Tag-Archiv | Humanismus

Weihnachten 2020 – Neujahr 2021

Weihnachtsgedicht international und doch nur für 4 Personen

Sohn:
Einmal war ich ein kleiner Zwerg am Heidesee.
Denken an die Schule tut mir nicht mehr weh.
Musste manchmal in der Ecke steh’n.
Was war da nur geschehn’n?

Alle Vergangenheit liegt nun im Süden,
In Form kleinerer oder größerer Etüden.
Manchmal fehlte mir der Berater.
Was sagst eigentlich du dazu, Vater?

Vater:
Oh Tannenbaum, du glaubst es kaum,
fast hätte ich dich auch verhau‘n.
Ach, lieber, guter Weihnachtsmann
Schau mich nicht so böse an, ich hab’s ja nicht getan.

Frau:
Als nacktes Weib am Heidesee
Fühlt‘ ich mich wohler als im Winter mit Schnee.
Tagsüber Arbeit, die Kinder danach und nachts der Mann.
Tat ich doch alles, was man als Frau nur tun kann.

Die Vergangenheit lebt weiter in Geschichten,
Die ich den Besuchern erzähle ohne zu dichten.
Manches ist dabei, was man vergessen kann.
Was sagst eigentlich du dazu, mein Mann?

Mann:
Oh Tannenbaum, du glaubst es kaum,
dich hätte ich manchmal auch gern verhau‘n.
Doch, lieber, guter Weihnachtsmann
Schau mich nicht so böse an, ich hab’s ja nicht getan.

Schwiegertochter:
Spielte mit Karen einst im Sand an der See.
Doch bald waren es Cello und Geige juchhe.
All mein Lernen begleitete die Musik.
Sie ist mir Muse und Motor mit tausend Kubik.

Die Vergangenheit liegt um mich herum.
Ich kann sie sehen, aber sie ist auch nicht stumm.
Es klingt in adagio, allegro und auch mal andant(e).
Was sagst eigentlich du dazu klog gammel mand*)?

Gammel mand:
Oh Tannenbaum, du glaubst es kaum,
dich wollte ich noch nie verhau‘n.
Warum lieber, guter Weihnachtsmann,
Schaust du mich trotzdem böse an? Ich hab es nicht getan.

Sohn:
Weggeblasen hab ich manche Sorgen.
Dachte dabei noch nicht an das Morgen.
Obwohl ich schon spürte den Hauch der Musik.
Auch bei meinem Dienst für die Republik.

Die Gegenwart liegt auf Inseln in der See,
Suchen, finden, verwerfen, wo ist die nächste Idee?
Habe jetzt einen anderen Berater.
Und doch, was sagst du dazu, Vater?

Vater:
Oh Tannenbaum, du grüner Baum.
Diesen Menschen kannst du vertrau‘n.
Der Weihnachtsmann aber ist noch bös.
Schwingt seine Rute weiter nervös.

Frau:
Nur noch geistige Schönheit, aber auch die manchmal nackt.
So geht`s auch meinem Partner und das ist der Pakt.
An der Wirklichkeit ist nicht zu rütteln.
Da kann man mit noch so vielen Worten dran schütteln.

Ein kleines Dorf umgibt die Gegenwart.
Idyllisch, ruhig, gar nicht Standard.
Manches ist dabei, was man vergessen kann.
Was sagst eigentlich du dazu, mein Mann?

Mann:
Oh Tannenbaum du grüner Baum.
Ganz so ähnlich war auch mein Traum.
Der Weihnachtsmann schaut immer noch bös.
Schwingt seine Rute weiter nervös.

Schwiegertochter:
Gezogen und geschoben, manchmal zupf ich die Seiten.
Mein Cello muss mich überallhin begleiten.
Die Welt scheint mir beim Musizieren fast klein.
Sie wird schier unendlich denk ich an den Liebsten mein.

Die Gegenwart spiegelt sich in der See.
Ein kleines Schiff, es dreht nach Luv und nach Lee.
Manchmal stringendo, ad libitum oder auch rallentand(o).
Was sagst eigentlich du dazu klog gammel mand?

Gammel mand:
Oh Tannenbaum du grüner Baum.
Eine so schöne Tochter, es ist wie ein Traum.
Warum Weihnachtsmann bist du noch bös?
Schwingst deine Rute weiter nervös?

Sohn:
Ich komponiere, programmiere und studiere.
Manchmal streck ich auch von mir alle Viere.
Oder ich greife mir Rasenmäher, Boot oder Trecker.
Nach vollbrachtem Werk schmeckt das Essen so lecker.

Die Zukunft sind Sterne am Himmelszelt.
Jeder seine eigene Botschaft enthält.
Wie diese aussieht weiß auch kein Berater.
Oder doch? Was sagst du dazu, Vater?

Vater:
Oh Tannenbaum, man glaubt es kaum.
Die Theorie bildet die Wurzeln, fest steht dann der Baum.
Weihnachtsmann deine Rute fürchtet er nicht.
Fuchtle du nur, er wahrt trotzdem sein Gesicht.

Frau:
Ich seh in den Spiegel, zum Glück ist er klein.
Er zeigt nur den Kopf, sieht nicht in mich hinein.
Was grau vor Alter ist, das ist ihm göttlich?
Hier irrst du dich Schiller, das klingt eher spöttlich.

Die Zukunft ist zeitlos, ich fühl mich befreit.
Die Kinder der Kinder und deren Kinder gestalten die Zeit.
Bald gehören wir zu dem, was man vergessen kann.
Oder, was sagst du dazu, mein Mann?

Mann:
Oh Tannenbaum, man glaubt es kaum.
Grau ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldner Baum.
Weihnachtsmann steck deine Rute ein.
Wir wollen und werden fröhlich sein.

Schwiegertochter:
Mein Cello singt mit den anderen im Chor.
Eigentlich hatte ich doch auch noch etwas anderes vor?
Was war das doch gleich, ich frage den Wind.
Der zaust meine Haare und flüstert ein … ind.

Am Horizont hinter dem Meer leuchtet der Zukunft Schein.
Davor das Land, ein Haus – frohe Geräusche rahmen es ein.
Sie klingen giocoso, sostenuto oder auch scherzand(o).
Was sagst du nun klog gammel mand?

Gammel mand:
Oh Tannenbaum, man glaubt es kaum.
Nur mit Theorie gibt es keinen nächsten Baum.
Weihnachtsmann hier brauchst du deine Rute nicht.
Du bekommst doch auch Reisbrei oder isst du den nicht?

*) kluger, alter Mann

Trotz aller Einschränkungen:

Frohe Weihnachten für jeden Menschen und ein besseres, gesundes und erfolgreiches Jahr 2021

Was mir wichtig ist.

Nicht nur am 1. Mai 2019

  1. Löhne rauf in ganz Europa.

Armutsfeste Mindestlöhne müssen Pflicht werden. In Deutschland sind das 12 Euro pro Stunde. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort statt Billigkonkurrenz!

  1. Tarifverträge stärken.

Öffentliche Aufträge dürfen nur noch an Betriebe gehen, die Tarifbindung haben und regional und fair wirtschaften. Tarifverträge müssen auf Antrag der Gewerkschaft allgemeinverbindlich werden.

  1. Mehr Zeit zum Leben. Gleicher Lohn.

Statt Überstunden und Dauerstress für die einen und unfreiwillige Teilzeit für die anderen: Jeder und Jede hat das Recht auf mindestens 22 Wochenstunden. Arbeitszeitverkürzung bei gleichem Lohn auf um die 30 Stunden.

  1. Konzerne müssen an die Kette.

Wir wollen Mindeststeuern für Unternehmen und große Vermögen, damit die Steueroasen in Europa geschlossen werden.

  1. Macht Europa sozial:

Dazu braucht der Kontinent ein Alarmsystem gegen Erwerbslosigkeit und prekäre Beschäftigung. Mindesteinkommen und Mindestrente müssen vor Armut schützen. Die Unternehmen und Reichen müssen ihren gerechten Beitrag leisten.

 

Kapitalismus braucht keine Demokratie!

13 Thesen gegen die Ausplünderung der Gesellschaft

von Ingo Schulze, Schriftsteller
veröffentlicht am 12. Januar 2012 in Süddeutsche Zeitung
  1. Von einem Angriff auf die Demokratie zu sprechen, ist euphemistisch. Eine Situation, in der es der Minderheit einer Minderheit gestattet wird, es also legal ist, das Gemeinwohl der eigenen Bereicherung wegen schwer zu schädigen, ist postdemokratisch. Schuld ist das Gemeinwesen selbst, weil es sich nicht gegen seine Ausplünderung schützt, weil es nicht in der Lage ist, Vertreter zu wählen, die seine Interessen wahrnehmen.
  2. Jeden Tag ist zu hören, die Regierungen müssten „die Märkte beruhigen“ und „das Vertrauen der Märkte wiedergewinnen“. Mit Märkten sind vor allem die Börsen und Finanzmärkte gemeint, damit also jene Akteure, die im eigenen Interesse oder im Auftrag anderer spekulieren, um möglichst viel Gewinn zu machen. Sind das nicht jene, die das Gemeinwesen um unvorstellbare Milliarden erleichtert haben? Um deren Vertrauen sollen unsere obersten Volksvertreter ringen?
  3. Wir empören uns zu Recht über Wladimir Putins Begriff der „gelenkten Demokratie“. Warum musste Angela Merkel nicht zurücktreten, als sie von „marktkonformer Demokratie“ sprach?
  4. Der Kapitalismus braucht keine Demokratie, sondern stabile Verhältnisse. Dass funktionierende demokratische Strukturen eher als Gegenkraft und Bremse des Kapitalismus wirken können und so auch wahrgenommen werden, machten die Reaktionen auf die angekündigte Volksabstimmung in Griechenland und deren baldige Rücknahme deutlich.
  5. Spätestens mit der Finanzkrise des Jahres 2008 glaubte ich, dass unser Gemeinwesen so viel Selbsterhaltungstrieb besitzt, dass es sich wirkungsvoll schützt. Das war nicht nur ein Irrtum. Diese Hoffnung hat sich in ihr Gegenteil verkehrt.
  6. Durch den Zusammenbruch des Ostblocks gelangten einige Ideologien zu einer Hegemonie, die so unangefochten war, dass man sie schon als Selbstverständlichkeit empfand. Ein Beispiel wäre die Privatisierung. Privatisierung wurde als etwas uneingeschränkt Positives angesehen. Alles, was nicht privatisiert wurde, was im Besitz des Gemeinwesens blieb und keinem privaten Gewinnstreben unterworfen wurde, galt als ineffektiv und kundenunfreundlich. So entstand eine öffentliche Atmosphäre, die über kurz oder lang zur Selbstentmachtung des Gemeinwesens führen musste.
  7. Eine weitere, zu enormer Blüte gelangte Ideologie, ist jene des Wachstums: „Ohne Wachstum ist alles nichts“, hatte die Kanzlerin schon vor Jahren dekretiert. Ohne über diese beiden Ideologien zu reden, kann man auch nicht über die Euro-Krise reden.
  8. Die Sprache der Politiker, die uns vertreten sollten, ist gar nicht mehr in der Lage, die Wirklichkeit zu erfassen (Ähnliches habe ich bereits in der DDR erlebt). Es ist eine Sprache der Selbstgewissheit, die sich an keinem Gegenüber mehr überprüft und relativiert. Die Politik ist zu einem Vehikel verkommen, zu einem Blasebalg, um Wachstum anzufachen. Alles Heil wird vom Wachstum erwartet, alles Handeln wird diesem Ziel untergeordnet. Der Bürger wird auf den Verbraucher reduziert. Wachstum an sich bedeutet gar nichts. Das gesellschaftliche Ideal wäre der Playboy, der in möglichst kurzer Zeit möglichst viel verbraucht. Ein Krieg würde einen gewaltigen Wachstumsschub bewirken.
  9. Die einfachen Fragen: „Wem nutzt das?“, „Wer verdient daran?“ sind unfein geworden. Sitzen wir nicht alle im selben Boot? Haben wir nicht alle dieselben Interessen? Wer daran zweifelt, ist ein Klassenkämpfer. Die soziale und ökonomische Polarisation der Gesellschaft fand statt unter lautstarken Beschwörungen, dass wir alle die gleichen Interessen hätten. Es genügt ein Gang durch Berlin. In den besseren Vierteln sind die wenigen unsanierten Häuser in aller Regel Schulen, Kindergärten, Altersheime, Ämter, Schwimmbäder oder Krankenhäuser. In den sogenannten Problembezirken fallen die unsanierten öffentlichen Gebäude weniger auf, dort erkennt man die Armut an den Zahnlücken. Heute heißt es demagogisch: Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt, jeder ist doch gierig.
  10. Unser Gemeinwesen wurde und wird von den demokratisch gewählten Volksvertretern systematisch gegen die Wand gefahren, in dem es seiner Einnahmen beraubt wird. Der Spitzensteuersatz wurde in Deutschland von der Schröder-Regierung von 53 Prozent auf 42 Prozent gesenkt, die Unternehmensteuersätze (die Gewerbesteuer und die Körperschaftsteuer) wurden zwischen 1997 und 2009 fast halbiert, nämlich von 57,5 Prozent auf 29,4 Prozent. Niemand sollte sich darüber wundern, dass die Kassen leer sind, obwohl sich doch unser Bruttoinlandsprodukt Jahr um Jahr erhöht.
  11. Das Geld, das man den einen gibt, fehlt den anderen. Das Geld, das den Vermögenden dadurch bleibt, ist – glaubt man den Statistiken – nicht wie gewünscht in Investitionen geflossen, sondern in lukrativere Finanzmarktgeschäfte. Andererseits werden sozialstaatliche Leistungen überall in Europa abgeschafft, um den Banken, die sich verspekuliert haben, Rettungspakete auszuhändigen. Die „legitimatorischen Ressourcen der sozialen Demokratie werden (…) in dieser stupenden Umverteilung zu Gunsten der Reichen aufgezehrt“ (Elmar Altvater, 2011).
  12. Eine Geschichte: Was uns einst als Gegensatz zwischen Ost- und Westdeutschland verkauft wurde, wird uns jetzt als ein Gegensatz zwischen Ländern dargestellt. Im März stellte ich in Porto in Portugal ein übersetztes Buch von mir vor. Eine Frage aus dem Publikum ließ die gesamte freundlich-interessierte Atmosphäre von einem Moment auf den anderen kippen. Plötzlich waren wir nur noch Deutsche und Portugiesen, die sich feindlich gegenübersaßen. Die Frage war unschön – ob wir, gemeint war ich, ein Deutscher, nicht jetzt mit dem Euro das schafften, was wir damals mit unseren Panzern nicht geschafft hätten. Niemand aus dem Publikum widersprach. Und ich reagierte – schlimm genug – plötzlich wie gewünscht, nämlich als Deutscher: Es werde ja niemand gezwungen, einen Mercedes zu kaufen, sagte ich beleidigt, und sie sollten froh sein, wenn sie Kredite bekämen, die billiger wären als Privatkredite. Ich hörte förmlich das Zeitungspapier zwischen meinen Lippen rascheln.

In dem Getöse, das meiner Entgegnung folgte, kam ich endlich zu Verstand. Und da ich das Mikrofon in der Hand hatte, stammelte ich in meinem unvollkommenen Englisch, dass ich genau so dämlich wie sie reagiert hätte, dass wir allesamt in dieselbe Falle gingen, wenn wir als Portugiesen und Deutsche wie beim Fußballspiel reflexartig Partei ergriffen für die eigenen Farben. Als ginge es jetzt um Deutsche und Portugiesen und nicht um oben und unten, also um jene, die in Portugal wie in Deutschland diese Situation herbeigeführt und an ihr verdient hätten und nun weiter verdienten?

  1. Demokratie wäre, wenn die Politik durch Steuern, Gesetze und Kontrollen in die bestehende Wirtschaftsstruktur eingriffe und die Akteure an den Märkten, vor allem an den Finanzmärkten, in Bahnen zwänge, die mit den Interessen des Gemeinwesens vereinbar sind. Es geht um die einfachen Fragen: Wem nutzt es? Wer verdient daran? Ist das gut für unser Gemeinwesen? Letztlich wäre es die Frage: Was wollen wir für eine Gesellschaft? Das wäre für mich Demokratie.

 

An dieser Stelle breche ich ab. Ich würde Ihnen noch gern von den anderen erzählen, von einem Professor, der sagte, er stehe wieder auf den Positionen, mit denen er als Fünfzehnjähriger die Welt gesehen hat, von einer Studie der ETH Zürich, die die Verflechtungen der Konzerne untersucht hat und auf eine Zahl von 147 kam, 147 Konzerne, die die Welt aufgeteilt haben, die fünfzig mächtigsten davon Banken und Versicherer (mit Ausnahme einer Erdölgesellschaft), ich würde noch gern erzählen, dass es darauf ankommt, sich selbst wieder ernst zu nehmen und Gleichgesinnte zu finden, weil man eine andere Sprache nicht allein sprechen kann. Und davon, dass ich wieder Lust bekam, den Mund aufzumachen.

 

Der Autor, 1962 in Dresden geboren, ist Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ (S. Fischer Verlage, 2017).