep, piep, piep.

„Jetzt mach‘s doch mal richtig, Mann.“

„Was heißt hier richtig,“ empörte sich der Mann, „ich habe alles richtig gemacht, aber der Automat…“

„Gib her, jetzt bin ich dran.“ Henni griff sich das Telefon, wählte die Nummer noch einmal komplett neu, der Ruf ging raus und nach drei Sekunden meldete sich wieder der Automat. Sofort drückte sie das Teil wieder ihrem Mann in die Hand. Scheinbar hatte sie gedacht, dass der vorher doch etwas falsch gemacht hatte, und dass sich jetzt das Geburtstagskind direkt melden würde. Aber auf keinen Fall wollte sie mit einem Automaten reden.

Herwig fackelte nicht lange, sprach seinen Vornamen ganz langsam und deutlich aus, dann drückte er zuerst die 3, dann nochmal die 3 für ein direktes Gespräch mit Helga. Die nächste Abfrage beantwortete er mit der 2, also verwandt, und wartete gespannt auf die Antwort.

„Hallo Wicki, ich verbinde.“

Herwig vernahm das Knacken, und nur eine Sekunde später hörten sie beide die Stimme seiner Schwester Helga. „Meinecke.“

„Hallo Schwesterchen! Hier sind Henni und Herwig…“

„…hallo!“

„… herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Schwesterlein und …“

„…Gesundheit, Freude…“ ergänzte Henni

„Danke ihr beiden. Das ist…“

„Sag mal Schwesterchen, was hast du denn mit deinem Telefon gemacht?“

„Das fragst gerade du Wickie, Brüderlein? Du hast doch immer gesagt, dass mein Apparat zu alt ist, ihr mich schlecht versteht und jetzt habe ich einen neuen gekauft und das ist dir auch nicht recht?“

„Ja, das stimmt,“ meldete sich Henni, denn am häufigsten telefonierten die beiden miteinander, „wir haben dich manchmal nur sehr schlecht verstanden. Das ist heute auf alle Fälle viel besser…“

„… aber von einem solchen Apps,“ unterbrach Herwig, „habe ich ja noch nie was gehört. Wie bimmelt das Ding denn, wenn ich nur Hans oder, wie heute, nur dich sprechen will?“

„Da gibt es keinen Unterschied.“

„Wie bitte? Wozu dann die ganze Fragerei? Das hat ja ewig gedauert.“

„Ja, du sagst es. Anfangs hat zu den Ansagen des Automaten, wenn man ihn später abgehört hat, auch eine IQ-Angabe zum jeweiligen Anrufer …“

„…was Schwesterchen, das ist ja toll, dann…“

„Vorsicht Brüderchen, du hast ziemlich viel Zeit gebraucht, wie du ja selbst festgestellt hast und dann hätte da gut rauskommen können, dass …“, sie stockte unsicher, „naja, ich will dich auf keinen Falle Beleidigen, aber…“

„…ich doch nicht so schlau bin, wie ihr alle immer dachtet, sondern nur ein IQ von 100, also Durchschnitt, habe?“

„Genau das wollte ich vermeiden, weil es ja Quatsch ist mit nur wenigen Aussagen, wie Zeit, Ausdrucksweise und richtiger Grammatik eine Intelligenz zu best…“

„…ach, Schwesterlein, aber lustig wäre es schon gewesen. Ich bin zum Beispiel schon froh, dass wir überhaupt durchgekommen sind und nicht in Panik aufgegeben haben.“

„Ich habe mir das vom Verkäufer aufschwatzen lassen, aber…“

„…so viel Humor hätte ich dir gar nicht zugetraut, Schwesterlein, aber – sehr gut, das haut mich glatt um…“

„…muss ich jetzt auch immer,“ mischte sich Henni in das Gespräch ein, „zuerst mit dem Automaten sprechen,“ fragte Henni mit sorgenvoller Stimme.

„Ach was, Henni, wenn der Automat deine Stimme hört, stellt er dich sofort durch.“

„Gott sei Dank, denn sonst hätte ich mich gar nicht mehr getraut dich anzurufen.“

„Das würde ich sehr bedauern, Henni, die Gespräche mit dir sind immer sehr informativ, denn mich interessiert jeder einzelne in eurer großen Familie.“

„Das ist das Stichwort. Wie geht es Hans? Was machen die Italiener? Wie geht es der slowakisch-deutschen Familie?“

Während die Frauen mindestens noch eine halbe Stunde miteinander schwatzen würden, setzte Herwig sich wieder ab in den Keller, seine Frau würde ihm ohnehin jede Einzelheit des langen Telefongesprächs übermitteln, ob er das wollte oder nicht.

Leseprobe Buch 9

Leseprobe aus ‚Lose Blätter‘, dem 9. Buch von Max Balladu

EWa – Weggefährten (1)

Ich war 14, hatte ein sonniges Gemüt und war pummelig, was zur damaligen Zeit kein Makel war. Der Vorgarten war der mir vom Vater zugewiesene Beitrag zur Pflege von Haus und Garten. Dort war ich bei eitel Sonnenschein im Sommer und schwitzte. Auf einmal fiel ein Schatten über die Beete.

Als ich aufsah, stand da ein fremder, etwa gleichaltriger Junge und grinste.

„Tach, ich bin Bahni.“

„Was für ein Name!“

„Na eigentlich heiße ich Klaus-Dieter Bahnhof. Wer will schon so heißen! Also nannten mich alle seit dem Kindergartenalter Bahni. Das ist was Besonderes, also gut.“

Ja, so war er, er musste immer irgendwie aus der Reihe tanzen, bei dem was er tat, sagte oder wie er aussah. Er erklärte mir, dass er zu seiner Mutter in das gegenüberliegende Haus gezogen war. Seine Mutter hatte den Witwer geheiratet, der dort lange allein gewohnt hatte. Sie hatte ihren Sohn noch bei ihrer Verwandtschaft gelassen, bis sie sich sicher war, dass ihr neuer Mann mit diesem besonderen Sohn fertig werden könnte.

Nun also war er hier.

Mir gefiel, wie er aussah und ich bewunderte seine Kühnheit, mich einfach anzusprechen, so allein, nur er und ich. Normalerweise passierte das Kennenlernen Gleichaltriger in der Gruppe. Aber wir verstanden uns sofort. Er war lustig und bei Erwachsenen immer höflich. Das gefiel auch meinen Eltern. Sie vertrauten ihm. In seiner Gesellschaft durfte ich später, mit 16! zum Tanzen ins Nachbardorf. Mit dem Fahrrad erreichten wir alle Tanzflächen bis etwa 15 km Entfernung von zu Hause. Wir hatten eine tolle Abmachung. Wir fuhren gemeinsam hin, tanzten den ersten Tanz und auch den letzten und was in der Zwischenzeit passierte, ging den jeweils anderen nichts an. Mir ging es gut dabei, ich hatte einen Beschützer und war ihm dennoch zu nichts verpflichtet.

Um diese Zeit herum richtete unser Dorf auf dem Saal der Gaststätte den Talente Wettbewerb im Schlager- und Volksliedergesang aus. Natürlich wollten wir Mädchen sehen, wen wir kannten von denen, die sich auf die Bühne trauten. Ich glaubte zu träumen. Da stand doch wirklich Bahni auf der Bühne und sah zu mir herüber. Er sang ‚Marina, Marina, Marina‘ mit meinem Namen. Ich versuchte zu lächeln, aber am liebsten hätte ich mich unter dem Tisch verkrochen. Alle sahen mich an. Ich war puterrot und schämte mich. Wieso eigentlich? Hätte ich nicht stolz sein können, dass da einer für mich sang? Öffentlich? Ob er mit diesem Schlager einen Platz gewonnen hat, weiß ich nicht mehr.

Aber an eine andere, für ihn typische Begebenheit, erinnere ich mich genau. Mein Zimmer lag zur Hofseite raus. Ich war gerade ins Bett gegangen, da fielen kleine Steinchen an mein Fenster. Zuerst war ich erschrocken, doch dann dachte ich, dass das nur Bahni sein könnte. Also lugte ich hinter der Gardine hervor. Da stand er und hielt einen großen Strauß Blumen in der Hand. Ich öffnete das Fenster, er sprang in die Höhe, ich griff nach dem Strauß, er winkte und schon war er verschwunden. Rot waren die Blumen. Wie sonst? Es waren viele rote Tulpen. Ich umarmte sie, stellte sie dann lächelnd in eine passende Vase und diese wiederum in den Hausflur auf die Konsole, auf der das Telefon stand. Wir hatten nämlich als eine der wenigen Familien im Ort ein Telefon, weil mein Vater selbständig war. So kam es häufig vor, dass Leute aus der Straße zu uns kamen oder bei uns Anrufe ankamen und wir die entsprechenden Personen ans Telefon holen mussten. Am anderen Tag musste ich Frau Kahle holen, die drei Häuser weiter wohnte. Sie kam auch gleich mit. Als sie unseren Hausflur betrat, schrie sie: „Da sind ja meine Tulpen!“ Ich verschwand in mein Zimmer und hoffte, dass mein Vater nichts von dem Vorfall mitbekommen hatte. Als Frau Kahle mit dem Telefonat fertig war, hatte sie sich schon etwas beruhigt, rief mich und meinte nur:  „Na so ein Lümmel, aber kannst die Blumen behalten, sieh dich nur vor, wer beim Nachbarn Blumen stiehlt, wird später auch andere Dinge stehlen.“

Sei behielt nicht recht. Aber Blumen hat er mir noch öfter gebracht. Von denen erfuhr ich aber nicht, woher sie waren. Ich nahm sie und freute mich, trotz eines mulmigen Gefühls. Denn es waren nie Blumen, die im Garten seiner Eltern wuchsen.

Jahre vergingen, wir feierten Geburtstage, Silvester, Schulabschlüsse gemeinsam mit Freunden. Oft bei Bahni im Elternhaus. Vater und Mutter quartierten sich für zwei Tage bei Bekannten ein und Bahni und ich beseitigten am Morgen nach der Fete die Spuren und Reste. Doch meist uferten unsere Treffen nicht aus und wir hatten manchmal auch am Tag danach noch Hilfe von den Freunden. Wenn die Mutter Bahnis am Mittag auf der Matte stand, verlief die Abnahme immer ohne Beanstandungen. Bloß gut, dass alle anderen Eltern, auch meine, waren nicht bereit, ihre Wohnungen für unsere Feiern zur Verfügung zu stellen.

Inzwischen hatte ich in Jena mit dem Studium begonnen und schwänzte jeden zweiten Sonnabend die Vorlesungen, um nach Haus zu fahren. Oft erwartete mich Bahni auf meinem Umsteigebahnhof Magdeburg und fuhr dann mit mir gemeinsam mit dem Personenzug in unser Heimatdorf. Doch einmal, im Dezember, hatte er die verrückte Idee, wir könnten doch noch den Weihnachtsmarkt in der Bezirkshauptstadt besuchen. Nur ein paar Pfennige in der Tasche, aber voller Neugier, liefen wir an den Buden vorbei, freuten uns über die bunten Auslagen und staunten über die großen Karussells. Dann war da eine riesige Rutsche, die man auf Kokosmatten sitzend, herunterrasen konnte. Nur einmal, nur einmal möchten wir da rutschen. „Du musst lächeln, dem Kartenverkäufer in der Bude schöne Augen machen, vielleicht darfst du für die Hälfte des Preises.“ Wir hatten unser Klimpergeld gezählt und festgestellt, dass es nur für ein und eine halbe Karte reichte. Mit heftigem Herzklopfen näherte ich mich dem Kartenhäuschen. Bahni blieb weiter weg stehen. Günstig war schon mal, dass der Mann jung war und ihm die Anlage sicher nicht gehörte. Es klappte mit unserem Plan, er verkaufte mir eine Kinderkarte und eine für Erwachsene. Wir hofften nur, dass oben, wo die Matten lagen, der Kontrolleur nicht so genau hinsah. Beim Abwärtssausen schrien wir vor Glück, weil unser Plan aufgegangen war und weil die rasende Fahrt sich einfach herrlich anfühlte. Beschwingt gingen wir zum Bahnhof, stiegen in den Zug nach Hause, unsere Augen leuchteten, ja man kann sagen, wir waren glücklich. Da kam die Schaffnerin in unser Abteil. Bahni stand auf und verschwand ganz lässig. „Bis zu Hause.“ Was? Wo wollte er denn die nächste halbe Stunde bleiben? Ich war ziemlich naiv. Er hatte keine Fahrkarte und da er ohne Eile ging, schöpfte die Kontrolleurin wahrscheinlich keinen Verdacht. Im Heimatort angekommen, nahm er meinen Koffer und sagte: „Hast du gut gemacht.“ Was hatte ich gut gemacht? Nahm er etwa an ich hätte der Schaffnerin eine Geschichte über sein Verschwinden vorgelogen? Wir haben nie wieder darüber gesprochen.

Ein Jahr später war ich verheiratet, hatte eine Tochter und konnte nur noch selten nach Hause fahren. Nach dem Studium wohnte ich in einer schönen Stadt am Rande des Erzgebirges. Doch das war auch schon alles, was schön war. Mein Mann betrog mich, ich war mit Kind, Arbeit, Haushalt und dem unzuverlässigen Mann völlig überfordert. Nach eineinhalb Jahren ließ ich mich scheiden. Einige Wochen vergingen, da klingelte es Sturm an meiner Wohnungstür. Ich empfand dieses Sturmklingeln als ungehörig, noch dazu, wo es schon fast 22 Uhr war. Als ich die Tür öffnete stand Bahni schwankend und schmutzig vor mir. „Entschuldige,“ lallte er, „ich musste mir erst Mut antrinken. Wir haben uns lange nicht gesehen.“ Ich zog ihn ohne Worte in die Wohnung, legte den Finger auf den Mund, damit er leise war und ihn ins Bad verfrachtet. „Wasch dich, ich mache dir eine Schlafgelegenheit zurecht.“ Er gehorchte. Aus Decken und zwei Sofakissen baute ich ihm auf der Erde in der Stube ein ‚Bett‘. Ohne Widerstand legte er sich wie ein Hund vor mein Bett und schlief sofort ein. Jetzt erst merkte ich, wie angespannt ich war. Langsam lösten sich meine Bedenken.

Am anderen Morgen ließ ich ihn schlafen, brachte meine Tochter in den Kindergarten und ging selbst zur Arbeit. Meinen zweiten Wohnungsschlüssel hatte ich vor seinen Kopf gelegt, mit der Bitte gut abzuschließen und den Schlüssel in den Postkasten zu werfen. Dort fand ich ihn auch vor, als ich nach Hause kam. Doch am Abend, dieses Mal zur rechten Zeit, stand Bahni wieder vor der Tür. Ich glaube, ich hatte so etwas auch erwartet. Von der Nacht vorher sprachen wir nicht, es war ihm sichtlich peinlich und ich wollte über meinen Ärger nicht mit ihm sprechen. Dieser Abend wurde aber schön. Wie früher. Er erzählte von seinem jetzigen Studium ganz in der Nähe. Ich erzählte von meinem Heimweh und beide lachten wir über alte Begebenheiten. Wir tranken Wein, aßen ein paar Häppchen und fühlten uns beide sehr verbunden. Noch immer bin ich dankbar, dass er nicht versucht hat, unsere Freundschaft in eine Liebelei umzumünzen. Er bereitete dieses Mal seine Schlafgelegenheit mir zu Füßen und sang für mich noch ein Schlaflied, leise, damit meine Tochter im Nebenzimmer nicht wach wurde. Am Morgen verließen wir zu dritt die Wohnung. „Wie eine richtige Familie,“ schoss es mir durch den Kopf. Aber gleichzeitig signalisierte mein Gehirn: Niemals!

Zweimal kam er noch in den zwei Jahren, die ich dort zu Hause war. Danach hatte ich mich in die Heimat versetzen lassen, mir ging es gut – auch ohne Mann.

Plötzlich tauchte Bahni wieder bei mir auf, nüchtern, aber irgendwie angestrengt. Komisch war für mich, dass ich mich nicht freuen konnte. Hatten wir uns zulange nicht gesehen? Waren wir uns fremd geworden? Ich mahnte mich zur Vorsicht. Im Laufe des Abends stellte sich heraus, dass ich instinktiv gespürt hatte, dass dies kein gutes, kein einvernehmliches Zusammensein werden könnte. Unser Gespräch bleib angespannt. Bis er ganz plötzlich über den Tisch langte und mich zu sich heranzog. Ich wehrte ihn ab und meinte, er solle gehen, wenn er seine Hände nicht bei sich behalten könne. Da wurde er wütend, umschlang mich von hinten und begrabschte mich. Blitzschnell liefen in meinem Kopf Möglichkeiten ab, wie ich ihn bändigen und rausschmeißen könnte. Keinesfalls dürfte ich Lärm machen, denn meine Tochter schlief nebenan. Scheinbar tat ich intuitiv das Richtige. Ich sagte ruhig, „sieh mal, willst du alles kaputtmachen? Wir haben uns immer gegenseitig vertraut. Soll das nun zu Ende sein?“ Er lockerte seinen Griff und schob mich sacht beiseite. Ohne ein weiteres Wort ergriff er seine Jacke und verließ das Haus. Noch einmal war er wiedergekommen. Aber zwischen uns war eine Mauer. Ich war voller Vorsicht und er scheinbar voller Schuldgefühle. Wir haben uns nie wiedergesehen.

Er hatte eine Gastwirtin geheiratet, mit ihr ein gutgehendes Hotel betrieben und rief mich mehrmals an, um mich zu sich einzuladen. Ich lehnte jedes Mal ab. Dann kam ein Anruf, der mich erschreckte: Es ginge ihm nicht gut, er habe schon zweimal Chemo überstanden, er würde mich gern noch einmal sehen. Ich verneinte, wünschte ihm dennoch alles Gute und legte den Hörer auf. Es kann kein Anruf mehr. Ein Jahr später erzählte mir seine Mutter, dass er an Krebs gestorben sei.

Alles in allem denke ich gern an diesen ‚Weggefährten‘ zurück. Er hat, wie kein anderer, meine Kindheit und Jugend bunter gemacht.