Tag-Archiv | Technologie

– 5 – Ede Ceh Fortsetzung

Rückstandsverbrennung

Erklärungen:

zu Rückstandsverbrennung, Absorption und Desorption. Die flüssigen und gasförmigen Rückstände, die in der C-V-Anlage anfallen, müssen in einer Brennkammer drucklos bei 1250 °C verbrannt werden. Dabei entstehen Kohlendioxid (CO2), Chlorkohlenstoff  (HCl) und Wasser.

Die Reaktionsgleichungen für zum Beispiel Trian und EDC lauten:

Trian

C2H3Cl3 + 2 O2 à 3 HCl + 2 CO2

EDC

C2H4Cl2  + 2 ½ O2  à 2 HCl + 2 CO2 + H2O

Der Feuerraum besteht aus einem liegenden circa fünfzig Kubikmeter fassenden Stahlbehälter, der mit feuerfesten Steinen ausgemauert ist. Im Unterschied zur alten Verbrennung ist bei der neuen direkt an die Brennkammer ein Röhrenbündelwärmetaucher angeschlossen, mit dem aus der Energie der heißen Rauchgase Mitteldruckdampf produziert wird. Die danach nur noch 250 °C heißen Gase werden mit 20 %-iger Salzsäure, die aus dem Sumpf der Absorptionskolonne stammt, besprüht und in Korobonwärmetauschern weiter abgekühlt. Das HCl aus dem Gas wird weitestgehend absorbiert und während die 25-30 %-ige Salzsäure in einen Behälter abläuft, strömt das Rauchgas weiter in den Absorptionsturm. In der mit Glockenböden ausgerüsteten Kolonne wird der Abgasstrom vom restlichen HCl befreit, anschließend im Waschturm gewaschen, neutralisiert und über einen Elektrofilter durch den Kamin ins Freie geleitet.

Die Desorption ist nur eine, vergleichsweise, kleine Nebenanlage. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie es gestattet, aus der in der Rückstandsverbrennung anfallenden 25-30 %-igen Salzsäure das HCl zu desorbieren, also das Wasser wieder abzutrennen, sodass das trockene Gas in der Oxichlorierung wieder verwertet werden kann. Das Problem dieser Verfahrensstufe sind die Aggressivität des mehr oder weniger feuchten HCl und die extremen Arbeitsbedingungen von 165 °C und einem Überdruck von 5 bar.

Story:

Das Gefühl hatte Ede Ceh nicht getrogen, denn der Aufenthalt in dem feinen Behälter mit den emaillierten Wänden dauerte tatsächlich nicht lange. Langsam, aber sicher kam er dem Ausgang näher und plötzlich ging alles ganz schnell. Ede wurde zusammen mit den Großkopferten in eine Rohrleitung geschoben, durch einige enge Stellen hindurchgepresst und dann – Fatsch! – die Hitze riss ihn auseinander, im Bruchteil einer Sekunde verwandelte sich Ede in Ha Ce-el, Ceh Zwei Oxygen und Hazwei Oxygen. Ede schaffte es gerade noch seinen Kopf in ein Ha Ce-el zu retten, sodass er auch den weiteren Weg bewusst wahrnehmen konnte. Der folgende Höllenritt dauerte nur ein paar Sekunden bei 1250 °C. Der Ede im Ha Ce-el traf keinen einzigen der Ganoven wieder, obwohl einige davon, so wie er, in anderen Ha Ce-els, zumindest ihren Geist überliefert haben konnten. Trotzdem mussten auch die wieder von vorne anfangen, wenn es denn einen neuen Anfang geben würde. Er war noch nicht mit seinen Gedanken fertig, da traf ihn völlig überraschend der Kälteschock verursacht durch versprühte, in Wasser – igitt – aufgelöste Ha Ce-els. Der Ha-Ede wehrte sich mit aller Kraft und es gelang ihm auch aus dem Tohuwabohu der Quenche wieder herauszukommen, doch in dem folgenden Absorber musste er sich dann doch von Hazwei Oxygen einfangen lassen und landete in einem Behälter mit vielen anderen Ha Ce-els. Die vierfache Menge von Hazwei Oxygen machte es Ha-Ede unmöglich zu entfliehen. „Hoffentlich ist das hier kein Dauerzustand“, brabbelte er vor sich hin und spürte im selben Augenblick, dass ihn ein Sog erfasste. Der zog ihn in eine Rohrleitung und wieder einmal beschleunigt durch das Laufrad einer Pumpe wurde Ha-Ede durch ein sehr schmales Loch gepresst. Er nutzte den Schwung der Entspannung verbunden mit der von oben ihm entgegenkommenden Hitze und machte sich wieder gasförmig davon. Allerdings wurde er an der gleichen Stelle wieder eingefangen und im Handumdrehen landete er wieder in demselben Behälter. Nachdem er die Prozedur zehnmal mitgemacht hatte, schickte der Zufall ihn in eine andere Richtung mit – natürlich – wieder einmal einem Aufenthalt in einem Tank. Aber Ha-Ede hatte inzwischen ja Erfahrungen gesammelt und wusste genau, dass es auch hier irgendwo einen Ausgang geben würde. Also machte er sich sofort auf die Suche danach. Er nutzte die vorhandene Strömung, obwohl die nur sehr klein war, doch sie genügte, um ihn vorwärts zu bringen. Plötzlich glaubte Ha-Ede, wieder Pumpengeräusche zu hören. Er setzte alle Kraft daran um in diese Richtung weiterzukommen. Das war hier besonders schwer, weil diese dummen Hazwei Oxygene ihn so einschlossen, dass er sie alle mitschleppen musste. Doch mit übercehlicher Anstrengung erreichte er den Ausgang, wobei ihm auf dem letzten Stück der Pumpensog behilflich war. ‚Ob sich diese Anstrengung lohnt?’, fragte sich Ha-Ede, doch die Pumpenhektik verhinderte, dass er weiter nachgrübeln konnte. Im Handumdrehen landete er auf dem Boden einer voller Energie steckenden Kolonne, nachdem ihm schon vorher in einem Wärmetauscher warm uns Herz geworden war. Trotz der 165 °C und dem Überdruck von fünf bar oder vielleicht auch gerade deshalb, spürte er, dass es von hier aus vorwärtsgehen würde. ‚Nach einer Endstation sieht es hier jedenfalls nicht aus’, dachte er vergnügt, entspannte sich, doch das war leider zu früh. Ha-Ede sackte vom 8. Boden einen nach dem anderen abwärts bis zum Sumpf. Hier stellte er wieder mit Erschütterung fest, dass die Anzahl der Hazwei Oxygene sich vermehrt hatte und er wusste, dass er wieder einmal in die falsche Richtung gewandert war. Er bäumte sich zu spät auf und wurde aus der Kolonne ausgetragen in einen anderen Behälter hinein, in dem die Konzentration seiner Spezies nur noch 18 % betrug. Das hatte bestimmt nichts Gutes zu bedeuten und Ha-Ede hatte wieder Grund zu schimpfen.

„Verdammt, was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?“ Zu seiner Beruhigung spürte er, dass in diesem Behälter, obwohl er genauso groß war, wie der vorhergehende, die Strömung größer war.

„Gott sei Dank“, brabbelte er weiter vor sich hin, „dann wird die Wartezeit nicht so lang. Hoffentlich komme ich wieder in die heiße Kolonne zurück.“ Doch daraus wurde vorerst nichts, obwohl ihn schon bald eine Pumpe erfasste. Er landete zwar auf dem 10. Boden einer Kolonne, aber die war viel kälter, nur 60 °C, es herrschte kaum Druck. Zum Glück musste er hier nicht selbst über die Richtung entscheiden. Es ging einfach nach unten, rein in den Sumpf und von hier mit dem Schwung einer anderen Pumpe auf den heißen Kopf eines Röhrenwärmetauscher, der Ha-Ede bekannt vorkam, obwohl – nein – oder doch? – Na klar, das hier war wieder diese Abschreckung, die Quenche. Außerdem merkte er bald, dass das Verhältnis Hazwei Oxygen zu Ha Ce-el sich wieder zu seinen Gunsten verbessert hatte. Das stimmte ihn optimistischer, aber er blieb natürlich weiter aufmerksam. Trotzdem landete er vorerst wieder in dem Tank mit 25 % von seiner Sorte. Dieses Mal dauerte es zwei Stunden bis es weiterging. Als er dann in der heißen Kolonne ankam, nutzte er alle Energie, raste nach oben, war schon nach zwei Böden am Kopf angekommen und empfand die Abkühlung im ersten Wärmetauscher als ausgesprochen angenehm, vor allen Dingen, weil er sah, wie sich gleich massenweise die Hazwei Oxygene verabschiedeten. Die nächste Abkühlung war auch für Ha-Ede ein Schock, von dem er sich aber sehr schnell erholte, denn er sah überhaupt keinen der wässrigen Bewacher mehr. Mit dünner, zittriger Stimme rief Ha-Ede: „F-frei, end-endlich f-frei. E-es le-leb-e d-die Frei-frei-hei-heit!“ Er rollte und kullerte durch die Rohrleitung, traf plötzlich mit anderen Ha Ce-els zusammen und spätesten bei der ersten Aufheizung wusste er, dass er in der Oxichlorierung landen würde.

Ha-Ede hatte den Höllenritt überstanden. Der Kreis war geschlossen und ein neues Leben konnte beginnen.