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-1- Ede Ceh

oder

Die Entstehung von EDC (Ethylendichloride, Dichlorethan, C) und seine Weiterverarbeitung zu VC (Vinylchlorid, V) und PVC (Polyvinylchlorid, Plast)

Vorbemerkung:

Max Balladu überarbeitet zurzeit das Buch ‚Die Ede Ceh Story‘, während er gleichzeitig weiter an dem neuen Roman mit dem Titel ‚Tote brachen keinen Himmel‘, arbeitet.

Zur Erinnerung an den ersten Roman aus dem Jahr 2012 werden in den nächsten Wochen Abschnitte in Form von Short Storys auf der Webseite in mehreren Fortsetzungen veröffentlicht.

Die Story:

Teil 1 Direktchlorierung

Die Direktchlorierung (DC) von Chlor (B) mit Ethylen (E) findet drucklos in einem Kreislaufreaktor unter Zusatz des Katalysators Kata F bei circa 100 °C statt.

Das Chlorgas wird durch Elektrolyse von in Wasser gelöstem Kochsalz (NaCl), während Ethylen durch Aufspaltung von Erdöl gebildet wird.

Die chemische Gleichung für die DC lautet:

Cl2(B)   +   C2H4 (E) —->   C2H4Cl2 (C),

Die freiwerdende Wärme wird zur Verdampfung des Zwischenproduktes EDC (C) genutzt, das in Leichtsieder (LS)- und Hochsieder(HS)-Kolonne von Nebenprodukten befreit und im sogenannten Feedtank zwischengelagert wird. Während der Rohstoff Chlor (B) in der Nachbaranlage hergestellt wird, kommt das Ethylen (E) von außerhalb, manchmal auch aus dem Untergrundspeicher, der als Zwischenlager und Puffer dient.

„Frei, endlich frei!“, schrie Ethy Len, das farblose, aber vollbusige Weib mit der Doppelbindung und stürzte sich aus der dunklen Erdhöhle in die Rohrleitung, wohin auch immer sie diese führen würde. Es ging in rasender Geschwindigkeit vorwärts und Ethy jubilierte, denn das war schöner als Karussell fahren. Nach knapp dreißig Minuten traf Len in der C-V-Anlage ein, wurde an der Druck- und Mengenregelung kräftig durchgeschüttelt und sah sich plötzlich dem von ihr geliebten, von anderen gefürchteten Zwei Ce-el gegenüber.

Zwei Ce-el kam direkt von der B-Fabrik, wo er sich wegen des hohen Stromflusses in einer Membranzelle von Na getrennt hatte. Ce-el sah gerade noch, wie Na sich zusammen mit Hazwei Oxygen (H2O, Wasser (W)) als Lauge davonmachte, da wurde er auch schon weitergetrieben, landete in der B-Trocknung und gelangte anschließend unter Druck über eine Leitung in die C-V-Anlage. Dort lärmte der mörderische, ständig zur Aggression neigende Mann mit dem stechenden Geruch übermütig: „Ich will töten, morden, lynchen, vernichten, ersticken, vergiften, reagieren!“ Doch dann verstummte er überrascht, als er auf die auch ihm gewachsene, ein wenig zickige, aber hoch erotische Ethy Len traf. „Mensch, wie kommst du denn hierher Ethy? Das müssen wir doch gleich feiern!“

Die Len zierte sich. „Du weißt genau, Zwei Ce-el, dass ich mich nur mit dir einlasse, wenn Kata F dabei ist.“

„Aber da kommt er ja, der Kata Lysator!“, schrie Ce-el.

Jetzt juchzte auch die Len, „au fein, nun sind wir ja zu drein – dann können wir uns auch verein.“

Ce-el schüttelte den Kopf, „dass die leichteren Fraktionen immer gleich dichten müssen, wenn gezeugt wird, verstehe ich nicht.“

Aber das hinderte ihn nicht daran sich mit Ethy, die natürlich wahnsinnig stöhnte, innig zu umarmen, während Kata sich zwar zwischen sie drängelte, aber dann doch wieder verschwinden musste, als Zwei Ce-el und Ethy Len sich zu Ede Ceh vereinigt hatten. Der starke, verwegene Bursche Ede mit wuscheligen roten Haaren war kaum auf der Welt, da wurde er auch schon mit voller Wucht gegen die Füllkörperschüttung im Reaktor geschleudert. Kaum hatte er sich davon erholt zerrte ihn irgendetwas in eine große Rohrleitung. Dort fuhr er mit dem Laufrad der Kreislaufpumpen Karussell, sah unmittelbar danach bei hoher Geschwindigkeit, wie seine Artgenossen gezeugt wurden und landete wieder an der Füllkörperschicht. Doch das machte ihm nichts mehr aus. Allerdings hatte er nach hundert Mal der gleichen Prozedur die Schnauze voll und drängelte sich etwas weiter nach oben, weil er gesehen hatte, dass von da seine Artgenossen irgendwohin verschwanden. Und richtig, plötzlich wurde er erfasst und im nächsten Moment hatte er das Gefühl, auseinandergerissen zu werden.

„Wow, jetzt kann ich ja sogar fliegen“, rief Ede freudig überrascht aus, flog als Gas weiter und kam trotz des vielen Verkehrs gut durch die Destillationskolonne, aber dann traf ihn die Kälte der Wärmetauscher so stark, dass er zusammenzog und schnell wieder seine ursprüngliche Form annahm. Nach erneuter Hektik in einer Pumpe landete Ede im Feedtank.

„A-a-a, endlich ausruhen, wer weiß schon, was heute noch alles passiert“, murmelte Ede leise vor sich hin und schwamm ruhig, ab und zu nach links und rechts sehend, im Tank umher. Nun hatte er auch Zeit, sich alles etwas genauer zu betrachten. Dabei bemerkte er Artgenossen, die zwar genauso aussahen wie er, aber doch irgendwie anders waren.

‚Wie kam denn das?’, fragte er sich und sagte laut, „he, du, Ede Blue, wo kommst du denn her?“

Der lachte, „das wollte ich dich auch gerade fragen, Ede Green.“

„Direktchlorierung. Und du?“

„Noch nie was von Oxichlorierung gehört?“

„Nee, erzähl doch mal.“

„Na gut, mal sehen, ob ich das alles noch zusammenbringe. Auf alle Fälle trafen sich am Anfang drei: die vollbusige sexy Ethy Len, dazu der aggressive Lustmolch Ha Ce-el und der Luftikus Zwei Oxygen. Natürlich ging es auch bei den Dreien nicht ohne Kata Lysator, der sich hier aber Kata K nannte.“

Der Bohrarbeiter und die Philosophie

Boberow (Mecklenburg), 12. Juni 1964

„Leute, wir müssen die drei beschädigten Meißel an den Straßenrand holen“, schimpfte Bohrmeister Boge, hüpfte wie Rumpelstilzchen um seine drei Bohrarbeiter herum und fügte dann als Erklärung noch hinzu, „in einer halben Stunde kommt der Transport und da sollen – da müssen! – die mit, verdammt!“

Der dreiunddreißigjährige Erwin Schmiedefeld, dünn wie eine Bohnenstange, mindesten einen Meter neunzig groß, drahtig und zäh runzelte seine braun gebrannte Stirn und schüttelte verständnislos seinen Kopf. „Wieso fährst du die Dinger nicht mit der Planierraupe hierher?“

Der Bohrleiter fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. „Mensch, das hätte ich doch längst gemacht, Erwin, aber die ist kaputt und die Reparatur dauert zu lange. Verdammte Scheiße!“

Der bullige, muskelbepackte, gegenüber Schmiedefeld zwei Köpfe kleinere Fritz Krause brummte, „dann müssen sie eben erst morgen weggebracht werden.“

„Auf keinen Fall!“, regte sich Boge wieder auf, „wir haben keinen Ersatz mehr. Die müssen heute mit, damit sie schnell repariert werden können.“

In die eingetretene Stille hinein fragte Thomas Prost, „wo liegen denn die Meißel?“

Boge zeigte mit der ausgestreckten rechten Hand über eine aufgewühlte Sandwüste zur anderen Seite der Bohranlage schräg vorbei an dem fünfundvierzig Meter hohen Turm. „Das sind mindestens zweihundert Meter.“

„Und“, Prost hob kurz seine Arme an, „wie schwer ist so ein Meißel?“

Während Schmiedefeld und Krause stirnrunzelnd ihren Kurzzeit-Kollegen ansahen, erklärte Boge gleichmütig. „Na ja, der Tiefbohrmeißel mit seinen drei Rollen aus Hartstahl, die in einem Rohr zusammengeführt werden, wird so seine eineinhalb Zentner wiegen.“

Prost überlegte kurz.

„Das sind also fünfundsiebzig Kilogramm. Die bringt ein achtzig Kilogramm schwerer Sportsmann zur Hochstrecke. – Aber – der Weg ist natürlich ganz schön lang.“

Prosts Kollegen Krause und Schmiedefeld brachen in schallendes Gelächter aus, in das Boge mit eintaktete, als er begriffen hatte, was der zukünftige Student der Verfahrenstechnik da gerade von sich gegeben hatte.

Thomas Prost war am 30. 4. 1964, nach zwei Jahren und acht Monaten Dienstzeit, ehrenvoll aus den Reihen der NVA mit dem Dienstgrad Unteroffizier entlassen worden. Sein Studium der Verfahrenstechnik an der TH in Merseburg begann aber erst am 1. September. Deshalb fackelte er nicht lange und sah sich, zur sinnvollen Überbrückung dieser Zeit, nach einer Arbeit um. Als ihm sein Vater von den Erdölbohrarbeiten erzählte, bewarb er sich sofort bei der Firma als Kraftfahrer. Dort wurde ihm mitgeteilt, dass eine Arbeit als Kraftfahrer nicht möglich wäre, ihm aber ein Job als Bohrarbeiter angeboten werden kann, sagte er sofort zu. Prost liebte schwere Arbeiten, das war schon während seiner Kindheit in einem kleinen altmärkischen Dorf so gewesen. Bei der Armee hatte er sich aus eigenem Antrieb fit gehalten, sonst wäre er dort dick und fett geworden. Prost war deshalb heute immer noch gut in Form und seine Worte keineswegs nur so daher gesprochen. Er wartete geduldig bis seine Kollegen aufgehört hatten zu lachen.

„Erwin, wenn ich mit dem ersten Meißel hundert Meter geschafft habe, kümmerst du dich dann um den Zweiten?“

Schmiedefeld überlegte. Er konnte den schlaksigen Jüngling von Anfang an gut leiden, weil der richtig derb zupacken konnte, einem eher die Arbeit wegnahm, als sie einem zuschob und man konnte kluge Gespräche mit ihm führen. Er verzog das Gesicht zu einem kleinen Lächeln, weil er sich an ihre philosophischen Gespräche der letzten Tage erinnerte. Vor Beginn einer Frühschicht hatte Thomas Prost zu ihm gesagt, „weißt du Erwin wie ungeschickt ich mich am Anfang hier auf dem Bohrturm angestellt habe?“ er drehte den Kopf zu seinem Kollegen, sah dass der ihm aufmerksam zuhörte und fuhr lächelnd fort, „ich habe anfangs zehnmal so viel Kraft gebraucht, als ich das jetzt muss. Damals war ich zum Feierabend total geschafft, jetzt komme ich nicht mal mehr ins Schwitzen,“ wieder sah er seinem Kumpel Erwin in die Augen, aber der lauschte nach wie vor seinen Worten, „jetzt kenne ich alle Handgriffe, benutze sie effektiv, genau mit der richtigen Kraftaufwendung. Ist doch interessant, Erwin? Oder?“

„‘Das Umschlagen von Quantität in Qualität‘,“ antwortete der trocken, so dass Prost verblüfft schwieg.

„Erstes dialektisches Grundgesetz,“ fügte Erwin grinsend hinzu. Schmiedefeld machte dieses Gespräche Spaß. Der Junge hörte einem richtig zu, antwortete kurz, präzise und er besaß Humor. Menschen ohne Humor strengten Erwin zu sehr an. Behauptete er zumindest von sich.

„Na mach’ mal, Thomas,“ sagte Schmiedefeld, „dann sehen wir weiter.“

Sie gingen beide in die vom Bohrleiter gezeigte Richtung. Als Thomas sich zu dem ersten Meißel hinunter beugte, um fürs Tragen den besten Griff zu finden, bemerkte er, dass auch Krause mitgekommen war. Prost griff in die Aushöhlungen, in denen sich die wie Kegelräder geformten Kreisel befanden, hob den Meißel kurz an und setzt ihn wieder ab.

„Na, wohl doch zu schwer, du Angeber?“ Krause grinste breit.

Prost ließ sich nicht stören, griff erneut zu, hob den Meißel jetzt noch ein Stück höher, sodass er genug Bewegungsfreiheit für seine Beine hatte, sein Schoß konnte auf die Art ein wenig beim Tragen helfen.  Der junge Mann watschelte ziemlich zügig  los. Krause sah ihm mit verbissenem Gesicht hinterher, während Erwin lächelte.

Als Schmiedefeld sah, dass sein Freund nicht so schnell schlappmachen würde, beugte er sich zum zweiten Meißel nach unten, hob ihn an und – watschelte – genau wie Prost, nur dass das bei Erwin noch komischer aussah, hinter seinem Kollegen hinterher. Aber komisch oder nicht, das war Erwin egal und außerdem hatten sie ja sowieso nur einen Zuschauer, den Bohrleiter. Der drückte die Fäuste fest zusammen, als könnte er auf diese Art beim Tragen mithelfen. Er hoffte inständig, dass die Männer die Strecke tatsächlich schaffen würden.

Erwin dachte trotz der Anstrengung erneut an das interessante Gespräch mit seinem jungen Freund. Nach Schichtende hatten die beiden ihre Debatte über Dialektik fortgesetzt.

„Woher weißt du das Erwin?“ fragte Prost seinen sympathischen Kollegen.

Schmiedefeld schwieg. Bis zu diesem Gespräch über Philosophie mit Prost, wusste niemand, dass er nach seinem Abi auf der ABF 1953, danach zwei Jahre in Halle an der MLU Philosophie studiert hatte.

„Ich sehe, Thomas, dass du noch andere Fragen auf der Zunge hast. Spuck sie aus.“

„Aber dann klärst du mich auf?“

„Über Sex rede ich auch gerne, obwohl…“

„Wieso Sex?“ stellte Prost sich dumm.

„Rousseau, Diderot und Madam Pompadou. Ja, ja, das 18. Jahrhundert, die Epoche der Aufklärung, war auch sehr interessant.“

„Na gut Herr Professor, hast du auch ein Beispiel für den Kampf und die Einheit der Widersprüche?“

„Du hast es doch selbst schon gesagt. Denk nach.“

„Du meinst,“ Prost zögerte, „du meinst meine Veränderung hier bei Euch?“

„Genau Scholar,“ erneut grinste er, „Bewegung ist die notwendige Triebkraft für Veränderung, Entwicklung. Ein Wesen ist in jedem Augenblick dasselbe und doch ein anderes.“

Erwin ergötzte sich an seinem, aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommenden Kollegen und Freund.

Genau auf der Mitte des Weges ließ Prost den Meißel fallen und streckte sich. Kurz hinter ihm traf Schmiedefeld ein, warf seinen Meißel ebenso in den Sand und schnaufte.

„Du bist eine kaputte Type, Prost, aber“, er zeigte mit der Hand zurück, „du hast Erfolg.“

Tatsächlich hatte sich Krause den dritten Meißel geschnappt und kam nun auf sie zu. Seinen Gang mit dem Meißel konnte man schon fast Laufen nennen. Der bullige Kerl machte das noch besser als die zwei vor ihm.

Krause schmiss seinen Meißel ebenfalls hin und schnauzte, „Prost, du bist ein Arschloch! – Aber stark. – Das hätte ich nicht gedacht.“

Dieses Lob ging Thomas tief unter die Haut, aber er sagte nichts, sondern stellte sich wieder vor seinen Meißel, ging in die Knie, hob das schwere Teil wieder an – ihm war so, als wäre es leichter geworden – und watschelte weiter. Erwin folgte ihm, seinen Gedankengang fortsetzend, auf dem Fuße.

„Hast du etwa auch studiert Erwin?“ Prosts Blick zu Schmiedefeld unterstrich seine Fragestellung. „Warum verheimlichst du das? Und überhaupt, warum arbeitest du dann hier?“

„Ich habe nur zwei Jahre Philosophie an der Uni Halle studiert.“ Schmiedefeld machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das ist alles.“

„Dann hast du Abitur?“

„ABF, auch in Halle.“

„Warum hast du aufgehört?“

„Willst du das wirklich wissen?“

„Ja unbedingt.“

„Mann, ich weiß es doch selber nicht.“

Die beiden schwiegen.

„Was ist jetzt mit dem 3. Dialektischen Grundgesetz,“ unterbrach Prost die Stille, „die Negation der Negation?“

„Das ist doch am einfachsten, Thomas.“

„Ich finde das am verworrensten.“

„Du liebst doch Mathe, hast du mir erzählt. Du musst nur richtig nachdenken, dann siehst du, wie einfach das ist.“

Prost grübelte ein zwei Minuten schweigend, bevor er weitersprach. „Ein positive Zahl wird negativ, wenn ich sie mit einer negativen multipliziere. – Ja, ist das die Negation?“

Schmiedefeld schwieg grinsend.

„Oh, ich glaube, jetzt geht mir ein Licht auf, denn wenn ich die negative Zahl nun mit einer weiteren negativen multipliziere, wird das Ergebnis positiv.“ Über Prosts Gesicht lief ein erstauntes, etwas ungläubiges grinsen. „Das ist dann wohl die Negation der Negation Erwin? Minus mal Minus ergibt Plus?“

„Das Verschwinden der alten Qualität, also Negation, ist verbunden mit ihrem Wiederauferstehen, der doppelten Negation, in einer neuen Qualität.“

Als sich Prost mit seinem Meißel dem Straßenrand näherte, fuhr dort der LKW vor und er ließ seinen Meißel dicht am Fahrzeug, zu Boden gleiten. Nur wenig später trafen auch Schmiedefeld und Krause ein, die sich genauso erleichtert von ihrer Last befreiten.

Boge tanzte freudig um die drei herum. „Mensch Leute, das ist ja wunderbar. Damit habt ihr einen Verzug beim Vortrieb der Bohrung verhindert.“

„Quatsch nicht so viel, Boge, rück lieber mit `ner Prämie raus“, brummte Krause und Schmiedefeld fügte grinsend hinzu, „die Idee solltest zu festhalten, Bohrleiter.“

Boge lachte. „Da braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Natürlich kriegt ihr eine Prämie. Aber außerdem gibt es ja Bohr-Geld pro Meter Tiefe, und da wir nun nicht in Verzug kommen werden, gibt es auch mehr von dieser Prämie.“

Die Aktion der drei sprach sich schnell unter den Kollegen der anderen Schichten der Bohranlage herum und der angehende Student merkte von diesem Tage an, dass er sich den Respekt der 18 Bohrarbeiter erworben hatte.

 

Alte Liebe 2020

Alte Liebe 2020

oder

Nicht alles ist verschuldet durch Corona

„Du hast mir doch mal erzählt, dass ihr jeden Tag am Nachmittag in der Umgebung von Bennstedt spazieren geht?“

„Genau. Seit der Corona Geschichte, fahren wir mit dem Auto nur noch zum Einkaufen.“

„Immer dasselbe, wird das nicht langweilig?“

„Langweilig? Von wegen Ingrid, ich könnte dir da eine Geschichte erzählen…“

„Erzähl Henni, das klingt, ja fast… würde ich sagen… mysteriös?“

„Mysteriös? Nein, dann wohl eher prickelnd, erotisch, sexy,“ sie machte eine kleine Pause, bevor sie nachdenklich hinzufügte, „möglicherweise verursacht durch Corona?“

Henriette Fabienne Möller saß, schön auf den vorgeschriebenen Abstand bedacht, mit ihrer Freundin Ingrid im Frisörsalon, der gerade wieder öffnen durfte. Beide, immer noch sehr gut aussehenden Frauen, waren Mitte siebzig, die eine groß und schlank, die andere kleiner mit ausgeprägten weiblichen Formen. Der Andrang, einen Termin für eine Haarpflege zu bekommen, war natürlich groß. Zwei Frisörinnen, die ältere, offensichtlich die Chefin und ein blutjunge, vermutlich eine Auszubildende, arbeiten gerade an je einer Kundin ebenfalls unterschiedlichen Alters. Trotz des Abstandes war für die zwei Wartenden Zeit und die Möglichkeit sich zu unterhalten, sie mussten nur etwas lauter sprechen. Doch das schien die anderen nicht zu stören.

„Mach‘s nicht so spannend, erzähl schon.“ Ingrid wandte ihren Kopf neugierig auffordernd ihrer Freundin zu.

„Es begann beim alltäglichen, gemütlichen Frühstück, während dem wir auch meistens den Tagesablauf ein wenig planten.“

„Sag mal Moritz, welches Ziel setzen wir uns heute für unseren Spaziergang?“

„Hmm…ich weiß nicht Max, sag du.“

Das ergraute Ehepaar Henriette Fabienne Möller und Max Balladu saßen gemütlich beim Frühstück. Der Mann Max hatte, als ambitionierter Amateurliterat, seiner Frau, der Wennichmallusthabmalerin aus dem mit dem Buchpreis Leipzig 2020 ausgezeichneten Buch ‚Stern 111‘ von Lutz Seiler ein Kapitel vorgelesen. Sie hatten ein wenig darüber diskutiert, während gleichzeitig beide die letzten Schlucke ihres Frühstückskaffes schlürften.

„Weißt du Moritz,“ der Mann benutzte den vor nun schon fünfzig Jahren erfundenen Kosenamen für seine Frau, „der Seiler versetzt unsereinen in nostalgische Stimmung, es erinnert mich an unser Leben in der DDR. Wie wäre es mit einem Nostalgie Spaziergang?“

Nachdenklich sah die Frau zu ihm, trank noch einen Schluck Kaffee, wollte etwas sagen, verwarf es  wieder und schwieg. Balladu legte seine Beine hoch auf den anderen Küchenstuhl, griff zu seiner Kaffeetasse, ein zweihundertzwanzig Milliliter Pott, den er vor zwanzig Jahren aus Baton Rouge Bundesstaat Louisiana von einer Dienstreise mitgebracht hatte, trank genüsslich seinen gezuckerten und mit Sahne verfeinerten Kaffee, dachte ebenfalls nach, sagte dann, „haben wir hier schon alle Wege, die wir mit Max gelaufen sind erledigt?“ Max war ihr Golden Retriever, der bereits im Jahr 2015 gestorben war, dem sie allerdings immer noch nachtrauerten.

„Ich weiß nicht…“ die Frau brach ab, schwieg erneut, doch nach einer Minute fuhr sie fort, „was hältst du davon,“ sie kicherte vor sich hin, so dass der Mann neugierig skeptisch zu seiner Frau sah, „ob wir die Stelle wiederfinden,“ sie kicherte erneut, „wo wir uns im Freien geliebt haben?“

„Wow, mein Weib kann Ideen haben!“ Der Mann stellte seine Tasse auf den Tisch., dachte nach, „aber das ist nur richtig gut, wenn wir dann da auch wieder Sex machen.“

„Ich denke schon, wenn wir die Stelle finden und sie immer noch so schön geschützt und unzugänglich ist…dann lieben wir uns ganz materialistisch.“

„Schöner Antrieb und – tatsächlich – eine brillante Idee. Selbstverständlich machen wir das.“ Max lächelte seiner Frau anerkennend zu.

Die beiden tranken den letzten Schluck Kaffee, standen vom Tisch auf, die Frau ging ins Wohnzimmer zu ihren Rätselheften, sie hatte das Frühstück vorbereitet, während der Mann den Tisch abräumte, das Geschirr in die Spülmaschine stapelte, den Tisch abwischte, das Licht in der Küche losch, in den geräumigen Keller strebte, wo sich im ehemaligen Kinderzimmer sein Schreibtisch mit dem Laptop befand auf dem er nun versuchte mit neuer Triebkraft seine Romanideen umzusetzen.

„Hier in der Nähe müsste es sein,“ sagte Max nachdem die Beiden etwa eine halbe Stunde marschiert waren. Der Wanderweg führte hier direkt in einen schmalen, langsam abfallenden, grün bewachsenen Einschnitt im Gelände zurück ins Dorf. Max streckte seinem rechten Arm aus und wies über eine grüne nach vorne hin langsam abfallende Ebene zu einem langgezogenem Buschwerk hin, das sich auf der linken Seite des mit etwa zehn Zentimeter großen Sprösslingen irgendeiner Getreidesorte bewachsenen Feldes über zweiundert Meter erstreckte bis hin zur dann abrupt zwanzig Meter steil abfallenden Schlucht zur Straße nach Langenbogen, was sie aber von hier nicht sehen konnten.

„Ja, das denke ich auch, aber,“ sie zeigte auf den linken Rand des von Max beschriebenen Buschwerks, „ich denke das Fleckchen muss gleich hier vorne irgendwo sein.“

„Ich kann mich noch gut erinnern,“ Max zeigte erneut über das Feld zum Ende des Buschwerks auf dessen rechte Seite, „das muss ziemlich nahe an der Schlucht zur Straße liegen. Denn von da aus…“

„Ich bin sicher,“ unterbrach die Frau, „dass die schöne Stelle, wo wir uns geliebt haben, gleich hier vorn sein muss, dicht neben dem immer steiler werdenden Rand das absteigenden Wanderweges.“

„Das Beste wird sein,“ versuchte Balladu eine Lösung zu finden, „wenn jeder nach seinen Vorstellungen dieses Plätzchen sucht. – Wir treffen uns dann ja dort?“

„Gute Idee Max.“ Die Frau winkte ihrem Mann zu, schwenkte nach links, ging ein paar Meter über das Feld und verschwand im Buschwerk. Balladu sah ihr nicht hinterher, denn er war sich sicher, dass er am anderen Ende des Buschwerks die besagte Stelle finden würde. Er schritt in einer breiten Spur, die für die Pflege und Bearbeitung des Feldes von den Traktoren geschaffen worden waren, zügig voran. Tatsächlich entdeckte er kurz vor der Schlucht einen Wildpfad, der ihn durchs Buschwerk führen und an den gesuchten Platz bringen könnte.

„Wieso erzählst du nicht weiter?“ fragte Ingrid verwundert.

Genau in dem Moment merkten die Freundinnen, dass ungewöhnliche Stille im Frisörladen eingetreten war. Offensichtlich hatten auch die vier anderen im Raum befindlichen Frauen auf die Pointe der Story gewartet.

„Kann man denn in so einem Alter noch bumsen?!“ platzte die blutjunge Frisörin in die Stille hinein.

„Hanna!“ ermahnte die Chefin vorwurfsvoll ihre junge Angestellte, wandte sich dann den beiden Freundinnen zu, „bitte endschuldigen sie, wir vier haben schon seit den einleitenden Worten ‚prickelnde erotische Story‘ zugehört.“

„Und ob,“ sagte Henni mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht, „den zweiten Frühling gibt es wirklich und das ist nicht nur ein kurzes Aufflackern.“

„Ja, aber warum,“ die Kundin mit den Lockenwicklern im Haar drehte sich etwas zu den anderen Frauen um, „haben sie dann aufgehört zu erzählen?“

„Genau Henni, wie war es? Wie ging es weiter?“

„Wunderbar,“ antwortete die nur und wartete lächelnd ab.

„Das heißt… ihr habt es getan…?“

„Es zu tun war ja unser Ziel. Die Fähigkeit dazu war vorhanden und zu Hause erprobt. Nur,“ wieder machte sie eine bedeutungsvolle Pause, „uns dort im Freien sexuell zu lieben konnten wir dennoch nicht.“

„Hat er keinen hoch gekriegt,“ platzte wieder die junge heraus.

„Hanna!“ mahnte erneut die Chefin.

„Nein, das war wirklich nicht das Problem.“

„Was dann?“ hakte die Freundin nach.

„Wir haben uns,“ erneut machte sie ein Kunstpause, „nicht gefunden.“

„Wie nicht gefunden?“ fragten gleich mehrere.

„Wir haben uns erst zu Hause wiedergesehen.“

„Was?“ „Wieso denn?“ Die fünf Zuhörerinnen sahen verständnislos zur Erzählerin.

„Ganz einfach. Wir haben uns – dort – verfehlt. Jeder hatte den Platz aus seiner Erinnerung gesucht und nach seiner eigenen Meinung, wiedergefunden. Aber eben jeder einen anderen.“

Hanna lachte schallend. Die älteren schmunzelten weise, die jüngeren lächelten verhalten mit träumerischem Blick.

„Halt!“ rief die Jüngste, weil die Chefin schon wieder zur Tagesordnung übergehen wollte, „das haben sie doch nachgeholt? Oder?“

„Kluges Mädchen,“ antwortete lächelnd die Erzählerin, „selbstverständlich!“

Wie die Männer ticken.

Wie die Männer ticken.

Verfasst von Anni Kloß und Max Balladu

„Weißt du Max,“ wandte sich Amateurmalerin Henriette Fabienne Möller an ihren Mann Max Balladu den Amateurautor mehrerer Bücher, „die neue Mikrowelle verstehe ich nicht.“

„Zeig mir mal die Beschreibung Moritz.“

Die gut proportionierte, schön anzusehende Frau hörte diese Anrede, sie stammte noch aus der Zeit ihres Kennenlernens vor vielen Jahren, gern, denn sie wirkte auf sie sehr freundlich, fast liebevoll. Inzwischen nutzte sie diesen Namen in Verbindung mit ihren Initialen auch als Pseudonym ‚H. F. Moritz‘ für ihre Bilder, die zum Teil auf den Covern der Balladu-Bücher prangten und, zumindest ab und zu, für das Lektorat mancher Romane des Mannes. Das schon fortgeschrittene Lebensalter hatte der Möller – fast – nichts anhaben können. Sie drückte lächelnd dem beinahe gleichaltrigen, schlanken und immer noch sportlich wirkenden Mann, eine kleine A5 Broschüre in die Hand. Weiter still vor sich hinlächelnd sah sie zu, wie der Ingeniör i. R., wie er sich selber betitelte, zu lesen begann.

Genau damit fingen die Unterscheide zwischen den Beiden schon an. Während die Frau einfach drauflos probierte, das heißt in diesem Falle einen Knopf nach dem anderen drückte, immer von einem Piep begleitet, bis sie entnervt aufgab, weil das Gerät nun keinen Ton mehr von sich gab, machte der Mann sich immer erst geduldig über die Anleitung her und erst dann, wenn er glaubte das System erkannt zu haben, begann er damit die Knöpfe zu drücken.

Balladu betrachtete die 9 untereinander liegenden Fingerkuppen großen, sich kaum vom Untergrund abhebenden Druckknöpfe. Eigentlich waren das nur kleine Dellen in einer glatt-glänzenden Oberfläche. Er sah noch einmal kurz ins Buch, dann drückte er einen Knopf und die kleine, aber gut sichtbare digitale Anzeige, direkt oberhalb der Druckknöpfe, leuchtete auf und zeigte vier durch einen Doppelpunkt getrennte rote Nullen.

Eine Weile hatte die Frau noch geduldig daneben gestanden, doch dann wurde ihr das zu langweilig und sie verließ die Küche, um sich anderen Aufgaben zu widmen. Es hat ihr zwar auf der Zuge gelegen, dem Mann Ratschläge zu erteilen, aber dann hätte er sie ja doch nur kurz und knapp abgewiesen. Das war ihr schon so oft passiert und manchmal konnte das auch weh tun, obwohl sie genau wusste, dass es von ihm nie böse gemeint war. Im Prinzip hatte er wohl auch Recht, denn zu unterschiedlich waren ihrer beider Herangehensweisen. Natürlich wusste sie das längst, hielt sie aber oft nicht davon ab, es dennoch zu tun, sich einzumischen. Die zweite Abweisung des Mannes hörte sich dann auch entsprechend aggressiver an und das gefiel ihr ganz und gar nicht. Da in dem kleinen Reihenhäuschen alle Räume, von Kellerflur bis in die erste Etage, gleichmäßig beheizt wurden, standen fast immer alle Türen offen. So hörte sie also, wie es plötzlich aus der Küche wieder piepte. Sie verharrte mit ihrer Arbeit, lauschte, doch es hörte nicht auf, unrhythmisch zu piepen. Langsam ging die Möller zurück in die Küche, sah ihren Mann jetzt kopfschüttelnd vor dem Gerät stehen, abwechselnd ins Buch und dann auf die Knöpfe der Mikrowelle sehend. Nach kurzer Zeit, die Frau stand jetzt direkt neben ihm, sah sie, dass auf der Anzeige irgendwelche Zahlen standen. Er drückte noch einen Knopf und nun zeigte die Anzeige wieder 00:00.

„Vielleicht solltest du zuerst die Zeit einstellen?“ schlug die Möller vor.

„Ich weiß zumindest, was die Knöpfe bedeuten. Siehst du hier,“ er zeigte auf den obersten Knopf direkt unterhalb der digitalen Anzeige, „damit stellt man die Leistung von P100-P10 ein. Darunter folgt die Auswahl der Garart, also Grillen, Mikrowelle oder Kombinationen. Dann folgt mit Convection,“ er zeigte auf den dritten Knopf von oben, „eine Temperatureinstellung. Was das genau bedeutet habe ich noch nicht verstanden. Es muss etwas mit vorwärmen auf eine bestimmte Temperatur zu tun haben. Der nächste Knopf dient der Einstellung des Gewichts des Gargutes. Mit dem Fünften, das scheint mir wieder wichtig, kann man Uhrzeit und  Kochzeit einstellen,“ er sah seine Frau kurz an, bevor er den Kopf drückte – piep. Die erste Zahl in der Anzeige blinkte. „Da,“ er sah auf die Uhr, „zehn Uhr dreißig,“ Balladu fuhr mit dem Finger über den direkt darunter liegenden Knopf hinweg, mit der Bemerkung, „Achtung! Der 6. Taster bedeutet ‚Stopp/Clear‘, meint somit auch löschen und dann muss du wieder von vorne anfangen. Also sollte ich jetzt auf den Siebenten drücken, der mit  einem Pfeil nach oben, leider kaum sichtbar, gekennzeichnet ist.“ Es piepte, die erste Zahl erhöhte sich mit jedem weiteren  Piep von 1 bis auf 10. Max drückte wieder auf den Fünften mit der Beschriftung ‚Clock‘, die erste Zahl blieb bei 10 stehen und die zweite begann zu blinken. Der Mann drückte erneut, jetzt aber dauerhaft auf den fast unsichtbaren Pfeilkopf nach oben, die Zahlen liefen schnell von Null über die dreißig hinweg. „Oh, 34, das war zu weit, aber kein Problem,“ er drückte den mit einem ebenso unsichtbaren Pfeilkopf nach unten gekennzeichneten Knopf, also den 8., nun wieder langsam, so dass nach vier Piepsern die 30 blinkte und er den Vorgang durch erneute Betätigung der fünften Taste abschloss. „Das ist einfach, aber Achtung vor der Taste Nr. 6! … doch lass uns erst einmal weitermachen,“ er zeigte auf den 9. und letzten Knopf, „da steht ‚Start/+30sec/confirm‘, klingt umständlich, aber es besagt wohl, dass damit sowohl der Kochvorgang gestartet als auch die anderen notwendigen Daten nach deren Eingabe, bestätigt werden müssen, denn confirm heißt so viel wie bestätigen.“

„Die alte war viel einfacher.“

„Da stimme ich dir zu, Moritz, aber wir schaffen das auch mit diesem, an sich ja sehr guten Gerät.“

„Ja, ja, das wollte ich ja auch haben, weil innen alles aus Edelstahl und nicht aus Keramik ist,“ sie sah eine Bemerkung erwartend zu ihrem Mann, doch als der schwieg, fuhr sie fort, „die Keramik ist zu schnell von der Wandung abgesprungen und dann…“

„…korrodiert das Gehäuse. Wir werden schon klarkommen, wir lernen das. Wollen wir zusammen nochmal alles durchgehen?“

„Lass mich es nochmal allein versuchen, Ja?“

„Na klar. Mach das. Ich setze mich an den Computer und überlege, wie wir die Knöppe besser kennzeichnen könnten.“

Als Balladu um halb zwei mit einem A4-Zettel in der Hand wieder aus dem Keller, wo sich sein Arbeitsraum, in dem ehemaligen Kinderzimmer ihres längst erwachsenen und bereits vor Jahren ausgezogenen Sohnes, befand, saß die Frau im Wohnzimmer auf ihrem Stammplatz links neben der Tür in der Ecke und löste Kreuzworträtsel, eine ihrer Lieblingstätigkeiten. „Na, weißt du jetzt Bescheid, Moritz?“

„Ich hab‘ aufgegeben. Das ist alles zu verwirrend.“

„Verstehe. Außerdem funktionieren die Druckknöpfe nicht besonders gut. Erst muss man sie ertasten und dann sehr kräftig drücken. Trifft man nicht genau den Kopf, dann piepts auch nicht.“ Während er das sagte schwenkte er sein Blatt Papier hin und her.

„Was hast du da?“

„Ach ja,“ sagte Balladu, als ob er das Blatt bereits vergessen hatte, „das ist eine Skizze mit allen Knöpfen und einer genauen Bezeichnung mit roter Umrandung für die wichtigsten, die anderen schwarz. Vielleicht sollten wir an die Knöpfe entsprechende Zahlen ankleben?“ Er legte der Frau das Papier auf den Tisch. „Was meinst du?“

Die Möller betrachtete das Bild nur kurz, „ist immer noch zu kompliziert – finde ich.“

Balladu dachte schweigend nach.

„Vielleicht nur die roten Zahlen?“ fügte die Frau hinzu.

„Gute Idee. Ich denke, dass wir ohnehin nur drei Tasten brauchen. Zumindest am häufigsten brauchen.“

„Drei Tasten!“ konstatierte die Frau, „das könnte mir gefallen.“

„Hast du etwas zum Ankleben? Etiketten oder so? Dann mach ich das.“

„Gib mir Deine Skizze, ich finde was und dann mache ich das.“

„Gut. Wir sollten vielleicht unterschiedliche Farben wählen. Das wichtigste wäre, die Taste 6 ‚Stopp/Clear‘ rot zu kennzeichnen und die andern vielleicht grün?“

„Ich denk darüber nach und mache das.“

Sie absolvierten wie jeden Tag ihren Spaziergang, danach widmete sich zu Hause wieder jeder seinem eigenen Hobby. Balladu ging zurück in den Keller, nicht ohne vorher sein Abendbrot vorprogrammiert in die Röhre geschoben zu haben, während die Möller sich ins Wohnzimmer zu ihren Rätseln setzte. Aus ‚Diät‘ Gründen verzichtete sie auf ein Abendbrot.

Als um 18 Uhr die Bratröhre in der Küche zu piepen begann, stand Balladu auf, speicherte seine Arbeit, inzwischen machte er das aus Sicherheitsgründen mindestens zehnmal am Tag, ging die Treppe nach oben, um sein Abendessen aus der Röhre zu holen. Als erstes warf er aber doch kurz einen Blick auf die Mikrowelle, stutze, ging näher und … lachte schallend los. Es dauerte nur Sekunden, da stürzte seine Frau in die Küche, „was ist los? Ist was passiert?“

„Und ob meine liebes Weib,“ er zeigte auf die Mikrowelle, „das ist der Beweis!“

„Was denn für ein Beweis? Gefällt dir das nicht mit den zwei roten und dem einen grünen Punkt?“

„Doch, doch, das hast du wunderbar gemacht!“ Dennoch lachte der Mann weiter.

„Aber worüber lachst du denn dann?“

„Über eine Erkenntnis mein Moritz, eine Erkenntnis über die sich schon viele Männer den Kopf zerbrochen haben.“

„Ja und, was soll das denn sein?“

„Wie Frauen ticken!“

„Aber was hat das mit unserer Mikrowelle zu tun?“

„Sie mal Frau,“ wieder zeigte er auf die Pünktchen, die sie angebracht hatte, „du hast die beiden Knöpfe Zeit und Start rot gekennzeichnet und die Stopptaste grün. Ich hätte es genau umgedreht gemacht, verstehst du?“

Die Möller sah zur Mikrowelle, dachte angestrengt nach, sah zurück auf ihren Mann, „na gut, mein Mann, aber dann kann ich dir jetzt genauso gut sagen, dass ich endlich verstanden habe,“ sie machte eine kleine Pause, sie sah, dass ihr Mann voller Aufmerksamkeit war und fuhr fort, „wie die Männer ticken.“

„Volltreffer!“ stimmte Balladu zu und beide lachten aus vollem, und für den Moment zufriedenem, Herzen.

Nachbemerkung:

Die erste Fassung dieser Geschichte hatte mein Freund Balladu verfasst. Bei ihm sollte der Titel heißen ‚Wie Frauen ticken‘, aber dann fand er, dass dieser Name sofort die Feministinnen auf den Plan rufen könnte und reichte den Entwurf an mich weiter. Das fand ich auch gut, denn es liegt ja auf der Hand, dass das Thema logischer Weise aus beiden Richtungen betrachtet werden kann. Und ich denke sogar, betrachtet werden muss. Auf gar keinen Fall sollte mit der Überschrift weder die Frau noch der Mann zum Sündenbock gemacht oder ganz und gar hintergangen werden. Deshalb ist obige Geschichte das Werk von Mann und Frau.

Wie gut, wenn Mann und Frau auch ‚nur‘ Freunde sein können.

Apps, der Automat

Eine kleine Geburtstagsgeschichte

Frau Henni ging in den Keller, um Zwiebeln und Kartoffeln für das Mittagessen zu holen. Sie nutzte diese Gelegenheit dazu, ins ehemalige Zimmer ihres jüngsten Sohnes zu gehen, das sich die beiden Alten, Henni und Herwig, als Studierzimmer eingerichtet hatten, um auf dem Bildschirm ihres PCs die Emails zu checken und zu beantworten oder auf Skype Videos und Bilder ihrer Söhne und Enkel anzusehen und zu kommentieren. Heute fühlte sie sich außerdem verpflichtet ihren Mann mit einer Erinnerung auf den Wecker zu fallen, denn dessen Schwester Helga hatte heute Geburtstag. Henni hörte schon die Antwort, ‚Henriette,‘ das sagte er immer, wenn er mich ärgern wollte, ‚das weiß ich doch! Du nervst.‘ Scheinbar  gab er alle seine… und ihre Termine in den Laptop ein und der alarmierte immer rechtzeitig, – behauptete er. Na ja, sie, für sich persönlich, traute der Technik nur sehr begrenzt. Oft genug hatte sie es schon erlebt, dass durch irgendwelche Fehler schlagartig alle diese Daten verschwunden waren, ja und dann? Die Software wäre zwar immer besser geworden, sagt mein Mann, aber er gab auch zu, dass die oft nur kleinen Veränderungen durch neue Updates, die zwar die Programme zuverlässiger als früher machten, aber andererseits auch ihm, dem Ingeniör, immer häufiger Schwierigkeiten bereiteten, weil er nicht gleich kapierte, wie die Änderung zu handhaben sei, ohne einen Fehler zu machen.  Genau, einen Fehler und – weg war das Adressbuch oder eben die Geburtstage. Also erinnerte sie ihn sozusagen prophylaktisch.

„Wann willst du denn deine Schwester anrufen?“

„Gut, dass du fragst, mein PC hat auch schon gepiept,“ er sah lächelnd zur Frau auf, „wollen wir gleich anrufen?“

„Wie spät ist es denn? Du weißt …“

„… gleich neun, das müsste doch gehen?“

„Ja, ja Helga ist sicher aufgestanden und Hans stört das Klingeln nicht.“

Helga, die drei Jahre ältere, selbstbewusste, couragierte Schwester, eine promovierte Zahnärztin im Ruhestand, lebte mit ihrem Mann Hans, einen Gymnasiallehrer für Mathe und Physik nach wie vor in der kleinen idyllischen Provinzstadt Osterburg. Ja, mit seiner Schwester hatte Herwig immer etwas Besonderes  verbunden und er glaubte nicht nur, weil sie verwandt miteinander waren. Mit ihr konnte er sich sowohl sehr gut unterhalten als auch streiten, fruchtbringend streiten. Allerdings war das wohl vor allen Dingen Helgas Diplomatie zu danken. Die Schwester konnte sich viel besser beherrschen als ihr jüngerer Bruder. Weshalb der Bruder ihr schon ab und zu herzloses Verhalten vorgeworfen hatte, indem er ihr dann ‚herzlose Sandra‘ an den Kopf warf. Das ist der Name einer Figur, die aus den Geschichten herrührte, die ihre Mutter den beiden Kindern im Bett erzählt oder vorgelesen hatte.

„Gut,“ Herwig griff zum Telefon, „rutschen wir ein bisschen zusammen, dann kann ich den Hörer hier,“ er zeigte auf die Ecke seines Schreibtisches, „ablegen und laut stellen.“

Der Mann wählte die Nummer aus dem internen Telefonbuch, drückte zweimal auf den grünen Knopf, beide hörten die schnelle Reihenfolge der Laute, als die Zahlen eingelesen wurden und wenig später das Besetztzeichen, ein schnell aufeinanderfolgendes, „piep, piep, piep…“

„Scheiße besetzt.“ Er wartete ein paar Sekunden, wählte dann erneut und … jetzt, mit größeren Abständen, piep – piep, das Rufzeichen. Schneller als erwartet hörten sie eine fremde Stimme:

„Hier ist der private Telefonautomat Apps von Hans und Helga Meinecke. Bitte sagen sie nach dem nächsten Piep ihren Namen – Piep.“

In die Stille hinein und etwas vom Telefon abgewandt fragte Herwig, „sag mal, haben wir uns verwählt?“

„Aber der Name hat sich doch wie Hans und Helga Meinecke angehört?“ flüsterte die Frau.

„Das habe ich nicht verstanden, bitte wiederholen sie.“

„Mensch, Max Balladu, verdammt,“ knurrte der Mann laut in Richtung Telefon.

„Mensch Max Balladu verdammt,“ reagierte der Automat, „wenn die Angelegenheit

  • beide betrifft, drücken sie die           1
  • Nur für Hans wählen sie die             2
  • Nur für Helga wählen sie die            3“

Herwig drückte hastig die 2. „Mist! Verdrückt!“

Der Automat spulte weiter sein Programm ab

  • „Wollen sie Hans eine Nachricht hinterlassen drücken sie die      1
  • Für eine Anfrage die                                                                                2
  • Für ein Gespräch drücken sie die                                                         3“

„Gottverflucht, wie kann ich mich denn korrigieren, ohne das Gespräch…“

„Mensch Max Balladu verdammt drücken sie eine Zahl zwischen 1 und 3“

quatschte der Automat dazwischen.

Herwig drückte zornig die 1.

„Sie haben 20 Sekunden Zeit, Piep.“

„Mensch ich wollte doch nur…“

„… du kannst doch zu Hans nicht einfach Mensch…“

„… na Helga hat doch – ich habe mich vertippt, entschuldige Pit.“

„Danke für die Nachricht Mensch Max Balladu verdammt.“

Noch bevor Herwig das Gespräch beenden konnte, piepte es wieder in der Leitung, der Automat hatte die Verbindung bereits unterbrochen.

„Was sagst du dazu Weib?“ Herwig starrte seine Frau an, aber die erwiderte nur verständnislos seinen Blick. „Das hätte ich meiner Schwester gar nicht zugetraut. – Aber – Interessant.“

„Gibt es denn solche Apparate inzwischen tatsächlich?“ Die Frau glaubte immer noch im falschen Film zu sein.

„Programmiertechnisch ist das überhaupt kein Problem. Der Name des Automaten heißt vermutlich nicht zufällig Apps, denn eine App besteht ja mehr oder weniger aus kleinen Programmen.“ Herwig starrte auf den Hörer, „aber ist das auch nützlich? – Egal, ich will wissen, was Apps noch drauf hat.“ Herwig drückte die Wahlwiederholung, schaltete durch nochmaliges Drücken wieder den Lautsprecher an, behielt aber das Mobilteil in der Hand.

Dieses Mal nannte er schnell seinen richtigen Namen, Herwig Flessel, drückte bei der ersten Abfrage die 3 für Helga und dann die Taste 2 für eine Anfrage.

„Frau Hedwig Flessel,“ sagte der Automat, „wenn sie eine Fremde sind

  • drücken sie die             1

wenn du eine Verwandte bist

  • drücke die                         2

wenn du eine Freundin bist

  • drücke die                         3“

Herwig drückte die 1.

„Sie haben für ihre Anfrage an Frau Dr. Helga Meinecke 20 Sekunden Zeit. Sprechen sie nach dem Piepton. – Piep.“

„Hier ist nochmal der Mensch Max Balladu ohne verdammt. Ich rufe nur an, weil ich weiß, dass sie, Frau Doktor, mein Buch ‚Ein Mensch 08-15? gelesen haben. Da der Titel ein Fragezeichen enthält, würde ich gern wissen, wie sie persönlich diese Frage beantworten. Danke im Voraus.“

„Danke für die Anfrage an Frau Dr. Helga Meinecke.“ Piep, piep, piep.

„Jetzt mach‘s doch mal richtig, Mann.“

„Was heißt hier richtig,“ empörte sich der Mann, „ich habe alles richtig gemacht, aber der Automat…“

„Gib her, jetzt bin ich dran.“ Henni griff sich das Telefon, wählte die Nummer noch einmal komplett neu, der Ruf ging raus und nach drei Sekunden meldete sich wieder der Automat. Sofort drückte sie das Teil wieder ihrem Mann in die Hand. Scheinbar hatte sie gedacht, dass der vorher doch etwas falsch gemacht hatte, und dass sich jetzt das Geburtstagskind direkt melden würde. Aber auf keinen Fall wollte sie mit einem Automaten reden.

Herwig fackelte nicht lange, sprach seinen Vornamen ganz langsam und deutlich aus, dann drückte er zuerst die 3, dann nochmal die 3 für ein direktes Gespräch mit Helga. Die nächste Abfrage beantwortete er mit der 2, also verwandt, und wartete gespannt auf die Antwort.

„Hallo Wicki, ich verbinde.“

Herwig vernahm das Knacken, und nur eine Sekunde später hörten sie beide die Stimme seiner Schwester Helga. „Meinecke.“

„Hallo Schwesterchen! Hier sind Henni und Herwig…“

„…hallo!“

„… herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Schwesterlein und …“

„…Gesundheit, Freude…“ ergänzte Henni

„Danke ihr beiden. Das ist…“

„Sag mal Schwesterchen, was hast du denn mit deinem Telefon gemacht?“

„Das fragst gerade du Wickie, Brüderlein? Du hast doch immer gesagt, dass mein Apparat zu alt ist, ihr mich schlecht versteht und jetzt habe ich einen neuen gekauft und das ist dir auch nicht recht?“

„Ja, das stimmt,“ meldete sich Henni, denn am häufigsten telefonierten die beiden miteinander, „wir haben dich manchmal nur sehr schlecht verstanden. Das ist heute auf alle Fälle viel besser…“

„… aber von einem solchen Apps,“ unterbrach Herwig, „habe ich ja noch nie was gehört. Wie bimmelt das Ding denn, wenn ich nur Hans oder, wie heute, nur dich sprechen will?“

„Da gibt es keinen Unterschied.“

„Wie bitte? Wozu dann die ganze Fragerei? Das hat ja ewig gedauert.“

„Ja, du sagst es. Anfangs hat zu den Ansagen des Automaten, wenn man ihn später abgehört hat, auch eine IQ-Angabe zum jeweiligen Anrufer …“

„…was Schwesterchen, das ist ja toll, dann…“

„Vorsicht Brüderchen, du hast ziemlich viel Zeit gebraucht, wie du ja selbst festgestellt hast und dann hätte da gut rauskommen können, dass …“, sie stockte unsicher, „naja, ich will dich auf keinen Falle Beleidigen, aber…“

„…ich doch nicht so schlau bin, wie ihr alle immer dachtet, sondern nur ein IQ von 100, also Durchschnitt, habe?“

„Genau das wollte ich vermeiden, weil es ja Quatsch ist mit nur wenigen Aussagen, wie Zeit, Ausdrucksweise und richtiger Grammatik eine Intelligenz zu best…“

„…ach, Schwesterlein, aber lustig wäre es schon gewesen. Ich bin zum Beispiel schon froh, dass wir überhaupt durchgekommen sind und nicht in Panik aufgegeben haben.“

„Ich habe mir das vom Verkäufer aufschwatzen lassen, aber…“

„…so viel Humor hätte ich dir gar nicht zugetraut, Schwesterlein, aber – sehr gut, das haut mich glatt um…“

„…muss ich jetzt auch immer,“ mischte sich Henni in das Gespräch ein, „zuerst mit dem Automaten sprechen,“ fragte Henni mit sorgenvoller Stimme.

„Ach was, Henni, wenn der Automat deine Stimme hört, stellt er dich sofort durch.“

„Gott sei Dank, denn sonst hätte ich mich gar nicht mehr getraut dich anzurufen.“

„Das würde ich sehr bedauern, Henni, die Gespräche mit dir sind immer sehr informativ, denn mich interessiert jeder einzelne in eurer großen Familie.“

„Das ist das Stichwort. Wie geht es Hans? Was machen die Italiener? Wie geht es der slowakisch-deutschen Familie?“

Während die Frauen mindestens noch eine halbe Stunde miteinander schwatzen würden, setzte Herwig sich wieder ab in den Keller, seine Frau würde ihm ohnehin jede Einzelheit des langen Telefongesprächs übermitteln, ob er das wollte oder nicht.