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Lochen Sie nicht!

oder

Zur soziologischen Psychologie der Löcher

Kaspar Hauser, Die Weltbühne, 17.03.1931, Nr. 11, S. 389; in: Lerne Lachen

Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.

Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut.

Wenn der Mensch ›Loch‹ hört, bekommt er Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.

Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hineingesteckt, und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch grade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.

Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs … festlig? … Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne.

Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht.

Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden? Meine Sorgen möcht ich haben.

Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich seitwärts in die Materie? oder läuft es zu einem andern Loch, um ihm sein Leid zu klagen – wo bleibt das zugestopfte Loch? Niemand weiß das: unser Wissen hat hier eines.

Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch ist: kann da noch ein andres sein?

Und warum gibt es keine halben Löcher –?

Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon.

Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein. Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Primäre. Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt. Wenn Sie tot sind, werden Sie erst merken, was leben ist. Verzeihen Sie diesen Abschnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen Stück und dem nächsten ein Loch ausfüllen wollen.

Verfasst von Kurt Tucholsky alias Kaspar Hauser.

 

Weihnachten 2020 – Neujahr 2021

Weihnachtsgedicht international und doch nur für 4 Personen

Sohn:
Einmal war ich ein kleiner Zwerg am Heidesee.
Denken an die Schule tut mir nicht mehr weh.
Musste manchmal in der Ecke steh’n.
Was war da nur geschehn’n?

Alle Vergangenheit liegt nun im Süden,
In Form kleinerer oder größerer Etüden.
Manchmal fehlte mir der Berater.
Was sagst eigentlich du dazu, Vater?

Vater:
Oh Tannenbaum, du glaubst es kaum,
fast hätte ich dich auch verhau‘n.
Ach, lieber, guter Weihnachtsmann
Schau mich nicht so böse an, ich hab’s ja nicht getan.

Frau:
Als nacktes Weib am Heidesee
Fühlt‘ ich mich wohler als im Winter mit Schnee.
Tagsüber Arbeit, die Kinder danach und nachts der Mann.
Tat ich doch alles, was man als Frau nur tun kann.

Die Vergangenheit lebt weiter in Geschichten,
Die ich den Besuchern erzähle ohne zu dichten.
Manches ist dabei, was man vergessen kann.
Was sagst eigentlich du dazu, mein Mann?

Mann:
Oh Tannenbaum, du glaubst es kaum,
dich hätte ich manchmal auch gern verhau‘n.
Doch, lieber, guter Weihnachtsmann
Schau mich nicht so böse an, ich hab’s ja nicht getan.

Schwiegertochter:
Spielte mit Karen einst im Sand an der See.
Doch bald waren es Cello und Geige juchhe.
All mein Lernen begleitete die Musik.
Sie ist mir Muse und Motor mit tausend Kubik.

Die Vergangenheit liegt um mich herum.
Ich kann sie sehen, aber sie ist auch nicht stumm.
Es klingt in adagio, allegro und auch mal andant(e).
Was sagst eigentlich du dazu klog gammel mand*)?

Gammel mand:
Oh Tannenbaum, du glaubst es kaum,
dich wollte ich noch nie verhau‘n.
Warum lieber, guter Weihnachtsmann,
Schaust du mich trotzdem böse an? Ich hab es nicht getan.

Sohn:
Weggeblasen hab ich manche Sorgen.
Dachte dabei noch nicht an das Morgen.
Obwohl ich schon spürte den Hauch der Musik.
Auch bei meinem Dienst für die Republik.

Die Gegenwart liegt auf Inseln in der See,
Suchen, finden, verwerfen, wo ist die nächste Idee?
Habe jetzt einen anderen Berater.
Und doch, was sagst du dazu, Vater?

Vater:
Oh Tannenbaum, du grüner Baum.
Diesen Menschen kannst du vertrau‘n.
Der Weihnachtsmann aber ist noch bös.
Schwingt seine Rute weiter nervös.

Frau:
Nur noch geistige Schönheit, aber auch die manchmal nackt.
So geht`s auch meinem Partner und das ist der Pakt.
An der Wirklichkeit ist nicht zu rütteln.
Da kann man mit noch so vielen Worten dran schütteln.

Ein kleines Dorf umgibt die Gegenwart.
Idyllisch, ruhig, gar nicht Standard.
Manches ist dabei, was man vergessen kann.
Was sagst eigentlich du dazu, mein Mann?

Mann:
Oh Tannenbaum du grüner Baum.
Ganz so ähnlich war auch mein Traum.
Der Weihnachtsmann schaut immer noch bös.
Schwingt seine Rute weiter nervös.

Schwiegertochter:
Gezogen und geschoben, manchmal zupf ich die Seiten.
Mein Cello muss mich überallhin begleiten.
Die Welt scheint mir beim Musizieren fast klein.
Sie wird schier unendlich denk ich an den Liebsten mein.

Die Gegenwart spiegelt sich in der See.
Ein kleines Schiff, es dreht nach Luv und nach Lee.
Manchmal stringendo, ad libitum oder auch rallentand(o).
Was sagst eigentlich du dazu klog gammel mand?

Gammel mand:
Oh Tannenbaum du grüner Baum.
Eine so schöne Tochter, es ist wie ein Traum.
Warum Weihnachtsmann bist du noch bös?
Schwingst deine Rute weiter nervös?

Sohn:
Ich komponiere, programmiere und studiere.
Manchmal streck ich auch von mir alle Viere.
Oder ich greife mir Rasenmäher, Boot oder Trecker.
Nach vollbrachtem Werk schmeckt das Essen so lecker.

Die Zukunft sind Sterne am Himmelszelt.
Jeder seine eigene Botschaft enthält.
Wie diese aussieht weiß auch kein Berater.
Oder doch? Was sagst du dazu, Vater?

Vater:
Oh Tannenbaum, man glaubt es kaum.
Die Theorie bildet die Wurzeln, fest steht dann der Baum.
Weihnachtsmann deine Rute fürchtet er nicht.
Fuchtle du nur, er wahrt trotzdem sein Gesicht.

Frau:
Ich seh in den Spiegel, zum Glück ist er klein.
Er zeigt nur den Kopf, sieht nicht in mich hinein.
Was grau vor Alter ist, das ist ihm göttlich?
Hier irrst du dich Schiller, das klingt eher spöttlich.

Die Zukunft ist zeitlos, ich fühl mich befreit.
Die Kinder der Kinder und deren Kinder gestalten die Zeit.
Bald gehören wir zu dem, was man vergessen kann.
Oder, was sagst du dazu, mein Mann?

Mann:
Oh Tannenbaum, man glaubt es kaum.
Grau ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldner Baum.
Weihnachtsmann steck deine Rute ein.
Wir wollen und werden fröhlich sein.

Schwiegertochter:
Mein Cello singt mit den anderen im Chor.
Eigentlich hatte ich doch auch noch etwas anderes vor?
Was war das doch gleich, ich frage den Wind.
Der zaust meine Haare und flüstert ein … ind.

Am Horizont hinter dem Meer leuchtet der Zukunft Schein.
Davor das Land, ein Haus – frohe Geräusche rahmen es ein.
Sie klingen giocoso, sostenuto oder auch scherzand(o).
Was sagst du nun klog gammel mand?

Gammel mand:
Oh Tannenbaum, man glaubt es kaum.
Nur mit Theorie gibt es keinen nächsten Baum.
Weihnachtsmann hier brauchst du deine Rute nicht.
Du bekommst doch auch Reisbrei oder isst du den nicht?

*) kluger, alter Mann

Trotz aller Einschränkungen:

Frohe Weihnachten für jeden Menschen und ein besseres, gesundes und erfolgreiches Jahr 2021

Alte Liebe 2020

Alte Liebe 2020

oder

Nicht alles ist verschuldet durch Corona

„Du hast mir doch mal erzählt, dass ihr jeden Tag am Nachmittag in der Umgebung von Bennstedt spazieren geht?“

„Genau. Seit der Corona Geschichte, fahren wir mit dem Auto nur noch zum Einkaufen.“

„Immer dasselbe, wird das nicht langweilig?“

„Langweilig? Von wegen Ingrid, ich könnte dir da eine Geschichte erzählen…“

„Erzähl Henni, das klingt, ja fast… würde ich sagen… mysteriös?“

„Mysteriös? Nein, dann wohl eher prickelnd, erotisch, sexy,“ sie machte eine kleine Pause, bevor sie nachdenklich hinzufügte, „möglicherweise verursacht durch Corona?“

Henriette Fabienne Möller saß, schön auf den vorgeschriebenen Abstand bedacht, mit ihrer Freundin Ingrid im Frisörsalon, der gerade wieder öffnen durfte. Beide, immer noch sehr gut aussehenden Frauen, waren Mitte siebzig, die eine groß und schlank, die andere kleiner mit ausgeprägten weiblichen Formen. Der Andrang, einen Termin für eine Haarpflege zu bekommen, war natürlich groß. Zwei Frisörinnen, die ältere, offensichtlich die Chefin und ein blutjunge, vermutlich eine Auszubildende, arbeiten gerade an je einer Kundin ebenfalls unterschiedlichen Alters. Trotz des Abstandes war für die zwei Wartenden Zeit und die Möglichkeit sich zu unterhalten, sie mussten nur etwas lauter sprechen. Doch das schien die anderen nicht zu stören.

„Mach‘s nicht so spannend, erzähl schon.“ Ingrid wandte ihren Kopf neugierig auffordernd ihrer Freundin zu.

„Es begann beim alltäglichen, gemütlichen Frühstück, während dem wir auch meistens den Tagesablauf ein wenig planten.“

„Sag mal Moritz, welches Ziel setzen wir uns heute für unseren Spaziergang?“

„Hmm…ich weiß nicht Max, sag du.“

Das ergraute Ehepaar Henriette Fabienne Möller und Max Balladu saßen gemütlich beim Frühstück. Der Mann Max hatte, als ambitionierter Amateurliterat, seiner Frau, der Wennichmallusthabmalerin aus dem mit dem Buchpreis Leipzig 2020 ausgezeichneten Buch ‚Stern 111‘ von Lutz Seiler ein Kapitel vorgelesen. Sie hatten ein wenig darüber diskutiert, während gleichzeitig beide die letzten Schlucke ihres Frühstückskaffes schlürften.

„Weißt du Moritz,“ der Mann benutzte den vor nun schon fünfzig Jahren erfundenen Kosenamen für seine Frau, „der Seiler versetzt unsereinen in nostalgische Stimmung, es erinnert mich an unser Leben in der DDR. Wie wäre es mit einem Nostalgie Spaziergang?“

Nachdenklich sah die Frau zu ihm, trank noch einen Schluck Kaffee, wollte etwas sagen, verwarf es  wieder und schwieg. Balladu legte seine Beine hoch auf den anderen Küchenstuhl, griff zu seiner Kaffeetasse, ein zweihundertzwanzig Milliliter Pott, den er vor zwanzig Jahren aus Baton Rouge Bundesstaat Louisiana von einer Dienstreise mitgebracht hatte, trank genüsslich seinen gezuckerten und mit Sahne verfeinerten Kaffee, dachte ebenfalls nach, sagte dann, „haben wir hier schon alle Wege, die wir mit Max gelaufen sind erledigt?“ Max war ihr Golden Retriever, der bereits im Jahr 2015 gestorben war, dem sie allerdings immer noch nachtrauerten.

„Ich weiß nicht…“ die Frau brach ab, schwieg erneut, doch nach einer Minute fuhr sie fort, „was hältst du davon,“ sie kicherte vor sich hin, so dass der Mann neugierig skeptisch zu seiner Frau sah, „ob wir die Stelle wiederfinden,“ sie kicherte erneut, „wo wir uns im Freien geliebt haben?“

„Wow, mein Weib kann Ideen haben!“ Der Mann stellte seine Tasse auf den Tisch., dachte nach, „aber das ist nur richtig gut, wenn wir dann da auch wieder Sex machen.“

„Ich denke schon, wenn wir die Stelle finden und sie immer noch so schön geschützt und unzugänglich ist…dann lieben wir uns ganz materialistisch.“

„Schöner Antrieb und – tatsächlich – eine brillante Idee. Selbstverständlich machen wir das.“ Max lächelte seiner Frau anerkennend zu.

Die beiden tranken den letzten Schluck Kaffee, standen vom Tisch auf, die Frau ging ins Wohnzimmer zu ihren Rätselheften, sie hatte das Frühstück vorbereitet, während der Mann den Tisch abräumte, das Geschirr in die Spülmaschine stapelte, den Tisch abwischte, das Licht in der Küche losch, in den geräumigen Keller strebte, wo sich im ehemaligen Kinderzimmer sein Schreibtisch mit dem Laptop befand auf dem er nun versuchte mit neuer Triebkraft seine Romanideen umzusetzen.

„Hier in der Nähe müsste es sein,“ sagte Max nachdem die Beiden etwa eine halbe Stunde marschiert waren. Der Wanderweg führte hier direkt in einen schmalen, langsam abfallenden, grün bewachsenen Einschnitt im Gelände zurück ins Dorf. Max streckte seinem rechten Arm aus und wies über eine grüne nach vorne hin langsam abfallende Ebene zu einem langgezogenem Buschwerk hin, das sich auf der linken Seite des mit etwa zehn Zentimeter großen Sprösslingen irgendeiner Getreidesorte bewachsenen Feldes über zweiundert Meter erstreckte bis hin zur dann abrupt zwanzig Meter steil abfallenden Schlucht zur Straße nach Langenbogen, was sie aber von hier nicht sehen konnten.

„Ja, das denke ich auch, aber,“ sie zeigte auf den linken Rand des von Max beschriebenen Buschwerks, „ich denke das Fleckchen muss gleich hier vorne irgendwo sein.“

„Ich kann mich noch gut erinnern,“ Max zeigte erneut über das Feld zum Ende des Buschwerks auf dessen rechte Seite, „das muss ziemlich nahe an der Schlucht zur Straße liegen. Denn von da aus…“

„Ich bin sicher,“ unterbrach die Frau, „dass die schöne Stelle, wo wir uns geliebt haben, gleich hier vorn sein muss, dicht neben dem immer steiler werdenden Rand das absteigenden Wanderweges.“

„Das Beste wird sein,“ versuchte Balladu eine Lösung zu finden, „wenn jeder nach seinen Vorstellungen dieses Plätzchen sucht. – Wir treffen uns dann ja dort?“

„Gute Idee Max.“ Die Frau winkte ihrem Mann zu, schwenkte nach links, ging ein paar Meter über das Feld und verschwand im Buschwerk. Balladu sah ihr nicht hinterher, denn er war sich sicher, dass er am anderen Ende des Buschwerks die besagte Stelle finden würde. Er schritt in einer breiten Spur, die für die Pflege und Bearbeitung des Feldes von den Traktoren geschaffen worden waren, zügig voran. Tatsächlich entdeckte er kurz vor der Schlucht einen Wildpfad, der ihn durchs Buschwerk führen und an den gesuchten Platz bringen könnte.

„Wieso erzählst du nicht weiter?“ fragte Ingrid verwundert.

Genau in dem Moment merkten die Freundinnen, dass ungewöhnliche Stille im Frisörladen eingetreten war. Offensichtlich hatten auch die vier anderen im Raum befindlichen Frauen auf die Pointe der Story gewartet.

„Kann man denn in so einem Alter noch bumsen?!“ platzte die blutjunge Frisörin in die Stille hinein.

„Hanna!“ ermahnte die Chefin vorwurfsvoll ihre junge Angestellte, wandte sich dann den beiden Freundinnen zu, „bitte endschuldigen sie, wir vier haben schon seit den einleitenden Worten ‚prickelnde erotische Story‘ zugehört.“

„Und ob,“ sagte Henni mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht, „den zweiten Frühling gibt es wirklich und das ist nicht nur ein kurzes Aufflackern.“

„Ja, aber warum,“ die Kundin mit den Lockenwicklern im Haar drehte sich etwas zu den anderen Frauen um, „haben sie dann aufgehört zu erzählen?“

„Genau Henni, wie war es? Wie ging es weiter?“

„Wunderbar,“ antwortete die nur und wartete lächelnd ab.

„Das heißt… ihr habt es getan…?“

„Es zu tun war ja unser Ziel. Die Fähigkeit dazu war vorhanden und zu Hause erprobt. Nur,“ wieder machte sie eine bedeutungsvolle Pause, „uns dort im Freien sexuell zu lieben konnten wir dennoch nicht.“

„Hat er keinen hoch gekriegt,“ platzte wieder die junge heraus.

„Hanna!“ mahnte erneut die Chefin.

„Nein, das war wirklich nicht das Problem.“

„Was dann?“ hakte die Freundin nach.

„Wir haben uns,“ erneut machte sie ein Kunstpause, „nicht gefunden.“

„Wie nicht gefunden?“ fragten gleich mehrere.

„Wir haben uns erst zu Hause wiedergesehen.“

„Was?“ „Wieso denn?“ Die fünf Zuhörerinnen sahen verständnislos zur Erzählerin.

„Ganz einfach. Wir haben uns – dort – verfehlt. Jeder hatte den Platz aus seiner Erinnerung gesucht und nach seiner eigenen Meinung, wiedergefunden. Aber eben jeder einen anderen.“

Hanna lachte schallend. Die älteren schmunzelten weise, die jüngeren lächelten verhalten mit träumerischem Blick.

„Halt!“ rief die Jüngste, weil die Chefin schon wieder zur Tagesordnung übergehen wollte, „das haben sie doch nachgeholt? Oder?“

„Kluges Mädchen,“ antwortete lächelnd die Erzählerin, „selbstverständlich!“

Balladus neues Buch: ‚Lose Blätter‘

Hallo liebe Lesefreunde! 

Mit dem 9. Buch veröffentlicht Max Balladu als Herausgeber eine Anthologie unter dem Titel: 

‚Lose Blätter‘ 

eine Blütenlese mit Erzählungen und Gedichten von: 

EWa, Jörg Körner, Anni Kloß, Mimi H, Heiz Schubert, Helene Paetz und Max Balladu.

 Wie bereits bei den vorherigen Lesungen stellt in diesem Falle der Herausgeber das neue Buch in zwei öffentlichen Buchlesungen vor:

Inhalt:

  1. Lesung ‚Aller Anfang ist schwer‘

Gedicht A. Kloß ‚Revolution auf ostdeutsch‘

  1. Lesung Ewa ‚Weggefährten (1)‘

Gedicht Helene Paetz ‚Trag dein Leid‘

  1. Lesung Körner ‚Sittenstrolch‘
  2. Lesung Balladu ‚Kreis‘ (oder Altersheim)

Gedicht Kloß ‚Schweigen‘ (oder Schubert Herbstlied) 

Es können auch Bücher von Balladu erworben werden.

 

 

 

B. Schlink, Die Frau auf der Treppe

Rezension Nr. 3

zum Roman ‚Die Frau auf der Treppe‘ von Bernhard Schlink

Inhalt:

Der Ich-Erzähler, Anwalt einer Frankfurter Kanzlei, erlebt als junger Mann im Sommer 1968 eine merkwürdige Geschichte: Damals willigte er ein, einen Vertrag aufzusetzen, der ein Tauschgeschäft – ein Akt-Gemälde gegen eine davongelaufene Ehefrau – zum Inhalt hatte. Nach mehr als 40 Jahren trifft er die Frau und die ‚Tauschpartner‘ wieder.

 

Kritik: … unsere Welt ändert sich nicht mehr …?

Wenn ich, Anni Kloß, ein Buch vom Diogenes Verlag in die Hand nehme, bildet sich in meinem Kopf automatisch eine ganz bestimmte Vorstellung über das, was ich noch gar nicht gelesen habe. Schon durch die äußere Gestaltung des Covers strahlt der Roman  ein ganz eigenes Flair auf mich aus. Beim heute rezensierten Buch erinnere ich mich noch daran, weil ich dieses Empfinden gleich am Anfang aufgeschrieben habe: künstlerisch verträumt, vorrangig in der Gegenwart spielend, aber mit einem Hauch vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts versehen. Die Frau stellt sich mir bildlich wie eine von Tucholskys Frauenfiguren dar. Ich weiß deshalb, dass ich Geduld mit mir haben muss, weil mich bei einem solchen Vorgefühl schnell Langeweile beim Lesen anspringt. Das war auch dieses Mal wieder so.

Doch auf Seite 143, als ich über Irenes Aufenthalt in der DDR las, regte ich mich zuerst auf, weil Schlink die DDR als ein totes Land beschreibt (vor dem der Westen scheinbar immer noch solche Angst hat). Zuerst dachte ich, dass der Autor nur schlecht recherchiert hat, denn er vergleicht das Leben in der DDR mit einer täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaft, einem Biedermeier-Idyll!? – Doch dann erfahre ich, dass die Frau als eine von der BRD gesuchte Terroristin in der DDR untergetaucht war. Das änderte für mich die Situation von Grund auf, und zwar zum Positiven hin, denn mit den Vorstellungen eines solchen Menschen konnte ich die Darstellung der DDR verstehen.

Die Beschreibung der Gegenwart wird vom Kapitalismus beherrscht. Der Mann, der seine Ehefrau gegen das Bild ‚Die Frau auf der Treppe‘ zurücktauschen will, ist steinreicher Kapitalist, der genau weiß, dass die Parteien CDU und SPD seinen Besitz und seine Macht sichern werden: „…Die Geschichte geht weiter. Aber unsere Welt ändert sich nicht mehr …“ (Seite 156).

Der inzwischen erfolgreicher Maler, der das Bild, das er gemalt hat, gegen die Frau, die mit ihm durchgebrannt war, wieder zurückhaben will, hat der Ideologie des Kapitalisten: „Sie sind der Künstler, dem alles zu Gebot steht und der von allem Gebrauch macht und zu dessen Kunst es keine Alternative mehr gibt …“ (Seite 157), außer Sympathie für die Linken, „… die schönen klugen Frauen aus gutem Haus, die sich damals zu den Linken geschlagen haben, aus politischer Überzeugung und weil sie spürten, wo die Avantgarde ist, wo es lebendig und prickelnd zuging …“(Seite 159), nichts entgegenzusetzen.

Der erfolgreiche Rechtsanwalt, der das Tauschgeschäft anwaltlich begleitet hatte, der sich auch in das Weib verliebte, aber bei der Frau als Mann nicht zum Zuge kam, kümmert sich in der Gegenwart um die inzwischen schwer kranke Frau. Er wird vom Kapitalisten abgefertigt: „… Teure Kanzlei, ich weiß, große Fälle, aber immer für andere die Drecksarbeit erledigen – Sie sind ein Lakai. Zuerst waren sie seiner (nickt zum Maler), dann meiner, dann ihrer (zur Frau). Sie halten am besten den Mund …“ (Seite 162)

Schlink schreibt wie gewohnt flüssig, die Handlungsorte passen, der Bezug zur Realität ist gegeben.

Der 70-jährige Autor hat mit der Grundstory eine gute Möglichkeit gefunden, über sein Leben zurückblickend zu philosophieren.

Das ist ihm im großen Ganzen so gelungen, dass es gut lesbar ist.

Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Die Thematik ist interessant, die Story gut entwickelt und logisch aufgebaut.

Bewertung: 4

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1), die Situation der Hauptpersonen, die Schilderung der Gesellschaft entspricht der Realität. Auch die Konstruktion des Romans ist nachvollziehbar.

Bewertung: 4

  1. Der Stil (Faktor 1) ist flüssig, nach anfangs etwas langweilig, aber dann interessant.

Bewertung: 4

  1. Recherchen (Faktor 0,5) rufen keinen Widerspruch beim Leser hervor.

Bewertung: 3

  1. Die Handlungsorte (Faktor 0,5) sind ausreichend gut beschrieben.

Bewertung: 3

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Es sind gute Ansätze dazu vorhanden, aber warum glaubt der Autor, dass unsere Welt sich nicht mehr ändert? Die Hauptaussage der dialektischen Grundgesetze der Entwicklung ist doch meines Erachtens, dass das Erkennen ein unendlicher Prozeß ist. – Oder?

Bewertung: 2

Summe Bewertung: 3

Anni Kloß und Max Balladu

Anni Kloß lockert die Bücher und diese Website  mit Lyrik etwas auf, z. B.:

Buch 7, ‚Wer ist hier der Terrorist?‘ Seite 115

„Mann:
Schönes Weib ich will dich haben,
Will an Deinem Leib mich laben.
Frau:
Das starker Mann will ich doch hoffen
und bin gern für alle Dinge offen
Mann:
Eins muss ich dich noch vorher fragen:
Welche Folgen kann das Ganze haben?
Frau:
Egal, komm zu mir, ich bin schon von Sinnen.
Oder machst Du dich etwa nachher von hinnen?
Faszit:
Es bummst wie verrückt,
zwei sind entzückt.
Die anderen müssen erst sehen
wie sie mit dem Schaden umgehen.“