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Textaufgabe

Auszug aus Balladus neuem Roman ‚Tote brauchen keinen Himmel‘ (geplante Veröffentlichung Dezember 2022)

Mathestunde 2, Mittwoch, 28. September 2016

Frau Tusch schaltete den Beamer ein, dann befestigte sie mit einer Reißzwecke ein A4-Foto am oberen Tafelrand. Auf beiden Bildern sah man den Teil einer Destillation mit mehreren Kolonnen.

„Ihr erinnert Euch?“

Das große Bild vom Beamer an der Wand war für alle Schüler-innen gut zu sehen.

„Drei Kolonnen habe ich mit den Zahlen 1 bis 3 gekennzeichnet.“ Die Lehrerin schwieg einen Moment, um ihre Schüler zu beobachten. Deren Reaktionen schwankten zwischen mäßigem Interesse und Gleichgültigkeit. Sie wies erneut auf das Bild. „Die größte Kolonne, Nummer 1, hat eine uns unbekannte Höhe, sagen wir kurz h1, aber wir wissen, dass die Entfernung von unserem Standort bis zum Fuß dieser Kolonne 1, das wäre dann a1, derselbe ist wie zum mit Nummer 2, also a2, gekennzeichneten Apparat, dessen Höhe h2 43 Meter beträgt. Kolonne Nummer 3 ist zwanzig Meter kleiner als die Größte und von unserem Standort, 27 Meter entfernt. Das wäre dann a3. Wir besitzen ein Längenmessgerät und messen die Entfernung von uns bis zum jeweils höchsten Punkt der Kolonnen 1 gleich d1 und 2 gleich d2, mit 60 bzw. 54 Metern. Leider ist bei der 3. Messung der Akku leer.

Die Fragen lauten:

  1. Wie hoch ist die größte Kolonne 1?
  2. Wie groß ist der Abstand von uns bis zu Kolonne 1?
  3. Wie groß ist die Entfernung von unserem Standpunkt bis zur Spitze der Kolonne 3?“

Die Tusch wandte sich den drei Schülern an der Tafel zu. „Das Foto habe ich für Euch drei hier befestigt,“ sie zeigte mit der rechten Hand auf das Bild, „damit ihr es ein wenig leichter habt beim Überlegen.“ Sie trat zwei Schritte weiter von der Tafel weg, „Lukas, du rechnest auf der linken Seite der Tafel Aufgabe 2, Nina du in der Mitte Aufgabe 3 und Kevin Aufgabe 1 auf der rechten Seite. Alles verstanden?“

„Wieviel Zeit haben wir?“ fragte Nina.

„Betrachtet das als kleinen Wettkampf. Es geht um Gold, Silber und Bronze. Wenn der Silberplatz vergeben ist, hat Bronze noch 1 Minute.“

Sie wartete einige Sekunden, dann fügte sie hinzu, „ach ja, wer nicht fertig wird, erhält eine 6!“

Das löste wieder ein leichtes Murren der Mehrheit der Schüler aus.

„Sollen wir das Zahlenergebnis im Kopf ausrechnen?“ fragte Lukas etwas verwundert.

„Zahlenrechung natürlich mit eurem Rechner. Aber es genügt die Angabe von ganzen Zahlen, denkt daran, was der Ingenieur in der VC-Fabrik gesagt hat, über den Daumen gepeilt genügt, also plus-minus ein Meter, bitte.“

Sie hatte direkt zur Klasse gesprochen, drehte sich nun wieder den Drei an der Tafel zu. „Gebt Euch Mühe und los geht’s!“

Felix meldete sich. Er schnippte mit den Fingern der rechten Hand, damit sich die Lehrerin zu ihm umdrehte. „Frau Tusch, können sie sich noch an die Namen der Kolonnen erinnern?“

In dem Moment, als sich die Frau umdrehte, schrieb Nina an die Tafel:

????

Die Nitz löschte das Geschriebene, nachdem Aldo fertig war, sofort wieder aus. Was Nina nicht bemerkte, war, dass Kevin alles, auch lukas?, abgeschrieben hatte. Felix sprach plötzlich lauter mit der Tusch, Nina stutze, sah zu Kevin, schüttelte den Kopf und machte Kevin durch Zischeln auf seinen Fehler aufmerksam. Eilig wischte er das Wort weg.

Lukas sah schon auf sein Smartphone, dann schrieb er hinter die Gleichung:

???

Auf Ninas Tafelseite stand:

???

Dann sah sie zu Lukas, rechnete und schrieb ihr Ergebnis an die Tafel D3 = ?? m.

Währenddessen versuchte die Tusch Felix Frage zu beantworten. „Ja, – das heißt nein, – welches diese Kolonnen sind weiß ich nicht genau. Ich habe mir nur gemerkt, dass es Destillationskolonnen aus dem Prozess der…“

„Frau Tusch,“ unterbrach Kevin die Lehrerin, „mir fehlt der Wert von Lukas noch.“

Die Frau drehte sich um, sah erstaunt die Formel bei Kevin, die Ergebnisse bei den beiden anderen und sagte ungewollt derb, „na dann guck doch hin!“

Das tat Kevin schnell, holte sein Handy heraus, öffnete die App und – überlegte.

Felix meldete sich schnell zu Wort. „Ich weiß genau, dass die größte die VC-Kolonne ist.“

Die Lehrerin drehte sich nur kurz um zu Normu, aber das genügte, dass Nina schnell ?? schrieb und sofort weglöschte.

Als sich die Tusch umdrehte, schrieb Kevin hinter das Gleichheitszeichen seiner Rechnung ?? m und wandte sich der Lehrerin zu.

„Na gut. – Lukas Gold, Nina Silber, Kevin noch Bronze.“

Sie hatte kaum zu ende gesprochen, als es auch schon zur Pause klingelte.

Auf dem Schulhof wartete Kevin auf Nina, die zusammen mit Felix aus dem Schulgebäude kam. Er ging langsam auf sie zu, blieb vor ihr stehen und sah auf die kleine, zierliche Person herunter. „Ich kenn‘ dich überhaupt nicht und du hilfst mir? – Warum?“

„Die Tusch hat mich bei meiner Anmeldung hier am Gymnasium im September so …“ sie stockte, „…so sächlich behandelt, als wäre ich ein unnötiger Gegenstand, den ein anderer ihr aufschwatzen wollte. Wohlgemerkt, obwohl ich die Aufnahmeprüfung bestanden hatte.“

„Dann hast du mir nur geholfen, weil du die Tusch ärgern wolltest?“ Kevin sah Nina zweifelnd an.

„Na, was dachtest du denn?“ Das Mädchen grinste, „so ein toller Kerl bist du nun auch wieder nicht.“

„Ach so,“ Kevin schüttelte etwas enttäuscht den Kopf, „aber trotzdem danke.“

„Kevin, wir kennen uns ja schon länger“ mischte Felix sich in das Thema ein, „eigentlich müsstest du wissen, wie ich ticke. – Na egal. – Und obwohl mir deine Auffassungen nicht gefallen, vor allem, weil du immer weiter nach rechts rutschst. Aber, wenn ich sehe, dass ein Mensch ungerecht behandelt wird, dann versuche ich dem zu helfen. – Und mit ihr,“ er tippte kurz mit einer Hand auf Ninas Schultern, „kann man Pferde stehlen.“

„Bin kein Nazi,“ stieß Kevin ärgerlich hervor, fügte dann aber wieder ruhig hinzu, „kennst du … die … etwa schon länger?“

„Erstens, Kevin, ist Nina schon fast einen Monat in unserer Klasse und zweitens ja, wir sind befreundet, weil wir ähnlich ticken.“

„Wenn jemand ungerecht behandelt wird,“ fuhr Nina fort, „oder in Not geraten ist, dann helfen wir, Kevin,“ und lächelnd fügte sie noch hinzu, „das ist, wenn du so willst, eben unser Spleen.“

Wortlos drehte sich Kevin um und ging davon. Nina und Felix sahen ihm, jeder mit anderen Gedanken beschäftigt, hinterher.

Wer löst diese Aufgabe?

Die Lösung gibt es nächsten Sonntag, 13.11.2022

Die Ampel und das Huhn

Das Huhn Erna aus Kroppenstedt war ein besonderes Tier, denn es konnte über zwanzig Kilometer hinweg mit einer Ampel an der Kreuzung Quedlinburger-Erich Weinertstraße in Halberstadt kommunizieren. Das taten die zwei bereits seit mehreren Monaten in unregelmäßigen Abständen. Die Ampel hatte sich ihr eines Tages als Paul vorgestellt.

Erna döste entspannt im gemütlichen Garten ihrer Lieblingsfamilie Fischer vor sich hin. Gerade hatte sie der Mann des Hauses, in den sie ein bisschen verliebt war, mit ein paar leckeren Körnern verwöhnt, was sie zu wunderbaren Phantasien inspirierte. Urplötzlich wurde Erna durch einen Schrei in ihrem Kopf aus allen Träumen gerissen.

„Aua! – Was war das denn?“

„Was ist passiert Paul?“

„Du glaubst es nicht Erna mein Schatz…“

„…bin nicht dein Schatz,“ unterbrach das Huhn, „gute Freundin, mehr nicht.“

„Schon gut Erna, Freundin, hör lieber zu. Dein Liebster,“ Paul unterdrückte mit Mühe ein Kichern, „hat mein Standbein gerammt. Jetzt steh ich nicht nur schief, sondern mir ist auch noch ganz und gar wirr im Kopf.“

„Was soll das heißen?“ Erna überlegte, ob sie Paul, wegen seines unterdrückten Kicherns, das sie natürlich sehr wohl bemerkt hatte, schon wieder anmaulen sollte, ließ es dann aber bleiben. Stattdessen fragte sie, „war Jimmi mein Liebling schuld?“

„Geduld, Geduld, mir ist zwar noch ein bisschen schummrig, meine drei Augen klappen gerade auf und zu, wie ihnen zumute ist, nichtsdestotrotz werde ich dir gleich alles erzählen. Muß bloß noch mal gucken… ich fasse es nicht, Erna, das glaubst du nicht, weißt du wer Schuld hat?“

„Bin ich der Hahn auf dem Mist?“

„Na ja, sie ist nicht direkt schuld, aber…“

„Nu mach‘s doch nicht so spannend. Wer ist…“

„…deine Konkurrentin Erna.“

„Du spinnst. Du bist ja wirklich nicht ganz klar im Kopp Paul. Obwohl… fast gönn ich ihr das.“

„Sei nicht so gehässig Erna. Eigentlich kann sie nichts dafür, aber eins ihrer Küken ist zurück auf die Straße gerannt, weil es ein Blättchen verloren hatte.“

„Was denn für ein Blättchen?“

„Na so ‘ne kleinen leichten Dinger, Blätter eben, wie ich schon sagte. Stell dich nicht so an Erna.“

„Is ja gut Paul. Claudi ist Lehrerin, sie arbeitet viel mit Blättern. – Und wie gings weiter, mit dem Unfall?“

„Claudi,“ sagte Paul spöttisch, „du nennst sie genauso, wie dein Geliebter sie nennt? – Na mir egal. Also die Kleine rennt zurück, direkt auf den anrollenden Laster zu. Es hätte sie eigentlich erwischen müssen, doch dein Geliebter, scheinbar nicht nur ein guter Fahrer, sondern auch reaktionsschnell – ich sehe förmlich, wie du dich in deine Hühnerbrust schmeißt Erna – denn er bremste und riss gleichzeitig das Steuer herum, was die Kleine rettete, aber mir halt mein schiefes Standbein einbrachte.“

„Manchmal kannst du richtig beleidigend sein Paul. Wirklich. Doch das ist unwichtig. Viel wichtiger ist: Was ist mit meinem Jimmi?“

„Der scheint ebenfalls unverletzt zu sein. Du kannst wieder weiteratmen Erna.“

„Da fällt mir ja ein Stein vom Herzen. Jimmi ist doch ein prachtvoller Mann, Paul. Findest du nicht auch?“

„Der ist doch viel zu… na ja, aber sonst hast du schon recht, Erna.“

„Kann ja nicht jeder so schlank sein wie du.“

„Woher willst du denn wissen, wie schlank ich bin?“

„Genauso wie du weißt, wie ich aussehe. Deine Beschreibungen von dir sind diesbezüglich ziemlich aussagekräftig.“

„Wann habe ich mich denn beschrieben?“

„Mindestens in jedem Gespräch einmal. Und auch wenn ich von diesem Bild Abstriche machen muss, eins steht fest: schlank bist du.“

„Oh! Jetzt kommen die Blauen. Jetzt geht’s deinem Geliebten an den Kragen.“

„Quatsch du Dreiäugiger. Jimmi ist doch unschuldig.“

„Ob die Blauen das auch so sehen Erna?“

„Na klar Paul. Denk lieber mal an Dich. Die werden auf alle Fälle dafür sorgen, dass du wieder in Ordnung kommst.“

„Da kannst du recht haben, Erna, bist scheinbar ein schlaues Köpfchen.“

„Nicht so klug, wie mein Liebling. Genug. Was ist mit dem Mädchen?“

„Unversehrt, sagte ich doch schon.“

„Sonst noch was passiert?“

„Die Blauen haben die ganze Zeit irgendwas aufgeschrieben. Ah! Jetzt scheinen sie fertig zu sein. Sie lassen deinen Jimmi scheinbar weiterfahren, wobei sie ihm sogar behilflich sind, damit er sich reibungslos in den Verkehr einordnen kann. Claudi ist mit ihrer Gruppe bereits verschwunden. – Ich frage mich, was die Blauen hier noch wollen. Die versperren nach wie vor die halbe Straße. Sie warten scheinbar auf irgendwas oder irgendwen?“

„Vielleicht kommt noch ein Spezialist, der sich um dich kümmert?“

„Kein schlechter Gedanke Erna. Es wäre schon schön, wenn ich wieder richtig gucken und schalten könnte.“

Es vergingen ein paar Minuten, Erna schwieg und wartete. Es interessierte sie sehr, ob ihr Freund schnell wieder richtig gesund werden könnte.

„Der Spezialist kommt. He Erna, da steigen gleich zwei Leute aus dem Auto.“

„Hört sich doch gut an Paul. Halt mich auf dem Laufenden.“

„Klar. Die zwei schreiten scheinbar sofort zur Tat. Der eine öffnet die Tür von Schaltschrank. Jetzt steckt der andere seinen Ko….“

„Paul was ist los? … die Verbindung… verflucht, sie ist… sie ist … tot?“

Erna erschrak heftig. Würde sie je wieder mit Paul kommunizieren können?

In der Menschenwelt klang die Darstellung dieses Ereignisses so:

Die Ampel zeigte rot/gelb-grün. Fünfzig Meter davor, bremste  der LKW-Fahrer den Zwölftonner leicht ab. Mit knapp 30 Kilometer pro Stunde rollte er auf den Fußgängerüberweg zu. Eine Gruppe sechzehnjähriger Mädchen und Jungen hatten dort gerade die Straße überquert. Die Straße war frei, die Ampel grün, dennoch tippte der Fahrer vorsichtig erneut auf  die Bremse. Plötzlich machte eine Schülerin blitzartig kehrt, rannte, trotz roter Ampel, zurück, direkt auf das große Auto zu. Spontan trat der Chauffeur auf die Bremse, riss das Lenkrad nach rechts, touchierte mit der rechten Seite des Fahrerhauses die Ampel. Der LKW stand. Das Mädchen stand unverletzt mit aufgerissenen Augen auf der Straße. Auch der Fahrer schien, unverletzt zu sein. Lediglich die Karosse des Lasters hatte eine Delle bekommen. Am stärksten hatte es wohl die Ampel getroffen.

Der Kraftfahrer stieg nervös aus dem Fahrerhaus aus, ging schnell auf das Mädchen zu, „ist dir etwas passiert?“

„N-nein…“

„Was ist denn los Lina. Warum bist du zurückgerannt?“ Eine hübsche Frau, scheinbar die Leiterin der Gruppe, kam schnell auf die beiden zu, legte eine Hand auf die Schulter des Mädchens, „ist alles okay…bei dir?“ Dann sah sie zum Fahrer, „was machst du denn hier?“

„Schutzengel?“ Der Fahrer hatte seine Frau längst erkannt, „sieht man das nicht?“

„Blödmann,“ sie winkte ab, wandte sich wieder dem Mädchen zu, „Lina dann komm… bist du wirklich…“

„Ja, ja Frau Fischer… ich hatte nur den Zettel verloren.“

„Was für einen Zettel?“

„Ist geheim,“ warf der Fahrer ein.

„Halt du dich da raus.“ Die Frau führte das Mädchen von der Straße, drehte sich dann plötzlich um, „Bist du auch okay? – Was ist mit deinem Auto?“

Der Gefragte winkte lässig ab. „Ihr müsst ohnehin noch warten… Da,“ der Fahrer zeigte die Straße aufwärts, von wo sich zügig ein Polizeiauto mit Blaulicht näherte, „kommt sie ja schon.“

Der Fahrer hatte, kurz bevor er ausgestiegen war, die Polizei informiert, vorsichtshalber mit Krankenwagen, der aber noch nicht hier angekommen war. Obwohl dem Mädchen nichts passiert war, würden Sanitäter oder Arzt nicht darauf verzichten wollen, sich das Unfallopfer anzusehen, um selbst entscheiden zu können, ob versehrt oder unversehrt.

„Schau doch mal Kevin, wer da auf uns wartet.“ Der Polizeihauptmeister stupste vom Beifahrersitz aus seinen Kollegen, einen Polizeimeister, an den Arm.

„Ist das nicht der…“

„Genau der mit dem ‚sprechenden‘ Huhn.“

Beide Polizisten lachten amüsiert.

„Und sieh mal da,“ der Polizeihauptmeister streckte den rechten Arm aus, „die Ampel, sie schaltet in irgendeinem unregelmäßigen Rhythmus zwischen Grün – Gelb – Rot – Rot/Gelb – Grün hin und her.“

„Zum Glück haben die anderen Autos vorerst angehalten.“

„Die lustige Ampel passt zum sprechenden Huhn.“ Der Polizeimeister tippte sich an die Stirn, „vielleicht kommunizieren die miteinander?“

„Du musst sofort den Verkehr regeln Kevin.“

„Schon gut Franz.“

Amüsiert lachend stiegen die beiden aus. Der eine übernahm sofort die offizielle Sperrung der Unfallstelle, während der Ranghöhere sich zuerst das Mädchen ansah. „Bist du verletzt?“

„Nein, nein,“ antwortete Lina hastig, „ich habe doch selber schuld,“ fuhr sie ruhiger fort, „ich bin, ohne aufzupassen trotz Rot auf dem Überweg zurückgerannt. Außerdem, ich bin gar nicht mit dem Auto in Kontakt gekommen.“

Der Polizist wandte er sich der Lehrerin zu, „Polizeihauptmeister Franz Müller. Frau Fischer, sie sind Augenzeugin?“

„Nicht direkt,“ antwortete die Frau überlegend, „erst als die Bremsen quietschen, habe ich mich umgedreht und sah Lina mitten auf der Straße direkt von dem 12-Tonner stehen, obwohl wir bereits alle auf dem Gehweg angekommen waren.“

„Bitte halten sie sich alle noch zur Verfügung,“ sagte der Polizeihauptmeister, „der NRW wird sicher gleich eintreffen. Der Arzt will sich die Kleine sicher ansehen.“

„Natürlich Herr Wachtmeister.“

Der Polizist nickte der Frau zu, bevor er sich dem Fahrer zuwandte. „Herr Fischer was haben wir denn nun wieder gemacht!“

Der Fahrer schwieg, denn wie eine offizielle Frage klang das nicht.

„Hat der Anblick ihrer Frau sie so geschockt?“ Er grinste, „Spaß beiseite, was ist passiert?“

Der Fahrer schilderte den Vorfall genauso, wie er ihn erlebt hatte.

„Wie groß ist der Schaden am Auto?“

„Nur die Karosserie des Führerhauses ist ein wenig eingedrückt.“

„Na und die Ampel steht schief,“ fügte der Polizeihauptmeister hinzu.

„Ist mir noch gar nicht aufgefallen.“ Der Fahrer sah zur Ampel.

„Und die Elektronik ist durcheinandergeraten,“ der Polizist zeigte in Richtung Ampel.

„Tatsächlich. Sieht ja lustig aus.“ Der Fahrer schüttelte lächelnd seinen Kopf.

verfasst von Max Balladu

Ein einziger Tag

   Ein einziger Tag

Ich frage mich viele Stunden tausendmal,
Woher mir dieses Lastbewusstsein kommt.
Dieser dumpfe tiefe Schmerz …
Einen einzigen Tag frei sein!
Frei, fern von Kummer, Sorgen, Last,
Wie Lieder in den Wäldern.

Ich habe Freude oft verloren,
Mich zu empfinden in der Mattigkeit.
Ich bin gequält in meinem Weiterschreiten.
Einen einzigen Tag frei sein!
Hoch fliegen über den Wolken möchte ich.
Das Vergessen suchen.

Und bitter, daß ich mich oft nicht wehren kann.
Ich schüttele mich in Horror-Träumen,
Es hilft nicht Genuss noch Raserei.
Einen einzigen Tag frei sein!
Über das helle Wasser gehen.
Meiner Seele Flügel geben.

Ich bin mit Gott und seiner Welt zerfallen,
Habe nie gebetet noch gläubig gefühlt.
Möglich, daß es den Demutfrieden gibt.
Einen einzigen Tag frei sein!
Nichts wissen mehr von bitteren, langen Nächten,
in denen die Augen groß werden vor Not.

Ich muß doch Mensch sein, in allem Widerspruch.
Ich fühle, ich kann glauben, wie ich muß.
Wie bist du müde, Welt, die mich geboren,
Einzig bereit, mir Ketten aufzudrücken.
Mir deine Schatten fester einzugraben.
Tränen liegen auf meinen Wangen.

Einen einzigen Tag frei sein!
Wo ich lodern kann und mich entzücken.
Mich hingeben des Wahnes schöner Hoffnung.
Dem Wunsch, Ketten zu brechen,
Und Licht zu trinken …
Einen einzigen Tag Licht schauen!

Einen einzigen Tag frei sein!

Verfasst von Anni Kloß mit Hilfe von Ingeborg Bachmann

Der Spanner

4. Auszug  aus Balladus neuem, noch unveröffentlichten Buch ‚Tote brauchen keinen Himmel‘

Bennstedt ‚Zur alten Scheune‘, Dienstag, 2.10. 2018

Bei der Zusammenkunft des ZKV am 31. Oktober 2017, konnten die beiden Detektive aus Düsseldorf noch nicht viel neue Fakten aufweisen, die für einen Zusammenhang zwischen dem Russen Sergej Wlassow und Ninas Freund Horst Beier sprachen. Das einzige Ermittlungsergebnis besagte, dass Sergej noch am letzten Tag des Krieges, erschossen worden war. Die weitere Recherche bezüglich der deutschen Küchenhilfe, die bei der Flucht maßgeblich geholfen hatte, brachte etwas reichere Erkenntnisse. Die aus einer kleinen Bauernfamilie stammende Ilse Schäfer, war am 17.7.1925 in Kölme geboren worden. Im März 1944 wurde sie zur Zwangsarbeit im KZ Wansleben verpflichtet. Am 23.8.1945 brachte sie ihren und Sergejs Sohn Dimka (Sergejewitsch) zur Welt. Ab 1946 lebten sie und das Kind mit dem russisch-tschetschenischen Offizier Ramsan Kadyrow in Halle zusammen. Die Mutter starb bereits am 21. April 1953 an einer Blutvergiftung. Kadyrow adoptierte das Kind, es erhielt den Namen Dimka Sergejewitsch Kadyrow. Der Junge wuchs praktisch in der Kasernenstadt am Rande der Heide von Halle auf. Im Herbst 1963 wurde Dimka für drei Jahre zum Militärdienst in der Sowjetarmee nach Moskau eingezogen und besuchte danach für drei Jahre eine Offiziersschule.

Mehr hatten Ernst Wolf und Paula Peters vor einem Jahr nicht herausfinden können. „Das sieht dieses Mal etwas besser aus,“ begann Ernst Wolf mit dem Bericht über die neuen Erkenntnisse, nachdem sich die heute teilnehmenden Mitglieder des ZKV begrüßt hatten. Günther Hossa in seiner bekannten Art, ohne ein Wort von sich zu geben. Er sah nur auffordernd zu Lena. Die nickte mit dem Kopf in Richtung Detektiv-Duo. Mit nur zwei Worten, „neue Ergebnisse?“ wandte er sich an Wolf.

„Bevor wir mit unseren Berichten loslegen, möchte ich gern, dass der ältere Herr, der gerade den Gastraum betreten hat, mit an unserem Tisch Platz nimmt.“ Er winkte dem Mann zu, der an der Tür unschlüssig stehen geblieben war, „bitte setzen sie sich doch zu uns,“ und zeigte auf den freien Stuhl neben Paula.

Erstaunt musterten die ZKV-Mitglieder die zwar kleine, aber aufrechte, schlanke Gestalt des Mannes, sein rundes mit vielen Fältchen durchzogenes Gesicht, die senkrecht stehenden, kurz geschnitten, grauen Haare, die an früher üblichen Bürstenschnitt erinnerten, und verfolgten interessiert wie der Fremde ohne Gehhilfe sicheren Schrittes wortlos zum Tisch kam, nur nickend grüßte und sich setzte.

„Wir werden den euch noch unbekannten Gast etwas später vorstellen, wenn ihr gestattet.“ Ernst sah lächelnd von einem zu anderen, bemerkte dass Susanne etwas sagen wollte, schüttelte nur leicht den Kopf und sie schwieg. Der Fremde sah sich aufmerksam um, nickte nochmals allen verhalten zu, nur Paula schenkte er ein verschmitztes Lächeln.

Ernst Wolf sah auffordernd zu seiner Partnerin, „zuerst ist Paula dran. Sie kann den ersten Teil viel spannender erzählen als ich.“

„Weil sie nicht nur schnüffeln kann,“ konnte Balla sich nicht bremsen einzuwerfen, „sondern auch Fantasie und Humor hat. Woran es dir, schon wegen deines Vornamens, mangelt.“

„Halt die Klappe Balla!“ knurrte Hossa.

Die Anwesenden amüsierten sich, weil die Kabbelei zwischen den eingeschworenen Freunden Ernst Wolf und Emil Balla schon zur Tradition der Besprechungen gehörte.

Paula Peters nutzte diese Zeit, um nach dem richtigen Anfang zu suchen. „Deine Informationen Susanne, haben…“

„Die Informationen vom Freund meiner Tochter,“ warf die Cremer ein.

„… na klar, deinem Schwiegersohn …“ sie hob nur kurz ihren rechten Arm, um einen erneuten Einspruch zu verhindern, „Lewan Taktakischwili, haben uns den Durchbruch gebracht. Wir müssen mit unseren Gedanken erst einmal zurück bis zum November 1994, also kurz bevor der erste Tschetschenische Krieg begann.“

Halle-Neustadt, Freitag, 11. November 1994

„Warum musst du nach Tschetschenien?“ Angela streichelte die Wange des neben ihr im Bett liegenden Mannes, „von dort hört man nicht gerade beruhigende Nachrichten, Dimka. Sag mir die Wahrheit.“

Der mittelgroße Mitvierziger, Dimka Sergejewitsch Kadyrow, mit untersetzter Figur und die sechs Jahre jüngere Angela Beier, lebten seit 1970 zusammen. Obwohl sie nicht verheiratet waren, fühlten sie sich wie eine fast richtige Familie. Es fehlte nur noch ein Kind, das sich beide sehr wünschten, aber bisher war ihnen dieser Wunsch unerfüllt geblieben. Die Lehrerin für Russisch und Geschichte hatte den russischen Offizier mit deutschen Wurzeln, der nach dem erfolgreichen Abschluss der Offiziersschule wieder nach Deutschland geschickt worden war, am 1. Mai 1970 bei der traditionellen Demonstration in Halle-Neustadt kennengelernt.

„Es gibt Konflikte zwischen Russland und Tschetschenien,“ begann Dimka langsam, überlegte dann, was er sagen könnte, um Angela möglichst nicht zu ängstigen, „nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung der Tschetschenen durch Dudajew, schwelt in diesem Land die Unruhe. Seit nun auch noch der Putsch der prorussichen Gruppe fehlgeschlagen ist, sieht es jetzt so aus, als würde Jelzin Militär in dieses Land einmarschieren lassen. Viele Kommandeure und Offiziere haben sich scheinbar geweigert Befehle in dieser Richtung, also der eines Einmarsches in Tschetschenien, auszuführen…“

„Recht haben sie!“ warf Angela energisch ein.

„Ja … wahrscheinlich. Ich weiß im Moment noch nicht, was ich machen soll. Vielleicht kann ich ja vor Ort verhindern, dass es zu einem unnützen Blutvergießen kommt?“

Angela beugte sich kopfschüttelnd über den Mann, „du setzt dich einer zusätzlichen Gefahr aus, Dimka. Und wie soll das gehen, bei einem Krieg das Töten verhindern?“

Der inzwischen zum Oberst beförderte Kadyrow, war im August dieses Jahre 1994 mit den anderen russischen Besatzungstruppen von Deutschland nach Russland zurückgekehrt und in der Nähe von Moskau stationiert worden. Angela wollte erst mit ihm nach Russland gehen, aber dann beschlossen beide, dass sie doch in Deutschland bleiben sollte. Dimkas Dienstzeit betrug bereits 31 Jahre und er hatte fest vor, nach dem Einsatz in Tschetschenien, aus der Armee auszuscheiden.

„Man hat mich zum Kommandeur der selbständigen Luftsturmbrigade Kamyschin gemacht.“

„Was heißt das?“ fragte Angela verwundert, „macht das die Situation besser?“

„Ja. – Glaube ich zumindest.“ Dimka überlegte, bevor er weitersprach, „ich bin der Kommandeur, ich entscheide. – Du kennst mich Ela und du weißt, dass mein Stiefvater gebürtiger Tschetschene und wie ich Offizier der Sowjetarmee war. Er glaubte nicht nur an die kommunistische Idee einer klassenlosen Gesellschaft, er handelte auch bis zu seinem Tod danach.“ Erneut dachte Dimka ein paar Sekunden nach, „ich werde kein unnötiges Morden zulassen, Ela.“

„Dein Stiefvater ist tot?“ Angela sah den Mann erstaunt an.

„Er …“ Dimka zögerte nur einen kurzen Moment, „… ist … in einem Krieg gefallen.“

„Was? Wo und wann denn?“

„Er war Befehlshaber der Besatzungstruppen des südlichen Gebietes in Afghanistans mit Sitz in Kandahar. 1983 wurde er vom Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen Generalleutnant Igor Rodionow nach Kabul zu einer Lagebesprechung befohlen. Mein Vater flog mit der Patrouillenversion vom Typ TU-95, der TU-142, ohne zu wissen, dass die Russen nicht mehr die sichere Lufthoheit besaßen. Prompt wurde ihr Flugzeug mit einer hochmodernen Stinger-Rakete abgeschossen. Von der vierköpfigen Flugbesatzung sind drei sofort getötet worden, während der Vierte, mein Vater und zwei seiner Stabsoffiziere, mit Fallschirmen abspringen konnten, aber alle vier wurden noch in der Luft hängend von Scharfschützen getötet.“

„Das ist furchtbar, Dimka.“ Die Frau drehte ihren Kopf ein wenig zur Seite, damit der Mann nicht sehen konnte, dass sie mit den Tränen kämpfte. „Die Mächtigen dieser Welt, ob im Osten oder Westen, haben alle Dreck am Stecken. Du darfst nicht auch zum Opfer … oder Mörder werden, Dimka.“

„Wenn ich nicht gehe, dann befördern sie einen anderen und schicken den in den Krieg.“ Dimka winkte ärgerlich ab.

Doch die Frau ließ sich nicht beruhigen. „Jede Art von Krieg müsste in der heutigen Zeit verboten werden. Haben die Menschen denn nichts aus der Vergangenheit, den zwei großen Weltkriegen und den vielen, zwar vergleichsweise kleinen Kriegen, die aber mit furchtbaren Nachfolgeproblemen die Menschen quälen, gelernt? Muss das immer so weitergehen, Dimka?“

Beide schwiegen geraume Zeit.

„Was ist eigentlich mit deinem richtigen Vater, Dimka? Du hast nie von ihm erzählt. Warum? … oder … was ist mit ihm passiert?“ Erneut sah die Frau dem Mann eindringlich in die Augen. Der Blick sagte deutlich, dass sie sich nicht ohne eine Antwort zufriedengeben würde.

„Mein Stiefvater hat über diese Zeit nicht gern gesprochen und wenn, dann nur sehr spärlich. Ich weiß nur, dass mein leiblicher Vater, ein großgewachsener, bärenstarker Russe, Sergei Iwanowitsch Wlassow wohnhaft in Moskau, im April 1945 aus einem Nebenlager des KZ Buchenwald zusammen mit drei anderen Leidensgefährten fliehen konnte. Die drei, ich glaube es waren Dänen, haben es geschafft, aber er wurde am letzten Tag des Krieges erschossen. Kurz bevor er sich bei den Amerikanern in Sicherheit bringen konnte…“ Er zögerte einen Augenblick und fügte dann noch hinzu, „…wahrscheinlich erschossen, denn seine Leiche wurde nie gefunden.“

„Und deine Mutter? … wer war dann deine Mutter? … eine Deutsche? … oder? … und warum ist sie tot?“

„Sie zog sich im Juni 1953 eine Blutvergiftung zu und starb am 16. Juni 1953 auf dem Weg in die Klinik. Ja, sie war eine Deutsche, arbeitete in dem KZ als zwangsverpflichtete Küchenhilfe und nur mit ihrer Hilfe, ihrer Ortskenntnis, konnte die Flucht der vier Häftlinge auf dem Todesmarsch aus dem KZ Richtung Saale, gelingen.“

„Es ist nicht zu fassen, deine Mutter hat die Flucht organisiert und ausgerechnet ihr Geliebter, dein Vater, wurde erschossen? … entschuldige Dimka, ich finde das nur irgendwie … na ja, hatte er vielleicht einen Rivalen?“

Dimka sah seine Frau an, ‚wie kam sie nur darauf?‘ Er hatte darüber nie nachgedacht. Im April war doch noch Krieg. Außerdem war sein Vater auf der Flucht vor der SS. Aber eine personifizierte Tötung mit dem Motiv Eifersucht? Das konnte der Mann nicht nachvollziehen. „Das ist doch Unsinn, Ela. Du hast zu viel Fantasie.“

„War deine Mutter schön?“

Dimka schüttelte den Kopf. „Sie war eine Küchenhilfe.“

„Na und?“ Die Beier besann sich, „aber das ist jetzt wirklich unwichtig, Dimka. Wir haben nur noch diese Nacht.“

Sie küsste dem Mann auf den Mund, zog ihn langsam zu sich, bis er auf ihr lag, nein, über ihr schwebte, denn Dimka war stark und stützte sich so ab, dass sie sein Gewicht kaum spürte. Diese überaus zärtliche Berührung ihrer Haut mit seiner, ließ sie lustvoll erzittern und sie stöhnte auf vor Wollust, als der Mann in sie eindrang. So intensiv, so ganz und gar in ihr drin, mit ihr verschmolzen, hatte sie ihren Dimka noch nie vorher empfunden.

Am nächsten Morgen verließ Oberst Kadyrow nachdenklich, aber sehr ruhig und ausgeglichen, den fünfstöckigen Wohnblock in Halle-Neustadt, vor dem ein Taxi wartete, dass ihn zum Flughafen nach Berlin brachte, von wo aus er mit der Aeroflot nach Moskau flog. Dort brauchte er nur einen Tag, um seine Ausrüstung zu packen, den Einsatzbefehl aus dem Verteidigungsministerium abzuholen und sich von seinem Armeefreund, Iwan Pawlow zu verabschieden, mit dem er mehrere Jahre in Deutschland stationiert gewesen war, 1994 den Rückzug aus Deutschland mitgemacht hatte und der mit ihm die letzten Monate in Moskau verbracht hatte. Am nächsten Tag, Montag, dem 14. November, flog Oberst Kadyrow mit der Aeroflot nach Wolgograd, fuhr zweihundert Kilometer mit dem Auto am Westufer der Wolga entlang bis zu den Kasernen in Kamyschin, in denen seine Truppe, deren Kommandeur er ab heute war, schon seit längerer Zeit stationiert war.

Dorothea-Leporin-Klinik

3. Auszug  aus Balladus neuem Buch ‚Tote brauchen keinen Himmel‘

Halle, Montag, 23. Januar 2017

„Mein Name ist Stolz,“ der junge Mann schob seinen ehemaligen Chef im Rollstuhl, den er sich bei seiner Ankunft im Klinikum besorgt hatte, der vor ihm stehenden Frau direkt vor die Füße. „Das ist Dr. Prost. Er hat im Betrieb plötzlich starke Schmerzen im linken Bein bekommen. Er wollte selbst in diese Klinik fahren, aber weil das nicht ging, habe ich ihn hierhergebracht.“

„Warum haben sie keinen Krankenwagen gerufen?“ fragte die schlanke, dunkelhaarige, vielleicht fünfzigjährige Frau, auf deren Schild am weißen Kittel, Oberärztin Dr. Pannwitz stand, während sie bereits den Patienten untersuchte.

„Dr. Prost war sich nicht sicher, ob der Notdienst ihn auch genau hierher, zu ihnen, gefahren hätte. Also habe ich das übernommen.“

„Verstehe. Das war richtig so Herr …“ sie sah dem jungen Mann fragend ins Gesicht.

„Stolz, Michael Stolz.“

„… Herr Stolz. Wir kennen Herrn Prost und sein Problem. Meine Assistenzärztin wird den Patienten gleich übernehmen.“

„So lange warte ich noch.“

„Wie sie wollen.“ Die Ärztin drückte dem Mann kurz die Hand und verließ den Behandlungsraum.

Kurz danach betrat eine junge Frau, ebenfalls im weißen Kittel mit Namensschild, das Zimmer. Sie blieb kurz stehen, als sie den großen, breitschultrigen, etwa gleichaltrigen Mann mit der athletischen Figur entdeckte. Offensichtlich hatte sie nur an den siebzigjährigen Patienten gedacht und war jetzt überrascht, einen viel Jüngeren zu sehen. Außerdem wirkte der Gesichtsausdruck des Mannes angenehm auf sie. Dabei würde man auf den ersten Blick eher sagen, ein herber, nicht besonders schöner Mann. Der erste Eindruck entstand durch die weiße, glattrasierte Haut des Gesichts, mit den vielen unsystematisch verteilten Sommersprossen, den einfach halblang geschnittenen, dunkel-braunen, leicht rötlichen Haaren. Interessanterweise verschwand durch die Brille der etwas stupide Eindruck. Die eindrucksvolle Größe und Statur des Mannes korrigierten das Bild ins Positive. Dorothea zog den Schluss, ein attraktiver Mann. Sie ging lächelnd auf Stolz zu. „Ich bin die Assistenzärztin Dorothea Ruge. Sind sie der Sohn?“

Stolz war so in den Anblick der Frau vertieft, dass die Frage, wenn auch mit dunkler, angenehmer, einprägsamer Stimme gesprochen, nur wie aus der Ferne zu ihm kam. Ihm gefiel alles, was er sah, die gut proportionierte Figur mit dem wohlgeformten Busen, die leicht welligen, dunklen, fast schwarzen Haare im Bubikopf Schnitt, das ebenmäßiges Gesicht mit den braunen Augen – nur die Nase wirkte, wenn man die Frau direkt von vorn betrachtete, etwas zu breit geraten. Sogar dieser kleine Schönheitsfehler gefiel Stolz. Irgendetwas zog ihn magisch zu dieser Erscheinung hin. Dabei hatte er sie doch gerade zum ersten Mal gesehen.

Plötzlich spürte der Mann Prosts Hand an seinem Arm, erwachte spontan aus seinen Gedanken und erinnerte sich der an ihn gestellten Frage. „Nein, nein,“ Stolz lachte kurz auf, „Dr. Prost ist ein ehemaliger Kollege. Aber, wenn sie so wollen, bin ich auch ein Nachfahre von ihm, denn ich arbeite genau da, wo früher der Doktor gearbeitet hat.“

„Und das ist, wenn ich fragen darf?“ Wieder lächelte die Frau.

„C-V-Anlage bei OPA Industrial, aber ich bin nur Fachingenieur. Der Doc war dort der Chef.“

„Das kann ja noch kommen, Michael,“ mischte sich der Patient ein, „so, wie ich Harry Kupfer verstanden habe, bist du absolut dazu geeignet.“

„Gut, dass sie uns erinnern Herr Dr. Prost, dass sie hier eigentlich die Hauptperson sind. Ich bringe sie jetzt auf ihr Zimmer. Sie sollen gleich morgen früh operiert werden, aber vorher müssen wir noch einiges erledigen.“

„Kann ich dann morgen schon den Doc besuchen?“ Stolz sah nur die Frau an.

„Das ist doch nicht nötig,“ sagte Prost schon wieder grinsend, weil die spontane, offen zu Tage tretendende Bewunderung seines Kollegen für die Frau, seinen Schmerz wohl etwas verdrängt hatte. Natürlich wusste er auch, dass Stolz nur wegen der Ärztin wiederkommen wollte.

„Doch, doch,“ stammelte Stolz, „ich muss ihnen noch zur Anlage ein paar Fragen stellen.“

„Nein, morgen wird das nichts,“ sagte die Ruge, „die OP ist nicht ganz einfach, kann also lange dauern, dann folgt die Aufwachphase, die bis in die frühen Morgenstunden dauern kann. Kommen sie am besten übermorgen.“

Die dreißigjährige Dorothea Ruge war in Friedrichsbrunn im Harz geboren, wuchs in Mahlwinkel auf, wo sie auch die ersten vier Jahre von 1993 bis 1998 zur Schule ging. Ab 5. bis 8. Klasse, musste sie mit dem Bus nach Angern fahren und fürs Gymnasium hatte sie die Mutter in Osterburg angemeldet, weil es da eine gute Internatsunterbringung gab. Danach arbeitete sie drei Jahre als Krankenpflegerin im Osterburger Krankenhaus und begann 2010 ihr Medizinstudium in Magdeburg, das sie 2015 als Diplommedizinerin abschloss. Seit 1. September 2015 arbeitete sie als Assistenzärztin an der Klinik ‚Dorothea Leporin‘ in Halle (Saale).

„Sind sie dann auch wieder im Dienst Frau Doktor?“ Stolz blickte hoffnungsvoll auf die Ärztin.

„Ich muss sie enttäuschen,“ sagte die Ruge, wieder mit dem gleichen charmanten Lächeln, und Prost beobachtete amüsiert, wie das Gesicht seines jungen Kollegen einen Hauch von Traurigkeit überflog.

„Den Titel habe ich noch nicht verdient,“ fuhr die Frau fort, „ich bin erst dabei, meine Doktorarbeit zu schreiben. Aber, na klar bin ich übermorgen da.“

‚Schon strahlt er wieder‘, registrierte Prost, der zur mehrfachen Wiederholung seines Titels und die vordergründige Betonung ‚Chef‘, nur geduldet hatte, weil er natürlich wusste, das Stolz das nur tat, um bei der Frau Eindruck zu schinden. „Dann mach dich mal schnell wieder in die Anlage, Michael, sonst tanzen deine Anlagenfahrer noch auf den Tischen.“

„Das sind doch keine Schü…,“ Stolz merkte, dass Prost ihn nur hatte auf den Arm nehmen wollen, hüstelte verlegen, „also, ich geh dann. Auf Wiedersehen Dr. Prost,“ sah zur Ärztin, „und bis übermorgen.“

Stolz ging dicht an der Frau vorbei zur Tür und verschwand. Der Blick, mit dem die junge Frau seinem begegnete, ließ den Mann innerlich jubeln, so dass er einen Luftsprung auf dem Flur vollführte, sich dann aber schnell versicherte, dass ihn niemand beobachtet hatte. Die zwei Krankenpflegerinnen schienen so beschäftigt, dass sie wohl nichts bemerkt hatten. Schnell verließ der Ingenieur die Krankenstation.

Zwei Tage später, am Mittwoch den 25. Januar, betrat Stolz erneut die Station der Klinik, in der die an der sogenannten Schaufensterkrankheit leidenden behandelt wurden. Inzwischen hatte der Mann sich natürlich im Internet kundig gemacht und wusste deshalb, dass es sich um eine periphere arterielle Verschlusskrankheit, also eine Arteriosklerose in den Beingefäßen handelte, die vor allen Dingen im Alter ab 55 Jahre auftrat. Das typische Symptom dieser Verengung der Schlagadern waren starke Schmerzen in den Beinen. Diese äußerten sich vorrangig bei körperlicher Anstrengung, dadurch mussten die Betroffenen beim Gehen häufig Pausen einlegen. Meistens wird diese Krankheit zu spät entdeckt und dann hilft nur eine Operation. Die besondere Gefahr dieser Krankheit lag darin, dass durch die verminderte Durchblutung, die Wunden an den Füßen schlechter heilten, im schlimmsten Fall konnte Gewebe absterben. Ist dies der Fall, muss das Gewebe schnell entfernt werden, da sonst eine lebensgefährliche Blutvergiftung drohte. Das kann bis zur Amputation führen, was diese Krankheit für die Betroffenen brisanter machte. Obwohl Rauchen als eine Hauptursache beizeiten erkannt worden ist, hält diese Aussicht viele Menschen nicht auf, vom Rauchen Abstand zu nehmen.

Stolz ging langsam den Flur entlang, an Prosts Zimmer vorbei bis zum Schwesternzimmer, das sich an einen mit großen Glasfenstern zum Flur hin abgetrennten Raum anschloss und auf Stolz den Eindruck machte, wie der Empfang in einem Hotel, nur eben nüchterner, was schon allein die weiße Farbe bewirkte. Die Tür, aber auch die Fenster zum Flur, standen offen. Stolz sah zwei Schwestern, die eine saß in der Mitte des Raumes am Tisch und schrieb, während die andere in der Nähe des offenen Fensters am Computer saß. „Entschuldigung, ich suche Frau Dorothea Ruge,“ Stolz wartete auf eine Reaktion und als die Schwester ihren Kopf zu ihm drehte, fügte er noch erklärend hinzu, „sie wollte noch mit mir sprechen.“

„Sie wird wohl im Arztzimmer sein,“ die Schwester zeigte nach rechts den Gang hinunter.

„Danke.“

Es war nur zwei Türen weiter auf der rechten Seite. Davor befand sich das Zimmer der Oberärztin Dr. Pannwitz.

Stolz war sich nicht sicher, ob er einfach anklopfen sollte, ging erst einmal weiter und überlegte, was er wohl sagen könnte. Plötzlich hörte er hinter sich, wie eine Tür geöffnet wurde, drehte sich um und sah Dorothea auf den Flur treten.

Sie bemerkte ihn sofort. „Hallo Herr Stolz, das Zimmer von Dr. Prost liegt doch in der anderen Richtung,“ schmunzelnd fügte sie noch hinzu, „vergessen?“

„Ach, ich war so in Gedanken, da bin ich wohl vorbeigelaufen.“ ‚Sie hat sich deinen Namen gemerkt‘, jubilierte es in ihm. Er musste sich zusammenreißen, denn er wollte nicht, dass sie ihm seine Freude darüber ansehen könnte.

„Kommen sie, ich wollte auch gerade zu…,“ sie zögerte einen Moment, „…ihrem Vorfahren?“ Lachend dreht sie sich um und schritt voraus, während Stolz ihr schnell folgte.

„Hallo Herr Prost, wie geht es ihnen?“ Die Assistenzärztin blieb an der Stirnseite des Bettes stehen.

„Abgesehen davon, dass die vielen Schläuche, die scheinbar aus meinem Körper zu kommen scheinen, mir Angst machen, ganz gut. – Ich muss sie auch noch etwas fragen.“

„Aber gerne, bitte fragen sie.“

Inzwischen stellte Stolz sich schweigend neben das Bett murmelte nur, „Tag Doc,“ und sah mit kribbelnden Gefühl zur Ruge.

Prost warf nur einen kurzen Blick auf seinem Besuch, „hallo Michael,“ dann konzentrierte er sich wieder auf die Ärztin. „So eine Halbnarkose war für mich eine vollkommen neue Erfahrung. Ich habe zwar nur die Schatten der zwei Frauen, die mich operiert haben, auf dem Tuch vor meinem Gesicht gesehen und auch die Worte nicht verstanden, die die beiden gewechselt haben, aber das lief alles derart ruhig ab, dass ich vollkommen entspannen konnte und die vier Stunden OP sind relativ schnell vergangen.“

„Ich weiß, dass haben sie uns gestern gleich nach der OP auch gesagt und sich bedankt. Das kommt nicht so oft vor und hat uns sehr gefreut.“

„Ja, leider hatten sie ja noch die OP-Tücher vor dem Gesicht, so dass ich sie gar nicht erkennen konnte. Sagen sie, wer war die zweite Frau?“

„Frau Oberärztin Dr. Pannwitz hat die OP geleitet.“ – „Ich habe nur assistiert“, fügte sie bescheiden hinzu.

„Ich sage ihnen noch einmal, Dankeschön. Die OP war für mich eine neue Erfahrung und außerdem für mich, den Patienten, fast – ein Kinderspiel.“

„Das ist doch unsere Aufgabe Herr Prost,“ während sie sprach begutachtete sie den Verband, der das gesamte linke Beine von oben bis unten umgab, „wichtig wird sein, wie sich das alles weiterentwickelt und wie letztendlich der Effekt für sie sein wird.“

„Ja, da bin ich auch gespannt.“ Prost warf einen kurzen Blick zu seinem Kollegen, doch der hatte nur Augen für die Ruge. „Es ist schön, dass sie meine eigene Ader wiederverwenden konnten.“

„Ja, das hat uns auch überrascht, weil wir das nach Auswertung der Röntgenbilder eigentlich nicht erwarten konnten,“ nun begutachtete sie die Schläuche, die unter dem Verband hervorkamen und in kleinen Beutelchen endeten. Als letztes warf sie einen Blick auf den Katheder in dem sich der Urin sammeln konnte. „Aber so, mit ihrer eigenen Ader, ist es tatsächlich besser, weil auf diese Art der angestrebte Effekt noch günstiger ausfallen könnte.“

„Ich werde Frau Pannwitz morgen bei der Visite das auch noch einmal sagen.“ Prost sah die Ruge an, „na, alles in Ordnung?“

„Ja, ja. Alles okay. Ich lasse sie jetzt mit ihrem Besuch allein. Danach muss ich noch den nächsten notwendigen Schritt mit ihnen besprechen.“ Sie drehte sich um und verließ das Zimmer.

„Dr. Prost…,“ Stolz wollte ein Gespräch beginnen, obwohl er gar nicht recht wusste, was er sagen sollte-

„Michael,“ Prost unterbrach sofort seinen Kollegen, „erstens habe ich dir von Anfang an gesagt, dass du natürlich auch du zu mir sagen kannst, wenn ich das tue, denn andernfalls muss ich dich auch wieder siezen.“ Prost hob kurz die rechte Hand, um Stolz am Sprechen zu hindern, „und zweitens muss du dich nicht lange hier bei mir aufhalten. Geh der Ruge hinterher, bevor sie irgendwohin verschwindet. – Ihr passt beide gut zusammen, glaube ich,“ fügte Prost lächelnd hinzu.

„Ja, du hast schon recht Doc. Ich bin eigentlich wirklich nur wegen Dorothea wieder hier.“ Erschrocken über seine ehrlichen Worte sah er Prost entsetzt an.

Doch der lachte, „sag ich doch.“

„Die alten Hasen in der Anlage haben schon recht mit ihrer Meinung zu dir…“

„Genug, jetzt hau schon endlich ab.“ Prost drehte den Kopf auf die Seite, mehr traute er sich noch nicht zu bewegen.

Stolz überlegte noch einen kurzen Moment. „Mach’s gut Doc.“ Dann verließ er leise den Raum.

Der Flur war leer. ‚Verdammt.‘ Stolz überlegte kurz, ging dann zurück zum ‚Empfang‘ und atmete auf, als er die Ruge sah.

Die hatte wohl genauso auf ihn gewartet, denn sie kam gleich auf den Flur zurück, „ich habe noch ein paar Minuten, gehen wir da hinten in den Besucherraum?“

„Ja, natürlich. Mein Doc hat…“

„Das scheint ein erfahrener Mann zu sein?“ Die Ruge sagte das lächelnd, so dass Stolz ganz schwummrig wurde.

Er sah die Frau an. „Und hat er recht?“

„Ich kann zwar nur raten, was er gesagt hat, aber da du, entschuldige…“

„Ach was entschuldige. Das du ist schon richtig. – Und ja, er hat mich dir gleich hinterhergeschickt,“ fügte er lachend noch hinzu.

„Die OP war auch für mich eine gute Erfahrung.“ Die beiden standen auf dem Flur der Station uns sahen sich in die Augen. „Eine derart lange Arterie können wir nicht allzu oft so komplett retten.“

„Was ist eigentlich die Ursache für die Schaufensterkrankheit?“ Die Frage war ihm einfach so rausgerutscht, denn sein Blick verlangte nach etwas ganz anderem.

„Arteriosklerose entsteht,“ begann die Ruge mit leicht leuchtenden Augen sofort zu erklären, obwohl ihr der Blick des Mannes nicht entgangen war, „wenn Fett in die Gefäßwände eingelagert wird, was vor allem durch zu hohe Blutfettwerte begünstigt wird, die durch falsche Ernährung und Bewegungsmangel oder durch genetische Defekte bedingt sein können. Ebenso erhöhen Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Übergewicht das Risiko für eine Gefäßverengung.“

„Ist nach der OP alles wieder im Lot oder was muss der Patient tun?“ Stolz blieb beim Thema, weil er mit Erstaunen feststellte, dass ihm diese Art von Gespräch mit der schönen Frau gefiel.

„Nein, zum ersten Teil der Frage,“ das Leuchten der Augen der Frau verstärkte sich und es kam ihr darauf an, dem sie immer mehr interessierenden Mann überzeugend zu antworten, „denn wenn es erst einmal so weit gekommen ist, dass operiert werden musste, dann ist die Krankheit schon so vorangeschritten, dass sie nur noch eingedämmt, aber nicht vollständig ausgeräumt werden kann.“ Die Ruge dachte kurz nach, ohne ihren Blick zu senken. „Zum zweiten Teil deiner Frage kann ich nur so viel sagen, dass alles Weitere ab jetzt maßgeblich von ihm selbst abhängt. Bewegung, Bewegung, Bewegung. Das ist das A und O.“

„In Bewegung bleiben ist sicher für jeden Menschen in jedem Alter wichtig,“ stellte Stolz trocken fest.

„Ja, richtig,“ bestätigte die Ruge, „aber im Alter, und erst recht bei einer solchen Krankheit, ist das umso wichtiger.“

„Ich denke, das sollte für den Doc kein Problem sein.“ Und weil die Ärztin ihn fragend ansah, ergänzte er noch, „wenn das, was ich von meinen Kollegen über ihn gehört habe, stimmt, wird er diese Forderung auf alle Fälle erfüllen.“

„Das würde mich für ihn freuen.“ Die Ruge senkte nur kurz den Blick, um dann mit neuem Leuchten in den Augen fortzufahren, „aber jetzt möchte ich gern dir eine Frage stellen.“

„Nur zu.“

Beide mussten zur Seite treten, weil ein Krankenpfleger mit einem Patienten im Bett den Flur entlang kam. Erst dann redete die Ruge weiter. „Was macht ihr denn in eurem OPA Industrial und was speziell machst du?“

„Wir produzieren VC,“ Stolz bemerkte den fragenden Blick der Ruge und fuhr lächelnd fort, „das ist der Grundbaustein für einen speziellen Plast, also in unserem Falle wird daraus durch Polymerisation PVC, also Poly-VC. Ich arbeite in der V-Fabrik als Ingenieur zur Betreuung der Anlage.“

„Darüber würde ich gern mehr erfahren, wenn es erlaubt ist.“ Die Ruge sah Stolz fragend an.

„Es ist erlaubt und ich würde nichts lieber tun.“ Er beobachtete den interessiert gespannten Gesichtsausdruck der Frau und hatte plötzlich das Empfinden sofort etwas dafür tun zu müssen, damit er sie nicht wieder aus den Augen verlieren konnte. „Und doch habe ich vorher eine Frage an dich.“ Er wartete eine Sekunde, „darf ich dich zu einem gemütlichen Essen einladen, Dorothea?“

„Doro, meine Freunde sagen alle Doro zu mir. Ja. Aber, ob Essen oder nicht, wir sollten uns treffen, denn ich muß mich jetzt schnell auf der Station wiedersehen lassen.“

„Morgen …“

„Morgen kann ich leider nicht, aber am Sonnabend habe ich frei.“

„Dann könnten wir uns ja schon früher treffen?“ Stolz sah die junge Frau an und da er nichts Gegenteiliges aus ihrer Miene ablesen konnten fuhr er fort, „vielleicht um 14 Uhr am Händeldenkmal auf dem Markt?“

„Einverstanden,“ sagte die Ruge schnell und reichte dem Mann die Hand, „also dann bis Sonnabend. – Auf Wiedersehen.“

Und schon war sie verschwunden.

„Tschüss!“ rief ihr Stolz hinterher, „murmelte dann nur noch, „ich freue mich.“

Er stand ebenfalls auf und verließ langsam den Raum.

Der gerettete Retter

2. Auszug  aus Balladus neuem Buch ‚Tote brauchen keinen Himmel‘

Seeleben, Mittwoch 14. Februar 2007

Der fünfjährige Felix stopfte kleine Steine in seine Hosentaschen und wanderte langsam weiter in Richtung See. Auf dem letzten Stück bis zu der von ihm angesteuerten Uferstelle, fand er zwar keine mehr, aber seine Taschen waren ohnehin voll genug.

Der kleine, künstlich infolge des Kalisalzbergbaus in den Jahren vor 1925 entstandene, inzwischen durch die fleißig waschsenden natürlichen Gewächse idyllisch aussehende, fast rechteckige, circa dreißig Fußballfelder große See, war mit einer nur dünnen Eisfläche bedeckt, die so spiegelte, dass die Versuchung groß war, vor allen Dingen für die jüngeren Fußgänger, sich aufs Eis zu wagen. Felix konnte trotz seiner viereinhalb Jahre schon schwimmen, das hatte ihm im letzten Sommer ein fast sechs Jahre älterer Junge aus dem ganz in der Nähe befindlichen Heim, Horst Wichmann, den alle nur Hulk riefen, beigebracht. Doch der Junge kannte aber auch die Tücken einer zugefrorenen Wasseroberfläche. Er wusste, wenn der Waghalsige unter das Eis geraten würde, schwimmen nur wenig half, wenn man die Öffnung im Eis nicht wiederfinden konnte. Schlimmer noch, wenn derjenige dazu noch die Panik geriet. Felix war schon zweimal eingebrochen, hatte sich aber fast nur nasse Füße geholt. Nur einmal stand er bis zum Hintern im Wasser.

Heute wollte er nur ein paar der kleinen Steine über das Eis gleiten lassen, vielleicht schaffte er es ja bis auf die andere Seite, immerhin waren das etwa dreihundertfünfzig Meter.

Als Felix den zweiten Stein warf und verfolgte, glaubte er am Schilfrand rechts, irgendetwas gesehen zu haben. Er ging näher an die Eisfläche heran und jetzt konnte er es sehen. „Ein Hund!“ rief er laut, obwohl das gar keinen Sinn hatte, denn er war hier und da in einem kleinen Eisloch der Hund, allein. Felix dachte noch zwei Sekunden nach, dann betrat er langsam und sehr vorsichtig das Eis. Die dünne Schicht bog sich durch, aber schien doch so elastisch zu sein, dass sie ihn tatsächlich tragen könnte. Das ließ den Jungen Mut schöpfen und er glitt weiter vorsichtig über die glatte Fläche. Der Hund bemerkte ihn und jaulte wieder etwas lauter, fast hatte es sich bis dahin schon angehört, als ob ihn die Kräfte verließen. Zwei Meter vor dem Eisloch legte Felix sich bäuchlings auf das Eis und glitt bis an den Rand der Öffnung. Er griff dem Hund ins Fell, erwischte dabei auch die Haut, so dass das Tier noch etwas lauter heulte, aber darauf konnte Felix keine Rücksicht nehmen. Zum Glück war der Beagle nicht besonders schwer, so dass es gelang, ihn aufs Eis zu ziehen. Felix schob den Hund in Richtung Ufer, doch der versuchte sich dagegen zu wehren.

„Nun lauf schon. – Was ist nur mit dir? – Wo willst du hin?“

Felix sah wieder auf das Loch, bemerkte eine dunklere Stelle unter dem Eis und erschrak. Unter der durchsichtigen Schicht schien ein Mensch festzuhängen. Felix rutschte wieder näher, brach Stück für Stück das Eis weiter auf, bis es ihm gelang, nach dem Menschen zu greifen. Es war ein Kind, vielleicht so alt, wie er, ein Mädchen, das leblos, nun vom Eis befreit, auf dem Wasser schwamm, was wohl die Luftblase unter ihrem Anorak bewirkte. Erneut bemühte sich Felix den Körper auf die Eisfläche zu schieben, aber das Eis gab nach, bog sich immer weiter durch, wurde rissiger und plötzlich, ehe er etwas dagegen hätte tun könne, fand er sich mit dem leblosen Mädchen im eiskalten Wasser wieder.

Dem Hund schien es wieder besser zu gehen, denn er bellte laut, mit respektvollem Abstand zu dem Loch.

„Lauf Hund!“ rief Felix verzweifelt, „hol Hilfe! Hilfe!“ rief Felix so laut er konnte. Doch der Hund lief nur aufgeregt hin und her und bellte ununterbrochen.

Felix bemühte sich mitsamt dem Körper des Mädchens ans Ufer zu gelangen, aber das ging sehr schwer, denn er musste sich ja durchs Eis kämpfen. Schon bald merkte er, dass seine Kräfte nachließen, aber er kämpfte verbissen und ließ das Mädchen nicht los. Plötzlich krachte dem Jungen ein Stock auf den Kopf. Der Schreck war nur kurz, denn Felix sah das daran befestigte Seil, wickelte es sich schnell einmal um seinen Körper, dann auch noch um den des Mädchens, klemmte das Ende des Seils mit dem Stock zwischen seine Beine, fühlte den Ruck, als jemand am Strick zu ziehen begann und langsam kamen die beiden Menschlein dem Ufer immer näher, bis kräftige Arme erst das Mädchen, dann Felix an Land hievten.

Der Retter war Hulk. Jetzt spürte Felix, dass sein großer Freund zu Recht diesen Spitznamen besaß, denn er war nicht nur groß und stark, sondern fackelte auch nicht lange, wenn es galt Menschen in Not, und erst recht schwachen Menschen in Not zu helfen.

„Hol Hilfe Felix,“ befahl der Elfjährige und begann sofort mit der Wiederbelebung, wie er das vom Fernsehen her kannte.

Der resolute Befehlston half dem erschöpften Felix widererwarten auf die Beine. Er ging anfangs langsam und wackelig, dann immer sicherer auftretend und zum Schluss konnte er sogar rennen. Nach Luft japsend kam er vor dem Eingang zum Haus ‚Mischwaldland‘ an.

„Hilfe!“ rief Felix schon vor dem Haus.

„Hilfe!“ er stolperte die Treppen hinauf, griff zur Tür, aber er fasste ins Leere, denn eine knapp Siebzehnjährige hatte bereits die Tür aufgerissen, der Junge fiel ihr in die Arme.

„Hilfe – Horst – kleines Mädchen – unter dem Eis,“ stammelte Felix, seine Beine versagten ihren Dienst, aber die junge Frau war kräftig, nahm den Jungen auf die Arme und trug ihn in das Haus hinein.

Auf dem Flur kam ihnen ein noch junger, mittelgroßer Mann entgegen, „Timo ruf die Rettung. Am See ist Hulk und wohl ein ertrunkenes Mädchen.“

„Gib mir den Jungen, Sara und rufe du an. Wir kommen mit.“ Timo übernahm den zitternden Jungen, während Sara die Tür zum nahegelegenen Büro aufriss, die anderen zwei vorbeiließ, schnell hinterherging und zum Telefon griff.

Während Sara telefonierte, zog Timo dem Jungen die feuchten Sachen aus und begann ihn mit einem Handtuch abzureiben.

„Mach du hier jetzt weiter Sara,“ Timo drückte ihr das Handtuch in die Hand, nachdem sie den Hilferuf abgesetzt hatte, „ich laufe zum See und sehe, ob ich Hulk helfen kann.“

Und schon rannte er aus dem Haus.

Es dauerte eine Viertelstunde bis die Rettung am Unfallort eintraf, wo sich Timo und Hulk immer noch um das Mädchen bemühten.

Der Notarzt eilte zu dem am Boden liegenden Kind und die Sanitäter gingen mit einer Krankentrage hinterher.

Während der Arzt das Kind untersuchte standen Timo und Hulk mit traurigen Gesichtern daneben und warfen ab und zu unruhige Blicke zu dem kleinen, sehr blassen Mädchen.

Schon nach ein paar Minuten stand der Arzt wieder auf. „Bringt die Kleine in den Krankenwagen,“ wies er die Sanitäter an, wandte sich dann Timo und Hulk zu, „wie lange war sie unter Wasser?“

„Keine Ahnung,“ antwortete Hulk, „Felix hat sie unter dem Eis hervorgeholt. Ich habe die beiden ans Ufer gezogen und aus dem Wasser gehoben.“

„Es sieht nicht gut aus,“ sagte der Arzt mehr an den erwachsenen Mann gerichtet, wandte dann aber sein Gesicht auch Hulk zu, „aber wir werden uns im Krankenwagen weiter um die Kleine bemühen,“ er sah auf seine Uhr, „das kann dauern,“ drehte sich um und stieg ebenfalls in den Krankenwagen.

Es dauerte eine ganze Stunde, bis die Tür sich wieder öffnete und der Arzt heraustrat.

Neben Timo und Hulk standen jetzt noch mehr Kinder aus dem Heim und ein paar Anwohner aus der nahegelegenen Neubausiedlung. Alle sahen dem Arzt erwartungsvoll entgegen.

„Es tut mit leid,“ sagte der Mann mit müder Stimme, „aber das Mädchen war nicht mehr zu retten.“ Er wollte gleich wieder ins Auto steigen, drehte sich dann aber doch noch einmal um, „wir bringen sie noch in die Uniklinik, aber…“ er zögerte einen kurzen Moment, „…es gibt – keine Hoffnung mehr.“ Er drehte sich um, stieg in den Krankenwagen und das Fahrzeug fuhr mit dem Mädchen davon.

Stumm sahen die Menschen hinterher.

Plötzlich fasste sich Hulk an den Kopf, „Felix! Ich muss zu Felix,“ und er rannte sofort los.

Instinktiv rannte er ins Heim, obwohl er wusste, dass Felix nicht zum Heim gehörte, ging direkt zum zentralen Büro und stürzte ins Zimmer.

Felix lag auf der Liege, durch mehrere Decken gewärmt. Sara saß daneben auf einem Stuhl und hielt eine dampfende Tasse in der Hand. Hulk musste näher treten, um in das Gesicht seines Kumpels sehen zu können. „Wie geht es, Felix?“

Die Augen des Jungen richteten sich fragend auf Hulk, doch der schwieg.

„Er ist unterkühlt,“ antwortete Sara und sah von Felix zu Hulk, „was ist am See passiert?“

Der vom Laufen noch schwer atmende, aufgewühlte Junge stieß kaum verständlich hervor, „tot!“ und trotzdem verstanden die beiden sofort.

Felix begann lautlos zu weinen. Sara ergriff seine Hand, um ihn zu trösten, obwohl sie selbst auch gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfen musste.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, drei etwa dreizehn- oder vierzehnjährige Jungen polterten ins Zimmer, sahen den weinenden Felix auf der Liege und die Händchen haltende Sara. „Was ist denn hier los!“ brüllte der Anführer der drei, „pfui Teufel, sind wir etwa bei den schwulen Schwestern …“

Weiter kam er nicht, weil ihn Hulk gepackt hatte. Der zwei Jahre jüngere, verpasste dem Anführer einen Hieb ins Gesicht, dass der rückwärts taumelte, gegen seine Kumpane stieß und alle drei wurden von Hulk energisch auf den Flur zurückgedrängt.

Sara war ebenfalls aufgesprungen, eilte zur Tür, schob Hulk, der den anderen inzwischen losgelassen hatte, ins Zimmer zurück, während sie bei den drei auf dem Flur blieb. Nachdem sie den Jungs erklärt hatte, was passiert war, zogen die sich schweigend in das Gebäude zurück.

Als Sara nur wenig später das Büro erneut betrat, blieb sie kurz hinter der Tür staunend stehen. Felix war aufgestanden und redete beruhigend auf seinen großen Freund ein, der mit gesenktem Kopf vor dem viel Kleineren stand.

„… nicht umsonst,“ hörte Sara die Worte des erfolglosen Retters, „ich werde trotzdem immer wieder dasselbe tun, Horst Wichmann, ich werde helfen, wenn jemand in Not ist. Helfen – einmal wird es auch gelingen.“

‚Ja das stimmt,‘ dachte der große Freund und nickte zustimmend.

Kaum jemand im Heim kannte seinen richtigen Namen, aber alle wussten, wer Hulk war.

Der elternlose Horst Wichmann war am 1. Mai 2003 ins Haus ‚Mischwaldland‘ gekommen. Sein Geburtsdatum war der 9. Februar 1996, obwohl es nicht hundertprozentig sicher schien.

Am 5. Mai 2003 erhielt das Heim, quasi als materielle Spende, alte Möbel, zu denen auch ein ziemlich großer Schrank gehörte. Die Transportleute wollten Zeit sparen, sie verzichteten darauf den Schrank in seine Einzelteile zu zerlegen und versuchten das Ungetüm als Ganzes, „der ist doch leer“, sagte der Vorarbeiter, zu transportieren. Das gelang ihnen auch bis zur Treppe, die in den Flur des Hauses führte. Dort kamen sie ins straucheln und plötzlich kippte der Schrank.

Der Vorarbeiter brüllte, „Vorsicht! Alles weg!“

Aber genau in diesem Augenblick kamen zwei vierjährige, ein Junge und ein Mädchen, aus dem Haus, der Schrank senkte sich über sie. Die Kinder schrien auf, duckten sich, warteten auf den Schlag, aber der Schrank hielt mitten im Fallen inne, wie durch Geisterhand gehalten. Der Geist war Horst, der hatten den Schrank auf die Kinder fallen sehen, war schnell hinzugetreten, streckte seine Arme hoch und das Ungetüm wurde nicht nur abgebremst, er konnte ihn sogar solange halten, bis es den Kindern gelang unversehrt zu entkommen. Langsam senkte sich der Schrank weiter und von Horst war nichts mehr zu sehen. Doch plötzlich trat er hinter dem Schrank, dicht neben der Treppe, hervor und die wie gebannt wartenden Kinder und Erwachsenen schrien befreit auf, obwohl sie nicht begriffen, was da eben passiert war. Nur an dem hochroten Gesicht und seinem kräftigen, hörbaren Atmen, bei dem sich der Brustkorb ungeheuer spannte und wölbte, begriff einer nach dem anderen, dass Horst mit diesem Wunder zu tun haben musste.

„Hulk!“ stieß einer der älteren Jungs hervor und sie umkreisten staunend den Jungen.

Ab diesem Zeitpunkt hatte Horst seinen Spitznamen weg, aber das störte ihn gar nicht, denn der wurde von allen mit Achtung ausgesprochen.

Von da ab fühlte sich Horst Wichmann in seiner neuen ‚Familie‘ angekommen.

Felix Normu wurde einer seiner ersten Freunde, obwohl der fast sechs Jahre jünger war und gar nicht im Heim lebte. Dass Felix keinen Vater hatte, war der erste Grund für Hulk, sich dem Jungen verbunden zu fühlen und dann war da noch dessen optimistischer, ruhiger Charakter, der ihn zu überlegtem Handeln anhielt. Das gefiel Hulk, während manche der anderen Jungen dachten, der Normu sei eben eine Trantüte und langsam, wie eine lahme Ente. Sie erkannten nicht, dass Felix immer erst überlegte, bevor er handelte.

Am Nachmittag dieses düsteren Tages begleitete Horst seinen kleinen Freund nach Hause, der inzwischen wieder richtig warm und mit trockenen Sachen aus dem Heim ausgerüstet worden war.

Felix Mutter Claudia nahm die zwei traurigen Gestalten schweigend mit in die Wohnung, bat Horst auch noch zu bleiben und bereitere beiden einen warmen Tee mit viel Zitrone, den sie in dem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer servierte. Ohne Worte stellte sie einen Zuckernapf mit kleinem Löffel neben die Teekanne. Sie füllte beiden, dann auch sich selbst, ein großes Glas voll und forderte die Jungs durch eine Geste zum Trinken auf.

Felix Mutter Claudia, geborene Süß, war zur Wende 1989 achtzehn Jahre alt. 1990 beendete sie ihre Lehre als Verkäuferin, wurde aber vorerst Sekretärin im damaligen Kaliwerk in Teutschenthal, das der Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB) Kali und Salze in Halle angeschlossen war.

Nach einigen Minuten oder vielleicht waren es auch nur Sekunden, keiner von den drei Personen hätte sagen können wieviel es genau waren, durchbrach Frau Normu die Stille. „Ich habe von Sara, also Frau Franke, gehört, was ihr beide gerade erlebt habt.“ Die Mutter verstummte wieder, dachte nach, sah die beiden an und fuhr fort, „deinen Namen Horst Wichmann…“, und etwas leiser fügte sie noch hinzu, „…Hulk, kannte ich ja schon von Felix, aber seit heute…“ wieder brach sie ab, starrte kurz an die Decke des Raumes, senkte langsam den Kopf wieder und sprach weiter, „…weiß ich, dass ich mit euch über die Wahrheit sprechen kann, sprechen muss. Deshalb,“ sie sah wieder zu ihren zwei Zuhörern und sah gespannte Aufmerksamkeit in deren Augen, „will ich dir Felix, meinem Sohn, zusammen mit deinem Freund von der Wahrheit über meine Vergangenheit berichten.“

Die Frau atmete, den Blick zum Fenster gerichtet, mehrere Male tief ein und wieder aus.

„Am 1. Juni 1990 wurde mein Betrieb unter der Firmenbezeichnung KALIMAG GmbH eine eigenständige Kapitalgesellschaft. Alleiniger Gesellschafter war die Treuhandanstalt Berlin. Allerdings übernahm bereits am 1. Juni 1992 die Grube Teutschenthal Sicherungsgesellschaft mbH GTS das Werk samt den angrenzenden Grubenfeldern Salzmünde und Angersdorf. Bereits in den ersten Monaten lernte ich dort meinen fünf Jahre älteren Mann Peter Normu kennen, der bereits vier Jahre in der Grube als Bergarbeiter beschäftigt war. Der mittelgroße, schlanke, temperamentvolle und sportliche Normu war überdurchschnittlich intelligent, aber von Schulunterricht hielt er nicht viel, deshalb trachte er beizeiten danach, Geld zu verdienen. Er absolvierte die erste beste Lehre, die ihm angeboten wurde und das war die Ausbildung zum Chemiefacharbeiter in Luna. Danach fing er sofort als Bergarbeiter im Kaliwerk in Teutschenthal an. Ich wusste damals nicht, dass seine Arbeit im Schacht noch eine tiefere Bedeutung hatte. Davon erzählte er mir erst viel später. 1996 heirateten wir, nicht nur, weil ein Kind unterwegs war, denn ich ergänzte mich hervorragend mit diesem Mann, jeder achtete den anderen, wir ließen uns gegenseitig genug persönlichen Spielraum und auch die sexuelle Liebe stimmte.“ Die Mutter sah mit fragendem Blick zu ihrem Sohn, dann weiter zu Horst und wusste, dass sie noch ein paar erklärende Worte hinzufügen musste.

„Eine Frau kann nur dann ein Kind zur Welt bringen, wenn sie die Spermien, also die Samen eines Mannes, die nur er in der Lage ist zu produzieren, in sich aufnimmt. Dazu hat der Mann ein Glied und die Frau eine Scheide zwischen den Beinen und wenn die beiden sich lieb haben, dann vereinigen sie sich und der Samen fließt vom Mann in die Frau. Dieser Vorgang kann den Menschen auch große Freude bereiten, wenn sich Frau und Mann richtig gern haben, und ja, das funktioniert auch nur so zum Spaß, zur Freude dieser zwei Menschen, ohne dass immer ein Kind entstehen muss. Versteht ihr das?“

Sie sah beide nicken, war sich aber nicht ganz sicher, ob die Jungs das alles verstanden hatten. Dennoch fuhr sie fort, „Anfang 1996 wurde ich schwanger, das heißt, der Samen deines Vaters Felix, fing an in mir zu einem kleinen Wesen heranzuwachsen. Wir freuten uns auf unser Kind und waren also rundherum glücklich. In diesen wunderbaren Monaten verriet mir Peter sein Geheimnis, über das ich euch zu einem späteren Zeitpunkt noch berichten werde. –

Dann kam der 11. September 1996.

Erdgasausfall

 1. Auszug aus Balladus neuem Roman ‚Tote brauchen keinen Himmel‘

V-Fabrik, Mittwoch, 23. Januar 2017

„Haben die Yankees doch tatsächlich diese Pappfigur Trump zum Präsidenten gewählt“, schnaufte Hossa, „ich fasse es immer noch nicht!“ Er warf seinen Helm polternd auf den Boden und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

Während die anderen Operatoren gleichgültig blieben, erwiderte Balla in der für ihn typischen Art, „ne janz schön teure Pappfigur, millionenschwer“, Balla präsentierte soldatisch sein Plasterohr, „vielleicht liegt aber gerade darin eine – versteckte – Gefahr?“

„Du denkst an Nordkorea, Emil?“ fragte die Paulus.

„Vielleicht sogar schon bald,“ meldete sich Jonny Adler zu Wort, „hört mal, was ich gerade im Internet gefunden habe: ‚Die USA verlagerten vier ihrer insgesamt 19 Flugzeugträger ins Japanische Meer. 600 Marines wurden in Goseong in der Provinz Gangwon im Nordosten von Südkorea stationiert. Für die nächste Woche waren nördlich von Seoul Manöver der südkoreanischen Streitkräfte mit U. S. Army und U.S. Navy geplant. Die nordkoreanische Volksarmee konzentrierte einen Teil ihrer Landstreitkräfte südlich der Städte Kosong, Pyonggang, Chorwon, Kaesong und Yonan. Obwohl China angekündigt hatte sich aus dem Konflikt herauszuhalten, verlagerten auch sie zumindest einen Teil der gruppenunabhängigen Luftlandetruppen nach Yanbian in den grenznahen Bereich zu Nordkorea und Russland.‘ Ist das nicht der blanke Wahnsinn?“

„Ein Atomkrieg, Leute,“ Emil stöhnte theatralisch, „dann war es wohl nicht zu früh, dass ich mein Testament aufgesetzt habe.“

„Du bist ein Arsch Balla,“ schnaufte Günther Hossa, „was hast du alter Sack denn zu vererben?“

„Das Schlimme ist doch immer“, unterbrach die Paulus ärgerlich das Geplänkel zwischen den zwei Freunden, „diese Großkopferten Milliardäre befehlen den Krieg und lassen dann die anderen, die Kleinen die Dreckarbeit machen!“

„Und vor allen Dingen dürfen sie, die Kleinen, also wir, sterben,“ ergänzte Balla, „für die Reichen und künstlich Schönen, wie unser Doc – Marx hab ihn selig – immer gesagt hat, sie lassen…“

„Äh Leute!“, meldete sich lautstark die kleine Streller, „am Baueingang ist gerade das Signal Erdgasdruck ‚Tief‘…“

„Ich nehme die flüssigen Rückstände hoch“, sagte Adler sofort, weil er blitzschnell festgestellt hatte, das kein Fehlalarm vorlag, sondern der Druck tatsächlich abfiel. „Passt auf die Spaltung auf!“, fügte er noch schnell hinzu und konzentrierte sich dann ganz auf die Rückstandsverbrennung.

„Susanne du übernimmst Spaltung 1“, sagte die Paulus ruhig und bestimmt, „dann kann Tanja sich auf die Zweite konzentrieren. Ich informiere die Ingenieure.“

Die amtierende Schichtleiterin Eva Paulus rollte mit ihrem Arbeitssessel zum Telefon, doch bevor sie das Mobilteil aus der Basisstation herausnehmen konnte, klingelte der Apparat.

„Jetzt kommt bestimmt die Erklärung, Eva“, sagte Adler, während die Frau das Gespräch annahm.

Die Paulus lauschte, ohne etwas zu sagen, legte den Hörer wieder zurück und stand auf. „Es gibt einen Schaden an der Erdgasleitung zwischen Teutschenthal und unserem OPA-Werk. Wir stellen beide Spaltöfen ab. Du Jonny versuchst so lange, wie möglich, die Verbrennung in Gang zu halten.“

„Kein Problem“, sagte Adler, „ich helfe Tanja die V-Destille 2 in Gang zu halten.“

„Okay Jonny, mach das.“ Sie drehte sich um, „Emil, Günther …“

„Sind schon unterwegs“, kam Balla der Frau zuvor.

Hossa zeigte auf seinen Freund. „Du Spaltung1?“

„Aye, aye, Sir!“

Die beiden Männer verließen schnell den Kontrollraum.

Noch bevor sich die Tür wieder schloss, betraten Harry Kupfer und Michael Stolz die Messwarte und gingen mit fragendem Blick auf die Paulus zu.

„Ihr habt wirklich den siebten Sinn“, sagte die Frau lächelnd, „Erdgasversorgung ist ausgefallen. Wir stellen gerade die Anlage ab!“

„Quatsch siebter Sinn,“ brummte Klaeske und ging dichter an die Bildschirme heran.

„Die neue Technik, Eva,“ flüsterte Stolz erklärend der Paulus ins Ohr, „ich habe das auf meinem Laptop mitbekommen.“

Ohne weitere Worte ging Stolz weiter zu den Prozessleitstationen von Tanja, während Kupfer bereits Jonny über die Schulter schaute, um zu sehen, ob die Verbrennung noch lief. Stolz sah Tanja zu, wie sie gemeinsam mit Jonny, der nur noch ab und zu einen Blick zur Verbrennung warf, die V-Destillation 2, die nun in sich betrieben werden musste, wieder ins Gleichgewicht brachte.

„Ich wundere mich nicht, dass Stumpfberg in Rente gegangen ist, Harry“, sagte Stolz, „das läuft hier ja alles wie geschmiert.“

Der 35-jährige Michael Stolz war ein stattlicher Mann, groß, breitschultrig, mit kräftiger, athletischer Figur, lockeren, halblang geschnittenen, dunkel-braunen, leicht rötlichen Haaren. Das Barthaar wäre bei ihm rot geworden, aber von Barttragen hielt er ohnehin nichts. Stolz war in Mainz geboren worden, hatte dort auch die Schule bis zum Abitur besucht. Seine Wehrpflicht konnte er mit einer Längerverpflichtung bei der Marine absolvieren. Von 2007 an studierte er Verfahrenstechnik in München und ging nach erfolgreichem Abschluss zur Firma Boechst nach Knappsack in die dortige B-Anlage. Am 1.9.2014 wechselte er zu OPA Industrial nach Halle und wurde in der V-Fabrik Fachingenieur für den V-Teil der Anlage.

„Geschmiert“, murmelte Kupfer mürrisch und zeigte mit der rechten Hand in Richtung Ausgang, der zur Anlage führte, „geschmiert wurde da draußen bestimmt schon lange nichts mehr.“

„Apropos geschmiert“, Stolz lachte kurz auf, „habt ihr eigentlich schon Amado informiert?“

„Bin schon dabei“, antwortete die Paulus kopfschüttelnd, weil Kupfer wieder meckern musste, verkniff sich aber eine bissige Antwort, denn sie wartete bereits darauf, dass der Chef sich meldete. Außerdem hatte sie Stolz zynische Bemerkung, die heutzutage leider immer mehr zur Realität gehörte, wieder besänftigt.

Da Amado auch nichts weiter zu dem Erdgasausfall sagte oder fragte, schob sie ihren Stuhl neben den der Cremer, die sich mit Spaltung 1 und der V-Destillation 1 herumschlug und setzte sich. „Soll ich dir die HCl-Kolonne abnehmen?“

„Ja, danke.“

Die Frauen arbeiteten still nebeneinander, bis die Anlage auf die neuen Bedingungen eingestellt war.

Susanne Cremer war eine hübsche, gut proportionierte vollschlanke Frau, der es inzwischen keine Sorge mehr machte, dass man sie für zu dick halten könnte. Die 56 Jahre alte, immer noch sehr attraktive Frau, war erstaunlicher Weise nicht verheiratet, hatte aber eine inzwischen erwachsene Tochter. Ihr ruhiger und ausgeglichener Charakter machte sie noch sympathischer. Sie redete nur, wenn sie auch etwas zu sagen hatte. Der ehemalige Anlagenleiter Dr. Prost hatte sich immer gern mit ihr unterhalten. Sie konnte auch zuhören und so wurden es mit ihr auch tatsächlich Gespräche mit Rede und Gegenrede. Als sich nach der politischen Wende 1989 die Veränderungen in der Wirtschaft abzeichneten, hatte Prost ihr, auf ihre Frage hin, geraten, vom Labor auf die Anlage umzusatteln, also Operator zu werden. Das hatte sie mit Bravour getan und nicht bereut.

Die Paulus griff wieder zum Telefon, „ich will mich mal erkundigen, wie lange die ganze Sache dauert. Hoffentlich müssen wir nicht die gesamte Anlage abstellen.“ Während sie sprach wählte sie die entsprechende Nummer, hielt den Hörer ans Ohr und lauschte.

„Teutschenthal, gutes Timing, Eva. Gerade habe ich die Information bekommen. Das Leck haben sie gefunden. Wir stellen um auf die zweite Versorgungsleitung. Das wird etwa eine Stunde dauern. Okay für euch?“

„Wir wollen es hoffen, weil wir für die Rückstandsverbrennung immer Erdgas benötigen, denn ohne diesen Anlagenteil steht die gesamte V-Fabrik.“

„Das heißt also, dass ihr abgestellt habt?“

„Nein, noch nicht, vorerst nur die Spaltöfen. Wir versuchen mit der von Hand gesteuerten Verbrennung flüssiger Rückstände, die Anlage in Gang zu halten. Wenn uns das gelingt, bleiben die DC- und Oxi-Reaktoren weiter in Betrieb, bis der Feedtank voll ist.“

„Reicht dafür die Zeit?“

„Ja, das klappt. Ich habe gerade mal überschlagen.“

„Wunderbar. Ich melde mich, wenn wir fertig sind.“

„Warte, noch eine Frage, kommt dann bei der Inbetriebnahme der anderen Leitung zuerst nur Stickstoff?“

„Das dürfte kaum spürbar für euch sein, denn es wird alles gründlich mit Erdgas gespült.“

„Okay, hoffen wir das Beste. Und Tschüss.“

Die Paulus legte den Hörer wieder zurück aufs Telefon.

„In einer Stunde haben wir wieder Erdgas,“ sagte sie laut, damit alle Bescheid wussten und setze sich wieder neben Susanne.

Die Schichtleiterin Eva Paulus war nicht nur eine kluge Frau, die durch ihre ruhige und bestimmte, unaufdringlich wirkende, aber unmissverständliche Art auffiel, sondern auch mit ihren 62 Jahren immer noch eine attraktive Erscheinung. Ihre Intelligenz und Schlagfertigkeit sorgte für ein gutes Verhältnis sowohl zu Frauen wie zu den Männern.

Nach ein paar Minuten sagte die Paulus, „ich habe dich neulich mit dem Leiter unserer Nachbaranlage auf der Straße stehen sehen. Das soll doch ein Schotte sein. Kennst du den näher?“

„Kannst du dich noch an den tödlichen Unfall bei Plast erinnern Eva?“

„Ja, klar. Das ist doch erst vor ein paar Monaten passiert.“

„Im November, genau am Ersten.“

„Das weißt du so genau?“

„Na ja,“ sagte die Cremer zögerlich.

„Nun red‘ schon. Ich habe doch dein Gesicht da auf der Straße gesehen.“

„Genau an jenem Tag saß ich mit meiner Tochter…“

„Wie alt ist deine Tochter jetzt eigentlich schon, 25?“

„Sie ist 32…“

„Wow,“ seufzte erstaunt die Paulus.

„… ja, ja. Die Zeit vergeht rasend schnell.“

„Je älter man wird, umso schneller scheint die Zeit zu laufen,“ pflichtete die Paulus bei, „wenn man das an den Kindern misst, saust die Zeit nur so dahin und wir … egal, erzähl weiter. Du hast mit deiner Tochter wo gesessen?“

 

Merseburg, Dienstag 1.November 2016

Wir wollten im ‚Goldenen Hahn‘ zusammen Abendbrot essen. Gerade hatten wir bestellt, da kam ein mittelgroßer, schlanker Mann, der etwa in meinem Alter sein musste, ins Lokal. Mir kam der Mann bekannt vor und deshalb war ich wohl aufmerksamer und bemerkte, wie er mit dem Kellner redete, denn die Gaststube war ziemlich voll. Dennoch herrschte hier immer eine ruhige Stimmung, sicher wegen der gepfefferten Preise. Dafür lohnte es sich aber auch, hier zu speisen, denn die ausgezeichneten Küche sorgte für einen geschmacklichen Hochgenuss. Das war wohl überhaupt der Grund für den guten Besuch an fast jedem Abend. Nach ein paar Minuten kam der Kellner zu uns an den Tisch. „Bei Ihnen sind ja noch zwei Plätze frei, darf ich einen davon einem älteren Herrn anbieten?“

„Vielleicht haben sie ja auch noch einen Jüngeren – dazu?“ bemerkte meine Tochter grinsend.

„Selbstverständlich“ sagte ich schnell, sah entschuldigend zum Ober und dann kopfschüttelnd zu meiner Tochter.

Wortlos verschwand der Kellner und wenig später setzte sich der Mann, einen Gruß, den ich nicht verstehen konnte, vor sich hin brummelnd.

Nur wenig später brachte der Ober ein Bier und einen braunen Schnaps, vermutlich irgendeinen Weinbrand, in einem ziemlich großen Schwenker. Das wunderte mich. Ich sah mir den Mann, der keinerlei Notiz von uns nahm, genauer an und war mir schnell sicher, dass ich ihn von irgendwoher kannte.

„Das klang doch,“ begann Svenja flüsternd, „ich meine den Gruß unseres Tischangehörigen, vermutlich – englisch?“ und sah mich an.

‚Genau,‘ dachte ich, ‚das könnte dann vielleicht der Leiter der Plastanlage sein.‘ Und der, das glaubte ich zu wissen, war ja Engländer.

Der Ober kam sofort mit einem zweiten Schnaps, als er sah, dass sein Gast ausgetrunken hatte.

‚Oh je!‘ – Jetzt verstand ich das Verhalten. Heute Vormittag hatte es den tödlichen Unfall in der Nachbaranlage gegeben. Hatte er, der übergeordnete Verantwortliche, den schwerwiegenden Fehler zu verantworten? Doch auch wenn er nicht direkt Schuld hatte, sie wusste von ihrem alten Chef und Freund Thomas Prost, dass einen Betriebsleiter bei so gravierenden Vorkommnissen immer ein Teil der Schuld zufiel, ganz abgesehen von der moralischen Mitverantwortung. Auch uns in der V-Fabrik war ja zu Ohren gekommen, dass es ein subjektiver Fehler gewesen sein sollte, der zu dem tödlichen Unfall geführt hatte. Wollte der Mann seinen Kummer ersäufen?

„Was grübelst du Mutter?“ fragte meine Tochter. Doch ich wollte ihr nichts von der Geschichte sagen, zumindest jetzt und hier nicht.

„Gefällt dir der Mann oder kennst du Ihn?“ Ließ sie nicht locker.

‚Beides,‘ dachte ich und sagte, „ich sehe, dass er Kummer hat, ich würde ihn gerne ablenken. Aber ich weiß nicht wie?“

Meine Tochter sah mich verstehend, mit einem kleinen Lächeln an und sagte dann laut, „was meinst du, Mutter, ist das braune da in dem tollen Schwenker etwa Goldbrand?“

Für einen Moment sah es so aus, als hätte der Mann das verstanden, denn er sah kurz zu uns, aber sehr schnell senkte er den Blick wieder auf sein Glas. Er trank mit ziemlich finsterer Miene seinen Schnaps mit einem Ruck aus.

Der Ober brachte prompt den dritten Schnaps.

„Ich weiß nicht, Svenja, gab es Goldbrand nicht nur in der DDR und war das nicht eigentlich ein ziemlicher Fusel?“

„Ach was, Mutter, der schmeckte doch besser als Whisky.“

Plötzlich sah der Mann meine Tochter an, „gab es denn in der Sowjetzo…“ er brach ab, weil das Lächeln aus den Gesichtern der Frauen verschwand, „…sorry, der DDR auch Whisky?“

„Keine Ahnung,“ antwortete Svenja wieder lächelnd, „ich habe mit vier Jahren das Land verlassen, in dem ich geboren worden bin.“

Am Gesicht des Mannes wiederspiegelte sich ungläubiges Staunen, aber er schwieg. Ich hatte das Gefühl, keine Ahnung warum, dass dieses belanglose Gespräch den finster blickenden Mann, von seinen schwerwiegenden, bedrückenden Gedanken ablenken könnte. Deshalb versuchte ich den Satz meiner Tochter mit besonders freundlich klingender Stimme zu erklären. „1989 ging die Ära der DDR zu Ende und bereits 1990 gehörten wir alle zur BRD.“

„Amazing“, murmelte der Mann, „yeah – das hatte ich vergessen. Entschuldigen sie.“

„Wieso denn entschuldigen,“ platzte meine Tochter los, schwieg dann aber abrupt.

„So ein Unsinn,“ fügte ich hinzu, „man hört es doch an ihrer Aussprache, dass sie nicht von hier sind. Darf ich sie fragen woher sie kommen?“

„Ich lebe schon seit 2001 in Deutschland, aber den englischen Slang werde ich wohl nie ganz los.“ Er schwieg, dachte nach, trank einen Schluck Bier, ließ aber den Schnaps stehen.

„Entschuldigen sie, mein Name ist Finley MacAskill. Ich bin kein Engländer, ich bin Schotte.“

„Ich bin Susanne Cremer und das ist meine Tochter Svenja.“

„Deligthed,“ sagte der Schotte, sah mich an und fügte hinzu, „sie sehen sehr jung aus dafür, dass sie so eine große Tochter haben.“

Bevor ich etwas erwidern konnte, sagte Svenja nachdenklich, „Schotte? – Dann ist das tatsächlich Whisky in dem schönen Glas?“

„Ein Smokehead 18 – Ardbeg. Wenn sie wollen, I would be pleased, wenn sie diesen Whisky mit mir zusammen trinken.“ Ein leichtes Lächeln flog über das Gesicht des Mannes, dass mich mehr beeindruckte, als ich mir eingestehen wollte.

„Sorry,“ fuhr Svenja fort, ebenfalls mit einem Lächeln im Gesicht, offensichtlich hatte ihr das Lächeln des Mannes auch gefallen und vermutlich hat sie außerdem meine Empfindungen gespürt, „ich muss noch fahren, aber ich hätte schon gern einen gekostet.“

Svenja, drehte ihren Kopf zu mir, „aber du vielleicht, Mutter?“

„Nein, auf keinen Fall,“ sagte ich zu schnell, überlegte erst dann, ich wollte ja unbedingt, dass der Mann sich nicht aus Kummer besäuft, sah aber gleich, dass meine Absage die gerade erst aufflackernde Offenheit im Gesicht des Schotten sofort wieder verschwinden ließ. Also versuchte ich eine Wende, „na ja, der ist doch sicher zu stark – für mich.“

Ich sah, wie meine Tochter sich das Lachen verkniff, denn sie wusste schon, dass ich gerade harte Sachen liebte. „Probiere doch mal den Whisky, Mutter, soviel ich weiß wäre das ja Premiere für dich?“

„Das würde mich freuen, Frau Cremer. Ich kann ihnen auch versprechen, dass dieser Whisky,“ er hob sein Glas etwas in die Höhe, ließ die Flüssigkeit behutsam kreisen, „sehr weich im Geschmack ist, trotz der etwa 46 % Alkoholgehalt.“

‚Das ist ja eigentlich normal‘, dachte ich und antwortete laut, „okay, den würde ich dann doch gern probieren.“ Bevor der Mann mir antworten konnte, fragte ich schnell noch, „wie teuer ist dieser Whisky?“ und zeigte auf sein Glas.

„Das weiß ich gar nicht genau,“ er überlegte kurz, „aber ich lade sie selbstverständlich …“

„… verstehen sie mich, bitte,“ unterbrach ich ihn etwas zu hastig, „ich möchte mich…“  Ich atmetet noch einmal tief durch, um ruhiger sprechen zu können, „… auch revanchieren können.“

„Aber nein, das müssen sie nicht,“ er überlegte einen Moment, „aber wenn sie sich schon revanchieren wollen, das verstehe ich, dann mit einem Getränk, dass sie gerne trinken, okay?“

Ich dachte nach und dabei muss ich wohl eher eine abweisende Miene gezeigt haben, denn plötzlich erhielt ich einen Tritt gegen mein Schienbein. Ich sah zu meiner Tochter und die funkelte mich wild an, was ich auch ohne Worte verstand.

„Sie haben Recht Herr MacAskill …“

„Bitte sagen sie doch Finley zu mir oder, wie meine deutschen Freunde das tun, Finne.“

„Okay, mein Vorname ist Susanne. Also, ich trinke einen Whisky mit ihnen und dann trinken wir auf meine Kosten einen russischen Wodka ‚Stolitschnaja Elite‘.“

Lochen Sie nicht!

oder

Zur soziologischen Psychologie der Löcher

Kaspar Hauser, Die Weltbühne, 17.03.1931, Nr. 11, S. 389; in: Lerne Lachen

Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.

Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut.

Wenn der Mensch ›Loch‹ hört, bekommt er Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.

Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hineingesteckt, und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch grade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.

Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs … festlig? … Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne.

Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht.

Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden? Meine Sorgen möcht ich haben.

Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich seitwärts in die Materie? oder läuft es zu einem andern Loch, um ihm sein Leid zu klagen – wo bleibt das zugestopfte Loch? Niemand weiß das: unser Wissen hat hier eines.

Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch ist: kann da noch ein andres sein?

Und warum gibt es keine halben Löcher –?

Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon.

Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein. Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Primäre. Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt. Wenn Sie tot sind, werden Sie erst merken, was leben ist. Verzeihen Sie diesen Abschnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen Stück und dem nächsten ein Loch ausfüllen wollen.

Verfasst von Kurt Tucholsky alias Kaspar Hauser.

 

Weihnachten 2020 – Neujahr 2021

Weihnachtsgedicht international und doch nur für 4 Personen

Sohn:
Einmal war ich ein kleiner Zwerg am Heidesee.
Denken an die Schule tut mir nicht mehr weh.
Musste manchmal in der Ecke steh’n.
Was war da nur geschehn’n?

Alle Vergangenheit liegt nun im Süden,
In Form kleinerer oder größerer Etüden.
Manchmal fehlte mir der Berater.
Was sagst eigentlich du dazu, Vater?

Vater:
Oh Tannenbaum, du glaubst es kaum,
fast hätte ich dich auch verhau‘n.
Ach, lieber, guter Weihnachtsmann
Schau mich nicht so böse an, ich hab’s ja nicht getan.

Frau:
Als nacktes Weib am Heidesee
Fühlt‘ ich mich wohler als im Winter mit Schnee.
Tagsüber Arbeit, die Kinder danach und nachts der Mann.
Tat ich doch alles, was man als Frau nur tun kann.

Die Vergangenheit lebt weiter in Geschichten,
Die ich den Besuchern erzähle ohne zu dichten.
Manches ist dabei, was man vergessen kann.
Was sagst eigentlich du dazu, mein Mann?

Mann:
Oh Tannenbaum, du glaubst es kaum,
dich hätte ich manchmal auch gern verhau‘n.
Doch, lieber, guter Weihnachtsmann
Schau mich nicht so böse an, ich hab’s ja nicht getan.

Schwiegertochter:
Spielte mit Karen einst im Sand an der See.
Doch bald waren es Cello und Geige juchhe.
All mein Lernen begleitete die Musik.
Sie ist mir Muse und Motor mit tausend Kubik.

Die Vergangenheit liegt um mich herum.
Ich kann sie sehen, aber sie ist auch nicht stumm.
Es klingt in adagio, allegro und auch mal andant(e).
Was sagst eigentlich du dazu klog gammel mand*)?

Gammel mand:
Oh Tannenbaum, du glaubst es kaum,
dich wollte ich noch nie verhau‘n.
Warum lieber, guter Weihnachtsmann,
Schaust du mich trotzdem böse an? Ich hab es nicht getan.

Sohn:
Weggeblasen hab ich manche Sorgen.
Dachte dabei noch nicht an das Morgen.
Obwohl ich schon spürte den Hauch der Musik.
Auch bei meinem Dienst für die Republik.

Die Gegenwart liegt auf Inseln in der See,
Suchen, finden, verwerfen, wo ist die nächste Idee?
Habe jetzt einen anderen Berater.
Und doch, was sagst du dazu, Vater?

Vater:
Oh Tannenbaum, du grüner Baum.
Diesen Menschen kannst du vertrau‘n.
Der Weihnachtsmann aber ist noch bös.
Schwingt seine Rute weiter nervös.

Frau:
Nur noch geistige Schönheit, aber auch die manchmal nackt.
So geht`s auch meinem Partner und das ist der Pakt.
An der Wirklichkeit ist nicht zu rütteln.
Da kann man mit noch so vielen Worten dran schütteln.

Ein kleines Dorf umgibt die Gegenwart.
Idyllisch, ruhig, gar nicht Standard.
Manches ist dabei, was man vergessen kann.
Was sagst eigentlich du dazu, mein Mann?

Mann:
Oh Tannenbaum du grüner Baum.
Ganz so ähnlich war auch mein Traum.
Der Weihnachtsmann schaut immer noch bös.
Schwingt seine Rute weiter nervös.

Schwiegertochter:
Gezogen und geschoben, manchmal zupf ich die Seiten.
Mein Cello muss mich überallhin begleiten.
Die Welt scheint mir beim Musizieren fast klein.
Sie wird schier unendlich denk ich an den Liebsten mein.

Die Gegenwart spiegelt sich in der See.
Ein kleines Schiff, es dreht nach Luv und nach Lee.
Manchmal stringendo, ad libitum oder auch rallentand(o).
Was sagst eigentlich du dazu klog gammel mand?

Gammel mand:
Oh Tannenbaum du grüner Baum.
Eine so schöne Tochter, es ist wie ein Traum.
Warum Weihnachtsmann bist du noch bös?
Schwingst deine Rute weiter nervös?

Sohn:
Ich komponiere, programmiere und studiere.
Manchmal streck ich auch von mir alle Viere.
Oder ich greife mir Rasenmäher, Boot oder Trecker.
Nach vollbrachtem Werk schmeckt das Essen so lecker.

Die Zukunft sind Sterne am Himmelszelt.
Jeder seine eigene Botschaft enthält.
Wie diese aussieht weiß auch kein Berater.
Oder doch? Was sagst du dazu, Vater?

Vater:
Oh Tannenbaum, man glaubt es kaum.
Die Theorie bildet die Wurzeln, fest steht dann der Baum.
Weihnachtsmann deine Rute fürchtet er nicht.
Fuchtle du nur, er wahrt trotzdem sein Gesicht.

Frau:
Ich seh in den Spiegel, zum Glück ist er klein.
Er zeigt nur den Kopf, sieht nicht in mich hinein.
Was grau vor Alter ist, das ist ihm göttlich?
Hier irrst du dich Schiller, das klingt eher spöttlich.

Die Zukunft ist zeitlos, ich fühl mich befreit.
Die Kinder der Kinder und deren Kinder gestalten die Zeit.
Bald gehören wir zu dem, was man vergessen kann.
Oder, was sagst du dazu, mein Mann?

Mann:
Oh Tannenbaum, man glaubt es kaum.
Grau ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldner Baum.
Weihnachtsmann steck deine Rute ein.
Wir wollen und werden fröhlich sein.

Schwiegertochter:
Mein Cello singt mit den anderen im Chor.
Eigentlich hatte ich doch auch noch etwas anderes vor?
Was war das doch gleich, ich frage den Wind.
Der zaust meine Haare und flüstert ein … ind.

Am Horizont hinter dem Meer leuchtet der Zukunft Schein.
Davor das Land, ein Haus – frohe Geräusche rahmen es ein.
Sie klingen giocoso, sostenuto oder auch scherzand(o).
Was sagst du nun klog gammel mand?

Gammel mand:
Oh Tannenbaum, man glaubt es kaum.
Nur mit Theorie gibt es keinen nächsten Baum.
Weihnachtsmann hier brauchst du deine Rute nicht.
Du bekommst doch auch Reisbrei oder isst du den nicht?

*) kluger, alter Mann

Trotz aller Einschränkungen:

Frohe Weihnachten für jeden Menschen und ein besseres, gesundes und erfolgreiches Jahr 2021

Der Bohrarbeiter und die Philosophie

Boberow (Mecklenburg), 12. Juni 1964

„Leute, wir müssen die drei beschädigten Meißel an den Straßenrand holen“, schimpfte Bohrmeister Boge, hüpfte wie Rumpelstilzchen um seine drei Bohrarbeiter herum und fügte dann als Erklärung noch hinzu, „in einer halben Stunde kommt der Transport und da sollen – da müssen! – die mit, verdammt!“

Der dreiunddreißigjährige Erwin Schmiedefeld, dünn wie eine Bohnenstange, mindesten einen Meter neunzig groß, drahtig und zäh runzelte seine braun gebrannte Stirn und schüttelte verständnislos seinen Kopf. „Wieso fährst du die Dinger nicht mit der Planierraupe hierher?“

Der Bohrleiter fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. „Mensch, das hätte ich doch längst gemacht, Erwin, aber die ist kaputt und die Reparatur dauert zu lange. Verdammte Scheiße!“

Der bullige, muskelbepackte, gegenüber Schmiedefeld zwei Köpfe kleinere Fritz Krause brummte, „dann müssen sie eben erst morgen weggebracht werden.“

„Auf keinen Fall!“, regte sich Boge wieder auf, „wir haben keinen Ersatz mehr. Die müssen heute mit, damit sie schnell repariert werden können.“

In die eingetretene Stille hinein fragte Thomas Prost, „wo liegen denn die Meißel?“

Boge zeigte mit der ausgestreckten rechten Hand über eine aufgewühlte Sandwüste zur anderen Seite der Bohranlage schräg vorbei an dem fünfundvierzig Meter hohen Turm. „Das sind mindestens zweihundert Meter.“

„Und“, Prost hob kurz seine Arme an, „wie schwer ist so ein Meißel?“

Während Schmiedefeld und Krause stirnrunzelnd ihren Kurzzeit-Kollegen ansahen, erklärte Boge gleichmütig. „Na ja, der Tiefbohrmeißel mit seinen drei Rollen aus Hartstahl, die in einem Rohr zusammengeführt werden, wird so seine eineinhalb Zentner wiegen.“

Prost überlegte kurz.

„Das sind also fünfundsiebzig Kilogramm. Die bringt ein achtzig Kilogramm schwerer Sportsmann zur Hochstrecke. – Aber – der Weg ist natürlich ganz schön lang.“

Prosts Kollegen Krause und Schmiedefeld brachen in schallendes Gelächter aus, in das Boge mit eintaktete, als er begriffen hatte, was der zukünftige Student der Verfahrenstechnik da gerade von sich gegeben hatte.

Thomas Prost war am 30. 4. 1964, nach zwei Jahren und acht Monaten Dienstzeit, ehrenvoll aus den Reihen der NVA mit dem Dienstgrad Unteroffizier entlassen worden. Sein Studium der Verfahrenstechnik an der TH in Merseburg begann aber erst am 1. September. Deshalb fackelte er nicht lange und sah sich, zur sinnvollen Überbrückung dieser Zeit, nach einer Arbeit um. Als ihm sein Vater von den Erdölbohrarbeiten erzählte, bewarb er sich sofort bei der Firma als Kraftfahrer. Dort wurde ihm mitgeteilt, dass eine Arbeit als Kraftfahrer nicht möglich wäre, ihm aber ein Job als Bohrarbeiter angeboten werden kann, sagte er sofort zu. Prost liebte schwere Arbeiten, das war schon während seiner Kindheit in einem kleinen altmärkischen Dorf so gewesen. Bei der Armee hatte er sich aus eigenem Antrieb fit gehalten, sonst wäre er dort dick und fett geworden. Prost war deshalb heute immer noch gut in Form und seine Worte keineswegs nur so daher gesprochen. Er wartete geduldig bis seine Kollegen aufgehört hatten zu lachen.

„Erwin, wenn ich mit dem ersten Meißel hundert Meter geschafft habe, kümmerst du dich dann um den Zweiten?“

Schmiedefeld überlegte. Er konnte den schlaksigen Jüngling von Anfang an gut leiden, weil der richtig derb zupacken konnte, einem eher die Arbeit wegnahm, als sie einem zuschob und man konnte kluge Gespräche mit ihm führen. Er verzog das Gesicht zu einem kleinen Lächeln, weil er sich an ihre philosophischen Gespräche der letzten Tage erinnerte. Vor Beginn einer Frühschicht hatte Thomas Prost zu ihm gesagt, „weißt du Erwin wie ungeschickt ich mich am Anfang hier auf dem Bohrturm angestellt habe?“ er drehte den Kopf zu seinem Kollegen, sah dass der ihm aufmerksam zuhörte und fuhr lächelnd fort, „ich habe anfangs zehnmal so viel Kraft gebraucht, als ich das jetzt muss. Damals war ich zum Feierabend total geschafft, jetzt komme ich nicht mal mehr ins Schwitzen,“ wieder sah er seinem Kumpel Erwin in die Augen, aber der lauschte nach wie vor seinen Worten, „jetzt kenne ich alle Handgriffe, benutze sie effektiv, genau mit der richtigen Kraftaufwendung. Ist doch interessant, Erwin? Oder?“

„‘Das Umschlagen von Quantität in Qualität‘,“ antwortete der trocken, so dass Prost verblüfft schwieg.

„Erstes dialektisches Grundgesetz,“ fügte Erwin grinsend hinzu. Schmiedefeld machte dieses Gespräche Spaß. Der Junge hörte einem richtig zu, antwortete kurz, präzise und er besaß Humor. Menschen ohne Humor strengten Erwin zu sehr an. Behauptete er zumindest von sich.

„Na mach’ mal, Thomas,“ sagte Schmiedefeld, „dann sehen wir weiter.“

Sie gingen beide in die vom Bohrleiter gezeigte Richtung. Als Thomas sich zu dem ersten Meißel hinunter beugte, um fürs Tragen den besten Griff zu finden, bemerkte er, dass auch Krause mitgekommen war. Prost griff in die Aushöhlungen, in denen sich die wie Kegelräder geformten Kreisel befanden, hob den Meißel kurz an und setzt ihn wieder ab.

„Na, wohl doch zu schwer, du Angeber?“ Krause grinste breit.

Prost ließ sich nicht stören, griff erneut zu, hob den Meißel jetzt noch ein Stück höher, sodass er genug Bewegungsfreiheit für seine Beine hatte, sein Schoß konnte auf die Art ein wenig beim Tragen helfen.  Der junge Mann watschelte ziemlich zügig  los. Krause sah ihm mit verbissenem Gesicht hinterher, während Erwin lächelte.

Als Schmiedefeld sah, dass sein Freund nicht so schnell schlappmachen würde, beugte er sich zum zweiten Meißel nach unten, hob ihn an und – watschelte – genau wie Prost, nur dass das bei Erwin noch komischer aussah, hinter seinem Kollegen hinterher. Aber komisch oder nicht, das war Erwin egal und außerdem hatten sie ja sowieso nur einen Zuschauer, den Bohrleiter. Der drückte die Fäuste fest zusammen, als könnte er auf diese Art beim Tragen mithelfen. Er hoffte inständig, dass die Männer die Strecke tatsächlich schaffen würden.

Erwin dachte trotz der Anstrengung erneut an das interessante Gespräch mit seinem jungen Freund. Nach Schichtende hatten die beiden ihre Debatte über Dialektik fortgesetzt.

„Woher weißt du das Erwin?“ fragte Prost seinen sympathischen Kollegen.

Schmiedefeld schwieg. Bis zu diesem Gespräch über Philosophie mit Prost, wusste niemand, dass er nach seinem Abi auf der ABF 1953, danach zwei Jahre in Halle an der MLU Philosophie studiert hatte.

„Ich sehe, Thomas, dass du noch andere Fragen auf der Zunge hast. Spuck sie aus.“

„Aber dann klärst du mich auf?“

„Über Sex rede ich auch gerne, obwohl…“

„Wieso Sex?“ stellte Prost sich dumm.

„Rousseau, Diderot und Madam Pompadou. Ja, ja, das 18. Jahrhundert, die Epoche der Aufklärung, war auch sehr interessant.“

„Na gut Herr Professor, hast du auch ein Beispiel für den Kampf und die Einheit der Widersprüche?“

„Du hast es doch selbst schon gesagt. Denk nach.“

„Du meinst,“ Prost zögerte, „du meinst meine Veränderung hier bei Euch?“

„Genau Scholar,“ erneut grinste er, „Bewegung ist die notwendige Triebkraft für Veränderung, Entwicklung. Ein Wesen ist in jedem Augenblick dasselbe und doch ein anderes.“

Erwin ergötzte sich an seinem, aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommenden Kollegen und Freund.

Genau auf der Mitte des Weges ließ Prost den Meißel fallen und streckte sich. Kurz hinter ihm traf Schmiedefeld ein, warf seinen Meißel ebenso in den Sand und schnaufte.

„Du bist eine kaputte Type, Prost, aber“, er zeigte mit der Hand zurück, „du hast Erfolg.“

Tatsächlich hatte sich Krause den dritten Meißel geschnappt und kam nun auf sie zu. Seinen Gang mit dem Meißel konnte man schon fast Laufen nennen. Der bullige Kerl machte das noch besser als die zwei vor ihm.

Krause schmiss seinen Meißel ebenfalls hin und schnauzte, „Prost, du bist ein Arschloch! – Aber stark. – Das hätte ich nicht gedacht.“

Dieses Lob ging Thomas tief unter die Haut, aber er sagte nichts, sondern stellte sich wieder vor seinen Meißel, ging in die Knie, hob das schwere Teil wieder an – ihm war so, als wäre es leichter geworden – und watschelte weiter. Erwin folgte ihm, seinen Gedankengang fortsetzend, auf dem Fuße.

„Hast du etwa auch studiert Erwin?“ Prosts Blick zu Schmiedefeld unterstrich seine Fragestellung. „Warum verheimlichst du das? Und überhaupt, warum arbeitest du dann hier?“

„Ich habe nur zwei Jahre Philosophie an der Uni Halle studiert.“ Schmiedefeld machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das ist alles.“

„Dann hast du Abitur?“

„ABF, auch in Halle.“

„Warum hast du aufgehört?“

„Willst du das wirklich wissen?“

„Ja unbedingt.“

„Mann, ich weiß es doch selber nicht.“

Die beiden schwiegen.

„Was ist jetzt mit dem 3. Dialektischen Grundgesetz,“ unterbrach Prost die Stille, „die Negation der Negation?“

„Das ist doch am einfachsten, Thomas.“

„Ich finde das am verworrensten.“

„Du liebst doch Mathe, hast du mir erzählt. Du musst nur richtig nachdenken, dann siehst du, wie einfach das ist.“

Prost grübelte ein zwei Minuten schweigend, bevor er weitersprach. „Ein positive Zahl wird negativ, wenn ich sie mit einer negativen multipliziere. – Ja, ist das die Negation?“

Schmiedefeld schwieg grinsend.

„Oh, ich glaube, jetzt geht mir ein Licht auf, denn wenn ich die negative Zahl nun mit einer weiteren negativen multipliziere, wird das Ergebnis positiv.“ Über Prosts Gesicht lief ein erstauntes, etwas ungläubiges grinsen. „Das ist dann wohl die Negation der Negation Erwin? Minus mal Minus ergibt Plus?“

„Das Verschwinden der alten Qualität, also Negation, ist verbunden mit ihrem Wiederauferstehen, der doppelten Negation, in einer neuen Qualität.“

Als sich Prost mit seinem Meißel dem Straßenrand näherte, fuhr dort der LKW vor und er ließ seinen Meißel dicht am Fahrzeug, zu Boden gleiten. Nur wenig später trafen auch Schmiedefeld und Krause ein, die sich genauso erleichtert von ihrer Last befreiten.

Boge tanzte freudig um die drei herum. „Mensch Leute, das ist ja wunderbar. Damit habt ihr einen Verzug beim Vortrieb der Bohrung verhindert.“

„Quatsch nicht so viel, Boge, rück lieber mit `ner Prämie raus“, brummte Krause und Schmiedefeld fügte grinsend hinzu, „die Idee solltest zu festhalten, Bohrleiter.“

Boge lachte. „Da braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Natürlich kriegt ihr eine Prämie. Aber außerdem gibt es ja Bohr-Geld pro Meter Tiefe, und da wir nun nicht in Verzug kommen werden, gibt es auch mehr von dieser Prämie.“

Die Aktion der drei sprach sich schnell unter den Kollegen der anderen Schichten der Bohranlage herum und der angehende Student merkte von diesem Tage an, dass er sich den Respekt der 18 Bohrarbeiter erworben hatte.